Steigende Preise:Etwas weniger Inflationspanik, bitte

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Steigende Preise: Am Gemüsestand müssen häufiger neue Preise notiert werden.

Am Gemüsestand müssen häufiger neue Preise notiert werden.

(Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Die Inflation ist da - und die Probleme, die die hohen Preise mit sich bringen, sind real. Doch Unternehmen, Verbraucher und Politik können etwas tun, um die Preisspirale zu durchbrechen.

Kommentar von Harald Freiberger

Eigentlich hätte man ja gedacht, dass die Inflation in Deutschland mit 7,6 Prozent gerade hoch genug ist und für die Bürger kein Anlass besteht, sie noch höher zu empfinden. Doch der Handelsverband HDE spricht wirklich davon, dass "die wahrgenommene Preissteigerung noch wesentlich höher ist als die tatsächliche". Die Folgen sind fatal: Viele haben Angst, dass sie mit ihrem Geld nicht auskommen - und sparen, wo sie können. Die Kauflaune ist so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht, viel schlechter sogar als in der Corona-Krise. Wohin das führt, kann man sich ausmalen: zu immer weniger Konsum, zu immer niedrigeren Umsätzen der Handelsunternehmen, zu einer Wirtschaftskrise, die sich weiter verschärft.

Gibt es eine Möglichkeit, diese Spirale nach unten zu stoppen? Gerade das Beispiel der Inflation zeigt, von welch zentraler Bedeutung Gefühle für eine Volkswirtschaft sind. Von Ludwig Erhard stammt der Ausspruch, Wirtschaft bestehe zu 50 Prozent aus Psychologie. Das ist weit untertrieben. Was die Inflation betrifft, dürften es eher 80 bis 90 Prozent sein. Deshalb ist es ein Alarmsignal, wenn die gefühlte Inflation höher ist als die tatsächliche.

Die Bundesbank ermittelte, dass die Deutschen in den nächsten fünf Jahren eine jährliche Inflation von fünf Prozent erwarten. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei drei Prozent. Die Erwartung wird schnell zur Prophezeiung werden, die sich selbst erfüllt. Unternehmen tun sich in einem Klima, in dem ohnehin alle mit Preiserhöhungen rechnen, leichter, die Preise wirklich zu erhöhen. Ihr Argument: Alles wird teurer, deshalb muss ich auch mehr verlangen.

Natürlich gibt es eine tatsächliche Inflation. Die Pandemie hat die Lieferketten und damit das Angebot beschädigt. Russlands Krieg gegen die Ukraine hat zu einer Explosion der Energiepreise geführt, auch manche Lebensmittelpreise erhöhten sich stark. Die Gefahr ist groß, dass die Gaspreise weiter deutlich steigen, im Winter könnten sie sich verdreifachen, fürchten Experten.

Inflation wird dann gefährlich, wenn sie eine Eigendynamik entwickelt

All das sind reale Probleme, die sich durch Psychologie aber noch verschärfen können. Gefährlich wird Inflation dann, wenn sie eine Eigendynamik entwickelt, wenn jeder die Preise erhöht, weil es die anderen ja auch machen. Deshalb liegt die Hauptverantwortung dafür, dass sich diese Spirale nicht weiterdreht, derzeit bei den Unternehmen. Ob Erzeuger, Verarbeiter, Transporteur oder Händler - jedes Unternehmen muss sich fragen, ob es seine Preise wirklich erhöhen muss. Denn die Lieferketten-Probleme und der Ukraine-Krieg wirken sich nicht auf jedes Produkt aus. Es gibt Trittbrettfahrer, die die allgemeine Stimmung nutzen, um die eigene Gewinnspanne zu erhöhen. Man kann nur an die Verantwortung solcher Unternehmen appellieren.

Auch Verbraucher können etwas tun, um die Preisspirale zu brechen: Sie sollten sich nicht zu sehr von ihren Gefühlen leiten lassen. Die derzeit hohe Inflation ist eine große Belastung, aber rational betrachtet wird sie auch wieder zurückgehen. Die Preissteigerung wird in den nächsten Monaten ihren Höhepunkt erreichen, danach sinkt sie allein schon wegen des Basiseffekts: Die Inflationsrate errechnet sich aus den Vergleichspreisen von vor zwölf Monaten, und 2021 begannen die Preise drastisch zu steigen. Experten gehen davon aus, dass sich die Inflation mittelfristig auf zwei bei drei Prozent einpendeln wird. Das ist kein Grund, panisch zu werden.

Die Politik kann insofern mithelfen, als sie solchen Bürgern unter die Arme greift, die die hohen Preise nicht selbst schultern können: Ärmeren und Geringverdienern. Direkte Hilfen, zum Beispiel Haushaltsschecks, höhere Sozialleistungen oder steuerfreie Lohnzuschüsse, sollten noch vor der Sommerpause kommen. Das würde dazu beitragen, die Stimmung der Verbraucher aufzuhellen.

Der Mensch neigt dazu, schwierige aktuelle Lagen in seiner Vorstellung weit in die Zukunft zu verlängern. Doch das ist immer falsch, weil die Welt sich in Wellen bewegt. Was unten ist, geht auch wieder nach oben. Allein diese Sicherheit nimmt der gegenwärtigen Lage schon vieles von ihrer Bedrückung. Und sie sollte verhindern, dass es noch schlimmer wird, als es werden müsste.

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