Lieferdienste:Getir übernimmt Gorillas

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Fahrer des Lieferdiensts "Getir"

Eingetütet: Gorillas wird jetzt Teil von Getir.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Der umstrittene Express-Essenslieferant Gorillas wird von seinem türkischen Vorbild Getir aufgekauft. Sind damit alle Probleme gelöst? Von wegen.

Von Michael Kläsgen

Jetzt ist es also so weit. Der türkische Express-Essenslieferant Getir übernimmt den europaweit wohl bekanntesten, aber wegen monatelanger Mitarbeiterproteste auch berüchtigtsten Konkurrenten: den deutschen "Quick Commerce"-Anbieter Gorillas. Getir gab den Deal unter anderem auf Linkedin offiziell bekannt. Seit Wochen wurde darüber spekuliert. Kurz vor knapp poppte dann noch, wie meist bei größeren Fusionen wie dieser, ein möglicher Retter aus dem Nichts auf: Delivery Hero.

Aus dem Nichts? Es war wohl eher Gorillas-Gründer Kağan Sümer, der großes Interesse hatte, Delivery Hero ins Spiel zu bringen, um von Getir einen noch höheren Preis herauszukitzeln. Jedenfalls lag Gorillas wohl ein "Termsheet" von Delivery Hero vor, der ja bekanntlich selbst ein Essenslieferant ist und vor gut einem Jahr bei Gorillas als Investor eingestiegen war, als der Online-Hype noch nicht geplatzt war. Für das Management von Gorillas ging es überhaupt zuletzt vor allem auch darum, möglichst viel für sich herauszuholen. Kein leichtes Unterfangen, denn Gorillas verbrannte bis zuletzt Millionen Euro pro Monat und war der Pleite nahe. Das erschwerte die Verhandlungsposition.

Geld verdient hat das Start-up ohnehin nie, ebenso wenig wie all die anderen Superschnell-Lieferanten. Gorillas hatte vor allem das Glück der frühen Geburt. Sümer gründete den Lieferdienst zu Beginn der Corona-Pandemie. Vielen Menschen kam so ein Angebot gerade recht. Sie konnten kaum raus oder wollten nicht in den Supermarkt, aus hygienischen Gründen. Die Ironie des Schicksals: Getir galt dem türkischstämmigen Gründer Sümer damals als Vorbild für einen Lieferdienst, der Lebensmittel innerhalb von nur zehn Minuten an die Tür bringt. Nach nur wenigen Monaten wurde seine Firma zu einem sogenannten Einhorn gekürt, einem Start-up, dessen Wert Investoren auf mehr als eine Milliarde Dollar taxieren. Dann ging es bald los mit all den Scherereien: erst die Mitarbeiterproteste, schlechte Presse, am Ende fehlten auch die Investoren. Finanziell hat sich das Kurzabenteuer von nicht mal drei Jahren für Sümer dennoch gelohnt.

Vorangegangenen Berichten zufolge solle er zwar aus dem fusionierten Unternehmen ausscheiden. Aber das Management solle einen Bonus von zehn Millionen Euro erhalten. Der größte Teil davon gehe offenbar wohl an Sümer. Bestätigt wurde das zunächst offiziell nicht. Der Gründer hielt sich stets aus der Öffentlichkeit fern und hatte mit allerlei Anfeindungen zu tun. Mit Gorillas hat er gleichwohl einiges bewirkt. Er wirbelte den Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland ziemlich durcheinander: Rewe stieg beim Konkurrenten Flink ein, Edeka engagierte sich noch stärker beim Online-Supermarkt Picnic, und sogar Aldi testet nun intensiv in den USA, Großbritannien und der Schweiz den Online-Handel mit Lebensmitteln - um eines der Modelle möglicherweise irgendwann mal nach Deutschland zu tragen.

Gorillas zeigte den etablierten Handelskonzernen, wie groß die potenzielle Nachfrage nach Lebensmitteln online sein kann. Nun ist der Hype aber vorbei. Von den vielen Expresslieferanten, die in der Pandemie entstanden, verschwinden derzeit viele wieder vom Markt. Entweder stellen sie den Dienst ein oder werden übernommen.

Sümer versuchte seit Monaten, das Beste für sich und Gorillas herauszuholen

Gorillas geht in Getir auf, aber auch Getir ist kein echter Gewinner. Investoren haben beide Firmen stark abgewertet, um mehrere Milliarden. Insgesamt sollen beide anstatt sieben Milliarden Dollar kurz vor dem Deal nun offenbar nur noch halb so viel wert sein wie zuvor. Grund dafür ist auch die rapide gesunkene Nachfrage. Einer Studie von Boston Consulting zufolge sparen die Konsumenten europaweit als Allererstes an Essensbestellungen. Zudem werden die Dienste wegen steigender Lebensmittelpreise und höherer Gebühren unattraktiver für Kunden. In Deutschland sind auch die Personalkosten für die Kuriere nach der Anhebung des Mindestlohns im Oktober gestiegen. Höhere Kosten und durchschnittlich kleinere Warenkörbe machten das Geschäft noch einmal unrentabler und erhöhten den Druck auf die Anbieter, sich zusammenzuschließen. Gorillas zog sich zudem aus vielen Ländern wieder zurück. Geradezu händeringend versuchte Sümer in den vergangenen Monaten, eine möglichst lukrative Übernahme für Gorillas einzutüten.

Die Probleme der Expresslieferanten sind damit allerdings nicht gelöst. Die Konsumflaute wird andauern, Investoren sind in Anbetracht steigender Zinsen schwieriger zu finden, bestimmte Kosten bleiben. Der Quick Commerce wird daher wohl vorerst ein Verlustgeschäft bleiben.

Getirs Vorteil ist, einen Erfahrungsschatz von sieben Jahren mitzubringen. Zimperlich geht Getir mit seinen Mitarbeitern allerdings ebenso wenig um wie Gorillas. Die Firma stand in Deutschland monatelang in der Kritik, weil Fahrerinnen und Fahrer gegen die Arbeitsbedingungen protestierten. Bei Getir sind diese auch nicht besser. Zudem entließ die Firma in der Zentrale in Istanbul im Frühjahr dieses Jahres kurzerhand etwa 14 Prozent ihres Personals. Dabei handelt es sich um größere Dimensionen als bei Gorillas. Dem US-Medium Techcrunch zufolge soll Getir damals weltweit 32 000 Mitarbeiter beschäftigt haben. In Deutschland ist der türkische Lieferdienst seit vergangenem Jahr aktiv. Hinzu kommen sechs weitere europäische Länder und die USA. Anspruch von Getir ist es, in all diesen Ländern möglichst der führende Anbieter unter den Ultraschnellen zu sein. Charakteristisch für Getir und auch Gorillas ist das ständige Kommen und Gehen neuer Manager, allerdings selten zu deren finanziellem Nachteil.

Am Ende ging alles ganz schnell

Trotz all dieser Widrigkeiten bietet sich mit Gorillas für Getir eine einmalige Chance, relativ günstig eine marktbeherrschende Stellung nicht nur in Deutschland zu erlangen. Getir soll Berichten zufolge gerade einmal 100 Millionen Euro ausgegeben haben. Gorillas werde im Gesamtunternehmen nur noch einen Anteil von zwölf Prozent ausmachen, hieß es. Der Wert des Anteils liege bei 1,2 Milliarden Dollar, im September vergangenen Jahres wurde Gorillas noch mit drei Milliarden Dollar bewertet. Getirs Geschäft soll einen Wert von 8,8 Milliarden Dollar haben, womit das fusionierte Unternehmen mit etwa zehn Milliarden bewertet werde.

Der Deal katapultiert Getir an die europäische Spitze der superschnellen Essenslieferanten. Getir expandiert nun auf einen Schlag in mehrere Länder. Dazu kommt die Gelegenheit, die Kosten zu drücken. Mindestens die Hälfte der Standorte von Getir und Gorillas sollen sich allerdings überschneiden und könnten deswegen geschlossen werden. Das ist ein herber Einschnitt für die Mitarbeiter. Die Rentabilität des gemeinsamen Unternehmens könnte sich aber verbessern. Gewinne wird es daher aber wohl noch lange nicht machen.

Das Ende des Online-Booms beschleunigte den Niedergang Gorillas noch. Im Februar dieses Jahres hatte Sümer noch mitgeteilt, er plane, in diesem Jahr neue Finanzierungen in Höhe von 700 Millionen Dollar oder mehr aufzunehmen. Aber daraus wurde nichts. Stattdessen prüfte er eine Fusion mit Konkurrenten wie Jokr und Gopuff und schraubte am Gebührenmodell, immer mit dem Ziel, die Kosten zu reduzieren und die Warenkörbe zu vergrößern. Gorillas entließ Mitarbeiter, zog sich aus Ländern zurück und ging Partnerschaften etwa mit Biohändlern wie Alnatura ein. Aber es half alles nichts. Gorillas-Manager Adrian Frenzel klagte im Sommer noch über eine "Phase der maximalen Unsicherheit". Zumindest damit ist es nun vorbei. Jetzt steht fest: Gorillas ist nun ein Teil von Getir.

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