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Konjunktur:Hört auf, die schwarze Null anzubeten!

Containerschiffe

Die deutsche Wirtschaft ist im vergangenen Jahr erneut gewachsen. Grund dafür war jedoch ausnahmsweise nicht die traditionelle Exportstärke.

(Foto: dpa)

Bislang trotzt Deutschland den globalen Risiken, die Wirtschaft wächst weiter. Doch der Wohlstand ist gefährdet. Das Land braucht dringend mehr Investitionen - und höhere Löhne.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Das ist in diesen unruhigen, von Extremen bedrohten Zeiten mal eine gute Nachricht: Die deutsche Wirtschaft trotzt den multiplen Gefahren. 2016 stieg das Bruttoinlandsprodukt so stark wie zuletzt vor fünf Jahren. Als hätte es all die globalen Risiken gar nicht gegeben. Weder den Verfall des Ölpreises, der die Förderländer bedrohte, noch das Abflauen des chinesischen Booms. Und nicht mal populistische Eruptionen wie den Brexit, der den Bestand des Wohlstandsmotors EU ebenso fundamental infrage stellt wie der Dauerzwist um Flüchtlinge und Euro-Rettung.

Die deutsche Volkswirtschaft wächst einfach weiter. Sie wirkt so unbeirrt wie Ende der Nullerjahre, als sie das Tränental der Finanzkrise schneller hinter sich ließ als andere Industrienationen. Sie wirkt so stabil wie in der anschließenden Eurokrise, in der Deutschland als einziger großer Staat der Währungsunion keine Flaute hatte. Sie steht in den aktuell mannigfaltigen Stürmen da wie ein Berg, den so schnell nichts umhaut.

All die Untergangsszenarien waren mal wieder übertrieben

Dies darf zunächst einmal als weiterer Beweis dafür gelten, dass die Deutschen ziemlich viel richtig machen. Ihre Firmen sind ideenreich und wettbewerbsfähig, ihre Arbeitnehmer engagiert, ihre Gewerkschaften konstruktiv. Und obwohl Wirtschaftsfunktionäre stets über staatliche Rahmenbedingungen klagen: So schlecht können die kaum sein, wenn das Land so gut durch die Nullerjahre kommt wie bisher. Zusammengefasst: Der teutonische Hang zum Pessimismus produziert mehr "German Angst", als die Realität erfordert.

Die genauere Analyse des Wachstums zeigt aber auch, dass im vergangenen Jahr einiges anders lief als gedacht. Zum einen erwiesen sich all die Untergangsszenarien für die Weltwirtschaft wieder mal als übertrieben. Weder riss die Normalisierung des chinesischen Booms die globale Konjunktur hinab, noch kollabierte dort das Finanzsystem. Der niedrige Ölpreis richtete ebenfalls wenig Schaden an. Vielleicht dient das ja als Lehre, die Hysterie mancher Auguren in Zukunft weniger ernst zu nehmen.

Zum Zweiten speiste sich das deutsche Wachstum erneut aus anderen Quellen als gewohnt. Ja, der Export nahm weiter zu, aber nur mäßig. Entscheidend für das Wachstum der Wirtschaft um fast zwei Prozent war keineswegs die traditionelle Exportstärke, sondern etwas anderes: Der von klassischen Ökonomen und Wirtschaftsvertretern gern skeptisch beäugte Konsum. Wobei es 2016 gar nichts skeptisch zu beäugen gab.

Denn der Staat hat jede Menge für die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen ausgegeben, was er sich dank all der Steuereinnahmen problemlos leisten kann. Und die Bürger gaben mehr für sich aus, was sie sich angesichts Rekordbeschäftigung und offensiverer Lohnpolitik problemloser leisten konnten als in den dürren Nullerjahren.

Die deutsche Wirtschaft ist kein unverrückbarer Berg

Wie geht es dieses Jahr weiter? Viele Prognostiker erwarten ein etwas schwächeres Wachstum, manche eine Halbierung. Die deutsche Wirtschaft mag wie ein unverrückbarer Berg wirken, in Wahrheit ist sie angreifbar. Die globalen Risiken liegen auf der Hand. Es führt kein Weg an der Einsicht mehr vorbei, dass die Amerikaner wirklich Donald Trump gewählt haben und der in sieben Tagen die größte Wirtschaftsmacht der Erde anführt. Falls er Handelskriege lostritt, wofür die Anzeichen nicht schrumpfen wollen, zwingt er die globale Konjunktur in die Knie. Ebenso bedrohlich wirkt die Aussicht, dass Populisten nach dem Brexit bei den französischen Wahlen siegen, was die Europäische Union sprengen könnte.

Wie kann die Bundesrepublik handeln? Ihren Einfluss ausüben, um Donald Trump Vernunft zu empfehlen. Genauso nötig erscheint es, mehr Ruhe in Europa zu stiften. Eine Investitionsoffensive für den Kontinent, die etwa französischen Wählern eine Perspektive inmitten all der Reformanstrengungen verheißt, wäre ein längst fälliger Kurswechsel. Was nützt den Deutschen die Anbetung der schwarzen Null, wenn eine Präsidentin Marine Le Pen aus der EU austritt? Mehr Investitionen helfen auch, um die deutsche Konjunktur zu stabilisieren. Lohnende Ziele gibt es bei Straßen, Schulen und Netze genug. Und die Firmen geben ebenfalls schon lange zu wenig aus.

Der Export wird trotz des schwachen Euro wegen der globalen Herausforderungen 2017 kaum für genug Wachstum sorgen. Was Deutschland braucht, sind mehr Investitionen. Und angemessene Lohnabschlüsse, damit die Bürger trotz der steigenden Inflation genug Geld zum Ausgeben haben - statt ihre Portemonnaies zuzuhalten, wie sie das in den Nullerjahren der zu mageren Tarifrunden tun mussten.

© SZ vom 13.01.2017/jps/vit

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