Glyphosat Aldis Glyphosat-Bann ist eine riesige Chance

Dass Aldi sich beim Thema Glyphosat auf die Seite der Verbraucher stellt zeigt, dass sich Marktwirtschaft und Ökologie nicht ausschließen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Discounter muss jetzt Taten folgen lassen und nicht nur seinen Bauern dazu zusehen. Sonst ist die Ankündigung nichts mehr als ein PR-Gag.

Kommentar von Michael Kläsgen

Aldi hat das Thema Glyphosat für sich entdeckt. Der Discounter lässt seine Lieferanten wissen, am liebsten nur noch Lebensmittel verkaufen zu wollen, die so wenig von dem möglicherweise krebserregenden Unkrautvernichter wie möglich enthalten.

Die Vermutung, dass dahinter ein PR-Gag steckt, liegt nahe. Die Lebensmittelindustrie ist selber verantwortlich dafür, dass ihr Misstrauen entgegenschlägt. Sie nimmt es oft mit der präzisen Kennzeichnung von Lebensmitteln nicht sehr genau. Sie bewirbt Produkte als "regional", die gar nicht aus der Region stammen. Sie vermarktet im großen Stil "glutenfreie" Nahrung, obwohl Gluten nur für relativ wenige Menschen gesundheitsschädlich ist. Sie fördert so aber den Verkauf der Produkte, weil die Menschen verunsichert sind.

Plötzlich sind Chia-Samen und Goji-Beeren aus fernen Ländern in Mode, obwohl Leinsamen und Blaubeeren die gleichen Wirkstoffe enthalten. Nur: Bei dem exotischen "Super-Food" können die Lebensmittelhändler große Margen erzielen. Und darum geht es ihnen in der Marktwirtschaft verständlicherweise. Sie sind daher auch Meister des Marketings. Sie kreieren gesellschaftliche Trends oder springen auf sie auf. Der Verdacht, dass es sich beim Glyphosat ebenso verhält, drängt sich auf, zumal, wenn Aldi den Vorstoß macht.

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Der Discounter steht für Preisführerschaft. Seit Jahrzehnten versucht er, sich über niedrige Preise von der Konkurrenz abzuheben. Niedrige Preise sind aber nur durch Massenproduktion und Massentierhaltung zu erzielen. Nur wer große Mengen einkauft, erhält günstige Einkaufspreise und kann sie an die Kunden weitergeben. Deswegen hat der Discounter ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn er sich mit glyphosatfreien Lebensmitteln profilieren will. Er muss ja selber nicht viel tun, um dieses Ziel zu erreichen. Dafür sorgen müssen andere. Selbst Massenschlachtereien wie Tönnies oder Westfleisch könnten das Problem an die Futtermittelhersteller am Ende der Lieferkette delegieren. Ob diese dafür mehr Geld erhalten, darf bezweifelt werden. Trotzdem müssen sie handeln, damit Aldi sich das Etikett "glyphosatfrei" anheften kann.

Anders verhielte es sich, wenn Aldi selber voranginge und sich nur noch von ökologisch nachhaltig wirtschaftenden Bio-Betrieben beliefern ließe, die das Tierwohl achten. Dann wäre Glyphosat schnell verbannt. Die Betriebe gibt es. Sie sind aber in der Regel so klein, dass sie Großabnehmer wie Aldi nicht im Ansatz ausreichend mit Ware beliefern könnten. Weil sie keine Masse herstellen, kann Aldi sie wiederum nicht angemessen bezahlen. Täte er es, müsste der Discounter vom Kunden Preise verlangen, die sein Geschäftsmodell als Discounter infrage stellten. Das wird er nicht tun - es sei denn, der Kunde zwingt ihn dazu.

Kein Kunde will Glyphosat essen

Hier liegt der Grund, warum der Aldi-Vorstoß trotz allem hoffen lässt: Discount-Kunden sind zwar nicht bereit, den gleichen Preis wie im Bioladen zu zahlen. Sie wollen aber auch kein Glyphosat essen. Der Discounter tut nichts anderes, als auf dieses Bedürfnis zu reagieren. Er weiß, dass Glyphosat ein Thema ist, das die Massen bewegt. Aldi wendet sich nicht gegen das Herbizid, weil ihm Beweise vorliegen, dass es unzweifelhaft krebserregend ist. Der Discounter ist keine Gesundheitsbehörde, er ist ein Handelsunternehmen in einem extrem umkämpften Markt.

In diesem Markt hat der Kunde eine größere Macht, als ihm bewusst ist. Wenn er ein Produkt nicht in dem einen Laden kaufen will, geht er zur Konkurrenz. Die Lebensmittelhändler sind aus Sicht des Kunden im positiven Sinne austauschbar geworden. Es geht ihm um die Qualität des Produkts und um dessen Preis, nicht um den Namen des Händlers. In diesem Markt ist schnelles Reagieren auf Kundenbedürfnisse ein entscheidendes Kriterium für die Anbieter geworden, um sich im Wettbewerb abzusetzen.

Dass Aldi sich beim Thema Glyphosat auf die Seite der Verbraucher stellt, während die Politik noch hadert, zeigt, dass sich Marktwirtschaft und Ökologie nicht ausschließen, sondern befördern können. Weil Aldi eine enorme Einkaufsmacht hat, kann der Discounter viel bewirken. Jahrzehntelang ging die Macht zulasten kleiner Betriebe und des Tierwohls. Falls Aldi tatsächlich nur noch glyphosatfreie Produkte in seine Regale stellt, kann diese Marktmacht auch etwas Positives bewirken: Dann wäre ein potenzielles Risiko etwas eingedämmt; dann würden andere wohl nachziehen; die Marktwirtschaft hätte dann besser funktioniert, als es die Politik verlangt - und Aldi hätte Politik gemacht, wo die EU und die Bundesregierung ein Vakuum hinterlassen. Zunächst aber muss Aldi liefern.

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