Inflation:IG Metall fordert stärkste Lohnerhöhung seit 2008

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Inflation: Die IG Metall argumentiert, dass die Beschäftigten seit 2018 keine klassischen, dauerhaft wirkenden Lohnerhöhungen erhalten haben.

Die IG Metall argumentiert, dass die Beschäftigten seit 2018 keine klassischen, dauerhaft wirkenden Lohnerhöhungen erhalten haben.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Auf die Arbeitnehmer kommen bis Ende nächsten Jahres insgesamt bis zu 13 Prozent Inflation zu, rechnet die Gewerkschaft vor - und fordert acht Prozent mehr Lohn für Millionen Beschäftigte.

Von Alexander Hagelüken

Die IG Metall verlangt dieses Jahr eine der höchsten Lohnsteigerungen der vergangenen Jahrzehnte. Die Gewerkschaft forderte am Montag für die vier Millionen Beschäftigten großer Industriebranchen acht Prozent mehr Geld. "Es ist die Aufgabe der Gewerkschaften, dafür zu sorgen, dass Arbeitnehmer durch die extreme Teuerung nicht unter die Räder kommen", sagt der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann. Die Arbeitgeber lehnen die Forderung als zu hoch ab.

Die Verbraucherpreise steigen aktuell um knapp acht Prozent. Gewerkschaftschef Hofmann verweist darauf, dass die Bürger in Deutschland dieses und nächstes Jahr zusammen deutlich über zehn Prozent Inflation erleben werden. Nach manchen Schätzungen seien es bis zu 13 Prozent. Die IG Metall setze sich für deutlich höhere Löhne ein. "Diese sind auch finanzierbar, weil die Unternehmen gute Erträge erzielen", argumentiert Hofmann. "Wir überfordern die Arbeitgeber nicht".

"Die Forderung der IG Metall ist nicht überraschend", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), der SZ. Wenn man sich wie bisher meist auf 60 Prozent der Forderung einige, dann läge die Lohnerhöhung unter fünf Prozent. "Dies würde bei der aktuellen Inflation noch immer deutlich negative Reallöhne bedeuten", so Fratzscher. "Eine solche Lohnerhöhung sollte für viele Unternehmen der Metallbranche machbar sein, ohne ihre Existenz zu gefährden, auch wenn es klug wäre, hart getroffenen Firmen Flexibilität zu ermöglichen." Der Ökonom hält die Forderung auch nicht für einen Inflationstreiber: "Es gibt keine Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale, zumal über die Hälfte der Beschäftigten nicht über Tarifverträge abgesichert sind."

In der kommenden Tarifrunde wird um die Bezahlung in Industriebranchen wie Auto, Maschinenbau und Elektro verhandelt. Eine höhere Forderung als dieses Jahr stellte die größte deutsche Gewerkschaft in den vergangenen 30 Jahren nur zwei Mal, 1992 und 2008. Diesmal allerdings soll die Lohnerhöhung zwei Jahre abdecken. IG-Metall-Chef Hofmann widerspricht dem Vorwurf, er treibe damit die Inflation weiter hoch. Wenn die Gewerkschaft wirklich einen vollen Ausgleich für die Teuerung anstreben würde, hätte sie eine hohe zweistellige Forderung gestellt.

Inflation: "Es ist die Aufgabe der Gewerkschaften, dafür zu sorgen, dass Arbeitnehmer durch die extreme Teuerung nicht unter die Räder kommen", sagt der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann.

"Es ist die Aufgabe der Gewerkschaften, dafür zu sorgen, dass Arbeitnehmer durch die extreme Teuerung nicht unter die Räder kommen", sagt der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann.

(Foto: Florian Gaertner/photothek.net/imago/photothek)

Die Arbeitgeber kritisierten die Position der IG Metall scharf. "Diese Forderung ist nur zu erklären, wenn die IG Metall blind geworden ist für die Wirklichkeit in der Branche", erklärte Stefan Wolf, Präsident von Gesamtmetall. "Sich von den 26000 Unternehmen in der Metall- und Elektro-Industrie an den vielleicht 100, denen es trotz allem noch gut geht, zu orientieren, ist verantwortungslos". Laut Verband sieht jedes fünfte Unternehmen wegen steigender Kosten, die nicht vollständig über die Preise abgewälzt werden könnten, seine Existenz bedroht.

Der Verband der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie vbm sah von der Lohnforderung schon im Vorfeld Unternehmen und Arbeitsplätze bedroht. "Krieg, Energiekrise, Lieferkettenproblematik, Transformation und Corona-Pandemie haben einen gravierenden Einfluss auf unsere Unternehmen", sagte vbw-Geschäftsführer Bertram Brossardt. "Da erscheint die Forderungshöhe irreal".

Die bekannte Lohnformel aus Zielinflation der Europäischen Zentralbank, Produktivitätsanstieg und Umverteilungskomponente scheine für die IG Metall nicht mehr gültig zu sein. Denn so käme man bei einer Laufzeit von zwölf Monaten nicht auf acht Prozent.

Die IG Metall argumentiert allerdings genau mit dieser Lohnformel. Nur möchte sie mit dem auf zwölf Monate angelegten Tarifabschluss, der wohl erst Ende des Jahres ausgehandelt sein wird, gleich zwei Jahre abdecken: Nicht nur 2023, sondern auch dieses Jahr, für das die Arbeitnehmer bisher nur Einzelzahlungen erhalten. Die Beschäftigten hätten seit 2018 keine klassischen dauerhaften Lohnerhöhungen erhalten. Dagegen rechnen die Arbeitgeber vor, Einmalzahlungen summierten sich zusammen mit der Lohnerhöhung von 2018 auf neun Prozent. Die Verhandlungen beginnen im September.

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