Sahelzone in Afrika Hilfsorganisationen befürchten eine Million Hungertote

In der Sahelzone sterben jährlich mehr als 200.000 Kinder an den Folgen von Unterernährung. Doch nach einem Bericht zweier Hilfsorganisationen droht eine Katastrophe noch viel schlimmeren Ausmaßes. Die Gründe: Unkoordinierte humanitäre Hilfe, die Investoren-Jagd nach Rendite auf den Rohstoffmärkten - und dadurch steigende Nahrungsmittelpreise, denen arme Familien schutzlos ausgeliefert seien.

Von Oliver Klasen

Üblich ist, dass in Zentralafrika in der Sahelzone etwa 225.000 Kinder pro Jahr an direkten Folgen der Unterernährung sterben. Zählt man andere Todesursachen hinzu - etwa alltägliche, nach modernen Maßstäben eigentlich vermeidbare und heilbare Krankheiten - dann verlieren dort "in einem normalen Jahr" sogar geschätzte 645.000 Kinder ihr Leben.

Diese erschütternden Zahlen, die in einem aktuellen Bericht der Hilfsorganisationen Save the Children und World Vision zu lesen sind, könnten in den kommenden Wochen und Monaten noch deutlich ansteigen. Den Organisationen zufolge sind bald eine Million Menschen in der Region akut vom Hungertod bedroht. Insgesamt seien mehr als 18 Millionen Menschen von Unterernährung betroffen.

Die Sahelzone - ein Gebiet, das sich von Senegal im Westen Afrikas bis nach Eritrea im Osten erstreckt und zu dem einige der ärmsten Länder der Welt gehören - leidet derzeit zum dritten Mal seit zehn Jahren unter einer verheerenden Dürre. Aber das ist nach Angaben der beiden Organisationen nicht der primäre Grund für die Hungerkatastrophe. Stattdessen wirkten sich derzeit vor allem steigende Preise auf den Lebensmittelmärkten verheerend aus.

"Die Ärmsten der Armen haben praktisch keinen Zugang zum Nahrungsmarkt", sagte Paul Sitnam, der Notfall-Koordinator von World Vision, der BBC. Es sei nicht damit getan, Lebensmittel-Hilfslieferungen in die betroffenen Gebiete zu schicken. Nötig sei vielmehr, dass die internationale Gemeinschaft ein Instrumentarium entwickele, um die Länder in der Sahelzone weniger anfällig für abrupte Preissteigerungen und Schocks an den Rohstoffmärkten zu machen.

So liegt nach Angaben der Studie derzeit zum Beispiel der Preis für Hirse in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou um 85 Prozent höher als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. In Bamako, der Hauptstadt Malis, habe sich der Hirsepreis sogar verdoppelt. Und es sei zu erwarten, dass die Preise in den kommenden Monaten weiter steigen.

Eigentlich war 2011 ein gutes Erntejahr

Das Ausmaß der Preissprünge in diesem Frühjahr habe sowohl Regierungen als auch Hilfsorganisationen überrascht, denn eigentlich sei 2011 in der Sahelzone ein Jahr mit guten Ernten gewesen. Die Ursache für solche Schwankungen sind auch verstärkte Spekulationen auf den Rohstoffmärkten. Solche Geschäfte werden seit langem in der Kritik, weil sie Hungerkrisen verschärfen können. Der Vorwurf: Auf der Jagd nach Rendite wetten immer mehr Investoren auf dauerhaft steigende Preise und treiben dadurch die Ausgaben für Grundnahrungsmittel in die Höhe.

Die Staaten der Sahelzone sind nach dem Bericht auch deshalb so anfällig für Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten, weil sie ihre Nahrungsmittelreserven drastisch reduziert hätten. So habe etwa Niger seine Notfallbestände seit Jahren zurückgefahren, derzeit lägen sie nur noch bei ungefähr einem Viertel des Niveaus von Anfang der neunziger Jahre.

Wichtige Maßnahmen, um Hungerkrisen wirksam vorzubeugen, sind nach Meinung der Verfasser auch die Förderung kleiner Landwirtschaftsbetriebe und der Aufbau eines sozialen Sicherungssystems, das kontinuierliche Leistungen sicherstellt. Die Schwankungen bei den Lebensmittelpreisen seien für viele Familien deshalb so dramatisch, weil sie einen Großteil ihres Einkommens für Nahrung aufwenden müssten.

Alt-Bundespräsident Köhler in UN-Arbeitsgruppe berufen

Kritisiert wird in dem Bericht auch die Vielzahl der Hilfsorganisationen: Allein bei den Vereinten Nationen gibt es das Welternährungsprogramm, die Weltgesundheitsorganisation, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation und die UN-Agentur für Kinder - sie alle nehmen sich in irgendeiner Form des Hungerproblems an. "Es gibt viele internationale Organisationen, die Ernährungsfragen und die Bekämpfung des Hungers als Teil ihres Mandats sehen, aber es gibt unter ihnen keine klare Koordination oder Führung", heißt es in dem Report.

Nach der nächsten UN-Vollversammlung im September wird es indes noch ein weiteres Gremium geben, dass sich auch um das Hungerproblem in Entwicklungsländern kümmern soll. Eine neue Arbeitsgruppe, in die auch der frühere deutsche Bundespräsident Horst Köhler berufen wurde, soll im Auftrag von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon dann die sogenannten Millenniums-Ziele neu formulieren. Vorhaben, die sich die internationale Gemeinschaft zur Jahrtausendwende gesetzt hatte und die eigentlich bis 2015 umgesetzt sein sollten. Ein Ziel war es dabei auch, die Anzahl der Menschen zu halbieren, die Hunger leiden - ein Vorhaben allerdings, von dem die Welt noch weit entfernt ist.