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Ökonomie vs. Ökologie:Was uns der Heizpilz lehrt

Frankfurter Apfelweinlokal

Statt wie bei der Heizpilz-Debatte die Klima- und die Corona-Krise gegeneinander auszuspielen, sollte es vielmehr das Ziel sein, von der einen für die andere zu lernen.

(Foto: dpa)

Langfristig trifft die Klimakrise Wirtschaft und Gesellschaft stärker als die Pandemie. Und nur, weil niemand die Betroffenen zählt, heißt das nicht, dass sie weniger dringlich ist. Der richtige Zeitpunkt zum Handeln ist genau jetzt.

Kommentar von Vivien Timmler

Seit Wochen erhitzt eine Frage das Land, auf die es einfach keine klare Antwort zu geben scheint: Sollten die mancherorts verbotenen Heizpilze in der Corona-Krise wieder aktiviert werden, um den krisengeplagten Wirten über den Winter zu helfen? Die einen sähen darin eine Bankrotterklärung gegenüber dem Klimawandel, die anderen die pragmatische Lösung eines realen Problems.

Auf der einen Seite ist es durchaus verständlich, dass der Heizpilz eine derartige Debatte auslöst. Schließlich ist er das Symbol für einen Lebensstil, der angesichts des Klimawandels einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Auf der anderen Seite ist der Heizpilz aber auch nicht mehr als das: ein Symbol. Er wird die Gastronomen genauso wenig retten, wie seine Verbannung die Klimakrise stoppen kann. Interessanter als die Frage nach der Heizpilz-Erlaubnis ist daher eine andere: Warum behandeln wir zwei Krisen, die sich im Grundsatz so sehr ähneln, ökonomisch so unterschiedlich?

Sowohl die Corona- als auch die Klimakrise verlangen tiefgreifende Einschnitte ins alltägliche Leben. Beide erfordern, dass der viel gescholtene "Einzelne" mitmacht, damit die Gesellschaft als Ganze die Krise überwinden kann. Und noch etwas haben sie gemein: das Potenzial, sich zur Katastrophe auszuwachsen. Wobei die Klimakrise langfristig größere Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft haben dürfte als die Pandemie.

Erstaunlich unterschiedlich sind vor diesem Hintergrund die Herangehensweisen der Politik an beide Krisen. In der Corona-Krise werden Arbeitsplätze aufs Spiel gesetzt, um ihrer Herr zu werden. Milliarden bereitgestellt, um die Wirtschaft wieder aufzubauen. Mühsam erarbeitete Verbote ausgesetzt - siehe Heizpilz -, um einzelne Betriebe zu entlasten. Es sind mit Entschlossenheit, Geld und Flexibilität also plötzlich Dinge da, an denen es bei der Bewältigung der Klimakrise bisher gemangelt hat.

Das liegt natürlich auch daran, dass zeitweise ausgelastete Intensivstationen und Erkrankte im Freundes- oder Familienkreis eine Krise deutlich dringlicher erscheinen lassen als ein langfristiges Zwei-Grad-Ziel. Und ja, es mag auf den ersten Blick unangebracht wirken, gerade jetzt über das Klima zu sprechen, da viele Menschen um ihre Gesundheit oder ihre Firma bangen. Doch nur, weil bei der Klimakrise niemand die Betroffenen zählt, heißt das nicht, dass sie weniger dringlich ist. Und dass der richtige Zeitpunkt zum Handeln nicht ebenfalls genau heute wäre.

Statt wie bei der Heizpilz-Debatte beide Krisen gegeneinander auszuspielen, sollte es jedoch vielmehr das Ziel sein, von der einen für die andere zu lernen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit von Politik und Wissenschaft. Hätten Politiker vor Jahrzehnten angefangen, auf mahnende Klimaforscher zu hören und ihre Arbeit als Entscheidungsgrundlage zu benutzen, so wie sie es in der Pandemie nun tun, wären Gletscher sehr wahrscheinlich nicht so schnell abgeschmolzen und die Artenvielfalt hätte nicht so rapide abgenommen.

Die Corona-Pandemie hat bewiesen, wie entschlossen der Staat eingreifen kann, wenn es die Situation erfordert

Auch das Argument, der einzelne Staat könne in einer globalisierten Welt nur bedingt etwas ausrichten, darf künftig bei der Bekämpfung der Klimakrise kein Argument mehr sein. Die Corona-Pandemie hat bewiesen, wie entschlossen der Staat in Gesellschaft und Wirtschaft eingreifen kann, wenn es die Situation erfordert. Und im Gegensatz zur Pandemie erfordert die Klimakrise keine gesellschaftlich umstrittenen Ausgehsperren oder Quarantäne-Maßnahmen, sondern schlicht strengere Grenzwerte, beherzte Investitionen und nicht zuletzt auch Anreize für Unternehmen, nachhaltig zu wirtschaften. Schließlich vertraut in der Corona-Pandemie auch niemand darauf, dass "der Markt" das schon regelt.

Das sollte übrigens auch beim Heizpilz-Dilemma niemand erwarten: Der "Öko-Strahler" ist zwar auf dem Vormarsch, sonderlich gut fürs Klima ist aber auch er nicht. Statt den Wirten mit der kurzfristigen Heizpilz-Lösung Sicherheit zu suggerieren, sollten auch sie lieber langfristig denken. Warum nicht den immensen bürokratischen Aufwand senken, den ein Wirt bewältigen muss, wenn er seine Freischankflächen überdachen möchte? So ein transparenter Pavillon stößt kein CO₂ aus - und er darf auch nach April 2021 noch aufgestellt werden, wenn die Heizpilze längst wieder verboten sind.

© SZ
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