Landwirtschaft Wie der Staat die Lage der Bauern noch verschlimmert

Bauer Jürgen Hayessen: "Die hohen Pachten sind ein Grund dafür, warum viele Erzeuger durch eine schlechte Ernte in Not geraten."

(Foto: OH)
  • Die Bundesregierung hat signalisiert, dass sie den Bauern mit Steuergeld bei der Bewältigung der Dürre-Folgen helfen will.
  • Gleichzeitig verlangt aber der Staat von den Bauern höhere Pachten. Für viele ist das kaum nachvollziehbar.
Von Silvia Liebrich

Ein altes Rittergut als Wohnsitz, das klingt nach viel Spaß und Abenteuer. Das Gut Etzdorf in Sachsen-Anhalt ist so ein Ort voller Geschichte und Geschichten. Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. hat hier einst seine Spuren hinterlassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg drückten die DDR-Oberen dem Gut ihren Stempel auf. Heute leben Jürgen Hayessen und seine Familie in dem alten Gemäuer im Saalekreis. Doch nach Spaß ist dem 37-Jährigen derzeit nicht zumute.

Hayessen ist einer von vielen Landwirten in Europa, denen die anhaltende Trockenheit zu schaffen macht - und nicht nur die. Gerade erst hat er Post von der staatlichen Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) bekommen, mit einer Pachterhöhung um acht Prozent, die ab 1. Oktober gilt. Hayessen hat von der Gesellschaft 80 Hektar Land gepachtet, die seine Familie seit 23 Jahren beackert. Um die 500 Euro zahlt er bislang im Schnitt je Hektar. Weitere 270 Hektar gehören anderen Verpächtern, ihm und der Bank, die ihm dafür Kredit gibt.

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Andere Erzeuger im Osten Deutschlands haben ähnliche Briefe bekommen. Die BVVG ist der größte Verpächter von Ackerland in Ostdeutschland. Die Gesellschaft ist Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) unterstellt und verwaltet die Liegenschaften der ehemaligen DDR. Zu stemmen ist die Pacht nur dann, wenn die Ernte stimmt, und in diesem Jahr sieht es schlecht aus. Raps, Weizen und Gerste hat Hayessen bereits abgeräumt. Mais, Zuckerrüben und Luzerne kommen noch. "Die Verluste liegen durchweg bei 30 bis 50 Prozent", meint Hayessen. "Wir brauchen Nothilfen vom Staat, um diese Verluste auszugleichen, die Pacht muss gezahlt werden."

Die Bundesregierung hat bereits signalisiert, dass sie den Bauern mit Steuergeld helfen will, der Deutsche Bauernverband fordert eine Milliarde Euro Soforthilfen. Warum aber der Staat gleichzeitig von den Bauern höhere Pachten verlangt, für Hayessen ist das kaum nachvollziehbar. "Die hohen Pachten sind ein Grund dafür, warum viele Erzeuger durch eine schlechte Ernte in Not geraten", sagt er.

"Die Einnahmen der BVVG sollen möglichst hoch ausfallen"

Es ist kein Geheimnis, dass Druck aus dem Finanzministerium kommt. "Die Einnahmen der BVVG sollen möglichst hoch ausfallen", sagt auch der Landwirt. Verpachtetes Ackerland brachte dem Bund allein 2017 mehr als 125 Millionen Euro ein. Ärgerlich für viele Bauern ist auch, dass die BVVG als größter Verpächter maßgeblich beteiligt ist, die Preise in die Höhe zu treiben. Was unter anderem am Ausschreibungsverfahren liegt: Schreibt die Behörde neues Pachtland aus, können Interessenten ihr Preisangebot machen, der mit dem höchsten bekommt den Zuschlag, andere Verpächter, etwa Kirchen und Gemeinden, orientieren sich daran. Für guten Boden wurde zuletzt bis zu 800 Euro je Hektar und mehr aufgerufen.

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Die BVVG ihrerseits beharrt darauf, das Vergabesystem sei transparent und jeder könne mitbieten. Sie will den Bauern in der Krise entgegenkommen, im August fällige Pachtraten sollen bis Dezember gestundet werden. Ein entsprechendes Angebot hat auf Nachfrage auch Hayessen erhalten. Der Haken daran: Er soll einen Stundungszinssatz von 1,12 Prozent zahlen. "Der Finanzminister macht den Banken damit echte Konkurrenz", sagt Hayessen trocken. Er findet, dass Landwirten so nicht geholfen ist. Zugleich weist ihn die Behörde darauf hin, dass er ja von seinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen könnte. Was bedeutet, dass er die gepachteten Flächen umgehend verlieren würde. Das kann sich Hayessen nicht leisten. Er braucht den Boden, hat viel investiert in das Gut, das bis 1945 seinen Vorfahren gehörte. Seine Familie hat es nach der Wende zurückgekauft, um die Geschichte des alten Ritterguts fortzuschreiben.

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