Nachhaltigkeit:Wenn das Glas halb voll ist

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Nachhaltigkeit: In der Diskussion (von links): Karen Pittel vom Ifo-Institut, Dirk Schmitz von Blackrock und Dominik von Achten, Vorstandschef von Heidelberg-Cement.

In der Diskussion (von links): Karen Pittel vom Ifo-Institut, Dirk Schmitz von Blackrock und Dominik von Achten, Vorstandschef von Heidelberg-Cement.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sollen Unternehmen auf Wachstum oder auf Klimaschutz setzen? Am besten auf Beides, sagen die Experten. Denn nur langfristig nachhaltige Firmen sind auch erfolgreich. Doch so einfach ist das nicht.

Von Caspar Busse

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Wirtschaft und Klimaschutz - das Spannungsverhältnis ist mitunter ziemlich groß. Eines der besten Beispiele für dieses Dilemma, das nahezu alle Wirtschaftsunternehmen trifft, ist Heidelberg-Cement. Das international aktive Dax-Unternehmen aus Baden-Württemberg ist einer der größten CO₂-Emittenten überhaupt. Etwa sechs Prozent des gesamten weltweiten CO₂-Ausstoßes entfällt auf die Zement- und Betonindustrie. Und der Konzern aus Heidelberg ist mit 18,7 Milliarden Euro Umsatz nach dem Schweizer Konkurrenten Holcim auf Platz zwei der Branche. Das Problem: Die Herstellung von Beton grün zu machen, ist technisch sehr schwierig und aufwendig. Andererseits braucht die Welt Beton, auch um die Klima- und Energiewende zu schaffen.

"Für mich das Glas halbvoll. Wir krempeln die Ärmel hoch, das ist eine Jahrhundertchance", sagt Dominik von Achten, Vorstandsvorsitzender von Heidelberg-Cement. Als Klimasünder sieht er sich dabei nicht, man werde vielmehr einiges tun, der Hebel sei groß. Zwei Drittel der Emissionen bei der Betonproduktion seien chemisch bedingt, das CO₂ werde im Prozess abgefangen und dann gespeichert oder für andere Anwendungen genutzt, aber das koste viel Geld und Zeit. Wenn Beton, der bereits weit verbreitet ist, erst grün sei, werde die Akzeptanz weiter zunehmen, so von Achten - Nachhaltigkeit sei also eine große Chance für sein Unternehmen.

"Wir sind sehr weit vorangekommen in der vergangenen Jahren", sagt Dirk Schmitz zu den Bemühungen der Wirtschaft, nachhaltig zu werden. Schmitz ist Deutschlandchef von Blackrock, der weltweit größten Beteiligungsfirma. Blackrock-Gründer Larry Fink hatte in einem seiner berühmten Briefe an die Chefs der Unternehmen, an denen die Amerikaner beteiligt sind, schon im Januar 2020 geschrieben: "Die tektonische Kapitalverschiebung hin zu nachhaltigen Anlagen nimmt weiter Fahrt auf." Diese Schreiben konzipiert Fink übrigens immer an einem langen Wochenende im September, dann werden sie bei Blackrock intern diskutiert und immer im Januar verschickt.

"Es sind noch lange nicht alle Probleme gelöst", warnt die Ifo-Expertin

Die Folgen sind meistens erheblich, auch hier. Schmitz sagt, Nachhaltigkeit sei inzwischen kein Thema mehr für irgendwen in der Firma, sondern für den Vorstandschef oder die -chefin, wie übrigens auch bei Heidelberg-Cement, wo von Achten ein großes Augenmerk darauf hat. Es gehe, so Schmitz, in der Wirtschaft nicht mehr um die Frage des Ob und Warum, sondern nur noch um das Wie. "Nur ein nachhaltiges Unternehmen wird auch ein langfristig erfolgreiches Unternehmen sein", glaubt der Blackrock-Deutschlandchef. Es bestehe also Konsens, dass Nachhaltigkeit wichtig ist, nahezu jeder habe nun auch eine sogenannte Roadmap, also einen Plan, wie man was es erreichen will. Doch es sei auch immer noch ein langer Weg.

Nachhaltigkeit: Ifo-Klimaexperten Karen Pittel ist nicht so optimistisch.

Ifo-Klimaexperten Karen Pittel ist nicht so optimistisch.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Karen Pittel, Klimaexpertin beim Münchner vom Ifo-Institut, ist da nicht so optimistisch. Der Prozess sei zwar dynamisch, aber "es sind noch lange nicht alle Probleme gelöst". Es handele sich um "dicke Bretter", die Maßnahmen müssen erst mal umgesetzt werden. Zudem werde das nicht linear erfolgen. Möglicherweise werde das 1,5-Grad-Ziel auch insgesamt erst mal überschritten, bevor es dann wieder in die richtige Richtung gehe.

Skeptisch sieht Pittel auch, dass durch den Krieg in der Ukraine und die daraus folgende Energiekrise wieder mehr fossile Energiequellen ins Spiel kommen. Das sei gefährlich, wenn diese dann doch langfristig beibehalten würden. Immerhin zeige sich durch den Krieg und seine Folgen mit aller Deutlichkeit, dass eine Umstellung auf nachhaltiges Wirtschaften einen doppelten Vorteil habe, es werde nicht nur die Umwelt geschont und die Klimaziele dadurch realistischer. Auch die Versorgungssicherheit nehme deutlich zu.

Nachhaltigkeit: Udo Littke vom IT-Dienstleiser Atos (rechts) mit Moderator Marc Beise.

Udo Littke vom IT-Dienstleiser Atos (rechts) mit Moderator Marc Beise.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Es gebe durchaus verschiedene Geschwindigkeiten, stellte auch Udo Littke vom IT-Dienstleister Atos fest. Oft würden Prozesse umgestellt, so dass sich die gewünschten Effekte dann sprunghaft einstellen. Atos berate auch Kunden auf diesem Weg. Ohne Digitalisierung gehe es beim Klimawandel jedenfalls nicht, so Littke.

Trotzdem: "Nicht alle werden es schaffen", warnt Schmitz, fügt aber an: "Die Mehrzahl der Unternehmen schon." Blackrock rechne damit, dass einige ausscheiden werden, zumal man vor allem in Unternehmen investiert, die die Wende noch schaffen müssen, denn diese haben das meiste Potenzial. So hält Blackrock auch einige Prozent an Heidelberg-Cement - in der festen Überzeugung, dass der Konzern die Wende schaffen wird. Konzernchef von Achten ist jedenfalls optimistisch.

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