Lehman-Brothers-Pleite Zwangsimpfung der Finanzwirtschaft

Man muss die Finanzkrise in zwei Phasen unterteilen. Zuerst war es die Unsicherheit über die Belastungen aus dem Hypothekengeschäft, die Misstrauen zwischen den Banken säten. Zwar war die Zahl der Subprime-Kredite begrenzt, doch ihre Bedeutung wurde durch Derivate potenziert, die nichts anderes als Wetten sind, bei denen der Gewinn des einen der Verlust des anderen ist. So konnte sich die gesamte Wall Street infizieren. Die erste Bank, deren Immunsystem versagte, war Bear Stearns im März 2008. Sie wurde von JP Morgan übernommen, nachdem sich die Notenbank Federal Reserve bereit erklärte, einen Teil der Risiken zu übernehmen.

Mit der Lehman-Pleite erreichte die Krise eine neue Dimension. Aus Angst ihre Geschäftspartner könnte ein ähnliches Schicksal ereilen, zogen sich die Banken vom Kreditmarkt zurück. Panik machte sich in den Handelssälen breit - wie ein hochansteckender Krankheitserreger, der das gesellschaftliche Leben lahmlegt. Zunächst sprang das Lehman-Virus auf den Versicherungskonzern AIG über, dann auf die Investmentbanken Merrill Lynch, Morgan Stanley und Goldman Sachs. Selbst Großkonzerne wie General Electric waren vorübergehend von der Geldversorgung abgeschnitten. In Deutschland raffte es die Hypo Real Estate dahin. Erst die Zwangsimpfung der Finanzwirtschaft mit Staatshilfen dämmte die Krise ein.

Um die Vorgänge besser zu verstehen, muss man das Finanzsystem als Netzwerk begreifen und Banken als Knotenpunkte. Entscheidend ist nicht nur ihre Größe, sondern auch die Art ihrer Verbindungen mit den Handelspartnern. Sind es Bargeldströme oder Finanzwetten, Unternehmensbeteiligungen oder Schuldentitel? Auch ihr Standort spielt eine Rolle. Befindet sie sich in einem Kleinstaat oder in einem Land, das international eine wichtige Rolle spielt? Vernetzte Banken sind in einer Finanzkrise, was Geschäftsreisende bei einer Pandemie sind: potentielle Überträger, die Viren in alle Welt verbreiten. Aus diesen Erkenntnissen hat Camelia Minoiu, Ökonomin beim Internationalen Währungsfonds, ein Modell gebastelt, das die Verbreitung einer Finanz-Seuche simuliert. "Hätte sich die Netzwerkanalyse im Werkzeugkasten der politischen Entscheidungsträger befunden, hätten sie die möglichen Konsequenzen der Pleite einer mittelgroßen Finanzinstitution besser verstanden", glaubt Minoiu.

Im Kanzleramt wird schon das Lehman-Szenario durchgespielt

Doch sind Regierungen wirklich in der Lage, aus dem Lehman-Desaster zu lernen? Äußerungen, mit denen deutsche Volksvertreter versuchten, das Sommerloch zu stopfen, schüren Zweifel. Selbst der Bundeswirtschaftsminister hielt es für angebracht, davon zu reden, dass eine Pleite Griechenlands längst ihren Schrecken verloren habe. Vielleicht wird es schon bald zum Testfall kommen. Athen geht das Geld aus, und die Bereitschaft für neue Hilfen schwindet. Im Berliner Kanzleramt wird daher schon ein Lehman-Szenario durchgespielt. Die Zahlungsunfähigkeit Athens würde die Zweifel am Bestand der Eurozone massiv verstärken. Spanien und Italien würden erneut ins Visier der Spekulanten geraten. Selbst Frankreich wäre womöglich nicht immun. Großbanken, die den Euro-Staaten Geld geliehen haben, könnten in akute Not geraden.

Was auf Lehman folgte, hat das Vertrauen in die Marktwirtschaft erschüttert. Der Staat sprang Bankern bei und sicherte ihre Boni, während Fabriken schlossen und Millionen Jobs verloren gingen. Eine zweite Finanzkrise würde nicht nur die finanziellen, sondern auch die ideellen Ressourcen der Regierungen überfordern. Daher schworen sich die Industrie- und Schwellenländer im Herbst 2008: Nie wieder Lehman. Finanzreformen wurden verabschiedet, Aufsichtsbehörden gestärkt, Banken gedrängt, ihre Kapitalausstattung zu verbessern und ihre Bonusregeln zu verändern. Doch die wichtigste Lehre der Finanzkrise ist, dass die Regierungen notfalls bereit sein müssen, marktwirtschaftliche Prinzipien zu verletzen, um die Marktwirtschaft zu retten.

Warum bekam Lehman keine Hilfe? Richard Fuld verfolgt diese Frage bis heute, sie martert ihn wie damals der Gedanke an Ken Lewis. Fuld hat sich zurückgezogen. Bei einem der wenigen öffentlichen Auftritten sagte er: "Ich bin mir bewusst, dass wir eben noch eine Firma hatten und am nächsten Tag keine mehr. Das hat vielen Leuten Leid zugefügt. Und ich muss damit leben."