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Jean Ziegler im Gespräch:"Eine unglaubliche Konzentration von Macht"

Also könnte Afrika sich allein selbst ernähren?

Steigende Lebensmittelpreise

Wie Indien unter Wetter und Weltmarkt leidet

Total! Gar keine Frage! Es ist ein sehr dünn besiedelter Kontinent mit sehr kompetenten Bauern und uralten Zivilisationen.

Wer sind die großen Agrarkonzerne, von denen Sie reden?

Zum Beispiel Cargill. Hat letztes Jahr 31,8 Prozent des Weltgetreidehandels kontrolliert: Silo, Transport, Preisfixierung und so weiter. Die Dreyfuss-Gruppe hat laut FAO-Statistik 38,2 Prozent des gehandelten Reises kontrolliert. Dazu Archer Midland, Unilever, Nestlé und andere. Auf der anderen Seite stehen die Firmen, die den Bauern die Produktionsmittel liefern. Monsanto kontrolliert praktisch 85 Prozent des Samenmarktes der Welt. Eine unglaubliche Konzentration von Macht, wie sie nie ein König, Kaiser oder Papst gehabt hat.

Aber ist das wirklich ein Problem des freien Marktes? Der Neoliberale würde sagen: Das sind Kartelle oder Oligopole, der Markt funktioniert nicht.

Genau, das sind Oligopole.

Muss man die also zerschlagen?

Natürlich. Ganz schlimm ist die Erosion der Kraft der Staaten, Privatinteressen zu kontrollieren. Ein Beispiel: Letztes Jahr im Oktober hat der G-20-Gipfel in Cannes stattgefunden. Anfang des Monats hatte Nicolas Sarkozy noch verkündet, Frankreich als Gastland werde vorschlagen, Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel gesetzlich zu kontrollieren. Drei Wochen später der Gipfel: Kein Wort davon. Es gab nicht einmal eine Debatte. Frankreich hatte seinen Vorschlag zurückgezogen. Denn in der Zwischenzeit hatten diese Großkonzerne interveniert, im Élysée-Palast, im Bundeskanzleramt: "Wie kommt ihr dazu, in den freien Markt einzugreifen?" Jetzt kann man Sarkozy gernhaben oder nicht - ich mag ihn eher nicht. Aber er war der gewählte Präsident, und zwar nicht von Albanien oder Basutoland (alter Name für Lesotho; Anm. d. Red.), sondern der zweitstärksten europäischen Wirtschaftsmacht. Das zeigt, wie unheimlich dominierend diese Konzerne sind.

Und die sind nur von Gier getrieben?

Ihnen geht es nur um Profitmaximierung - das ist ja ganz normal. Jean-Paul Sartre sagt: "Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt." Was und nicht wer sie unterdrückt. Peter Brabeck-Letmathe, der Verwaltungsratschef von Nestlé, dem größten Lebensmittelkonzerns der Welt, ist ein eher netter, kultivierter, moralischer Mensch. Aber wenn er den Shareholder Value nicht um soundso viel Prozent pro Jahr erhöht, ist der ganz schnell nicht mehr Verwaltungsratschef, Punkt. Das ist die strukturelle Gewalt der kannibalischen Weltordnung.

Aber Instrumente wie Leerverkäufe und Ausfallversicherungen sind ja ursprünglich Mittel zur Absicherung von Geschäften.

Sie haben absolut recht: Warentermingeschäfte sind durchaus legitim und ökonomisch nützlich. Zum Beispiel ein Bäckereibesitzer in New York, der mit einem Kornproduzenten in Argentinien Geschäfte macht. Der Argentinier hat ein Interesse, zu wissen, dass er sein Korn im September verkaufen kann, und der Bäcker in New York hat ein Interesse, die Ware zu diesem Zeitpunkt zu einem bestimmten Preis zu kaufen - dann machen beide einen Terminkontrakt zu einem vereinbarten Preis.

Wo beginnt dann unmoralische Spekulation?

Jetzt haben wir es mit der sogenannten Finanzialisierung zu tun: Hedgefonds sind nach dem Zusammenbruch der Finanzbörsen zu Tausenden umgestiegen auf die Chicagoer Rohstoffbörse. Dort kaufen sie Futures, verkaufen sie weiter, et cetera - so dass die Mehrheit der Händler dort weder Produzenten noch Verbraucher sind. Deshalb preise ich das Flassbeck-Modell (PDF) an in meinem Buch: Man muss Wege finden, nur noch Händler zum Agrarrohstoffmarkt zuzulassen, die tatsächlich eine ganz konkrete Beziehung zur Ware haben.

Sie sagen, auch die WTO trägt zur Schwäche der armen Länder bei. Hat sich durch die Proteste gar nichts geändert, oder durch die Doha-Runde, die Entwicklungs- und Schwellenländern helfen sollte?

Die Doha-Runde ist gestorben, wegen der Agrarkonvention. Die einseitige ökonomische Entwaffnung der Entwicklungsländer akzeptieren diese nicht mehr. Sie wollen den multinationalen Konzernen ihre Märkte nicht mehr öffnen, ohne dass die reichen Staaten gleichzeitig die Exportsubventionen für ihre Agrargüter streichen. Ich glaube, die WTO ist am Ende, sie wird verschwinden.