Inflation:"Die wahrgenommene Preissteigerung ist noch wesentlich höher"

Lesezeit: 2 min

Inflation: Kein Geld für teure Klamotten: Viele Menschen leiden unter der hohen Inflation und machen sich Sorgen wegen des Krieges in der Ukraine.

Kein Geld für teure Klamotten: Viele Menschen leiden unter der hohen Inflation und machen sich Sorgen wegen des Krieges in der Ukraine.

(Foto: Daniel Reinhardt/picture alliance/dpa)

So wenig Lust auf Einkaufen wie im Moment hatten die Deutschen noch nie. Dabei geht es den meisten eigentlich ganz gut. Doch die Psychologie funkt ihnen dazwischen.

Von Michael Kläsgen

Stefan Genth verwendet das Bild von der "Abrisskante", um den Absturz der Kauflaune in Deutschland zu beschreiben. Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes (HDE) wählt absichtlich drastische Worte, weil es so etwas in der Geschichte des Konsums in Deutschland noch nicht gegeben habe. Die Stimmung sei "sofort und unmittelbar" mit Ausbruch des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine weggebrochen. Ein wenig so, als habe die Invasion wie eine Abrissbirne für den Konsum in Deutschland fungiert. Fort war auf einmal jeglicher Anreiz, noch mal eben etwas einzukaufen, um das Zuhause etwas schöner zu machen, und seien es Blumen für das Wohnzimmer.

Derzeit sei die Einkaufs-Stimmung so schlecht wie nie. Selbst während der Pandemie in den vergangenen beiden Jahren war sie nicht so tief gesunken. Das hatten andere Institute vorher schon so ähnlich konstatiert, etwa das Konsumforschungsunternehmen GfK oder das Kölner Handelsforschungsinstitut IFH. Der HDE-Chef fügt allerdings hinzu: "Obwohl das Geld ja eigentlich da ist." Die Arbeitslosigkeit sei gering und die Menschen hätten während der Corona-Pandemie viel gespart. So schlecht sei die Lage faktisch also gar nicht für den Konsum. Trotzdem diese nie dagewesene Zurückhaltung. "Das kannten wir vorher nicht", sagt Genth.

Der Krieg, die Inflation, die Energiepreise, das seien im Moment die Themen, die den Handel beschäftigen, die Verbraucherinnen und Verbraucher genauso wie die Ladenbesitzer und Lieferanten. Und das Coronavirus ist ja auch noch da, wenn auch derzeit etwas in den Hintergrund getreten oder verdrängt. Viele der Probleme seien jedenfalls ganz real: Ein Supermarkt mit 1000 Quadratmeter Fläche zahle statt 80 000 Euro für den Strom nun 140 000 Euro im Jahr. Doch auch die Psychologie spielt eine wichtige Rolle. Genth sagt: "Die wahrgenommene Preissteigerung ist noch wesentlich höher als die tatsächliche." Sonderangebote stünden nun im Fokus, Bio-Produkte und Fair-Trade-Ware gerieten unter Druck. Die Menschen gingen eher in Discounter wie Aldi oder Lidl statt in sogenannte Vollsortimenter wie Edeka und Rewe. Denn die gelten als teurer. Die Konsumenten würden auch auf manche Einkäufe komplett verzichten und sparen.

27 Prozent der Deutschen hätten laut einer Umfrage "große Angst", mit dem Geld nicht auszukommen. Bei denjenigen, die von einem Nettohaushaltseinkommen von unter 2000 Euro leben müssten, seien es sogar 48 Prozent. Und von diesen Haushalten gebe es viele in Deutschland. Gerade ihnen müsste gezielt von der Bundesregierung geholfen werden, um ihre Kaufkraftverluste abzufedern. HDE-Chef Genth hat genaue Vorstellungen davon, wie das aussehen könnte: nicht mit Instrumenten wie dem Tankrabatt. So eine Hilfe sei zu ungenau, sondern mit direkten Transfers. Es gelte auch zu prüfen, ob Sozialleistungen angehoben werden müssten. Genth hält auch freiwillige, steuer- und abgabenfreie Pauschalzahlungen der Unternehmen an ihre Mitarbeiter für eine gute Idee - von einer Mehrwertsteuersenkung für einzelne Warengruppen aber wenig.

Noch ist nicht klar, welches Mittel helfen könnte. Und so herrscht vorerst weiterhin Tristesse. "Wir kommen aus diesem Tal nicht heraus", bedauert Genth. Zum Leidwesen vieler Händler: 44 Prozent der 800 vom HDE befragten Unternehmen rechnen damit, dass sich ihre Umsätze im gesamten Jahr verschlechtern werden. Der Verband erwartet für 2022 zwar wegen der Inflation ein nominales Umsatzplus von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Umsätze würden dann über 600 Milliarden Euro steigen, der Onlinehandel peilt sogar erstmals die Marke von 100 Milliarden Euro Umsatz an. Inflationsbereinigt, so die Prognose, wird der Einzelhandel aber zwei Prozent ins Minus rutschen. Das hat es schon lang nicht mehr gegeben, auch nicht während der Corona-Krise.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusExklusivArbeiten
:Wie das Home-Office dem Körper schaden kann

Unbezahlte Überstunden, ständige Erreichbarkeit und zunehmend schwieriges Abschalten in der Freizeit: Das Home-Office hat auch Schattenseiten, zeigt eine Studie. Der Stress lässt sich aber reduzieren - man muss nur wissen wie.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB