Geplatzte Alstom-Übernahme:Siemens auf Sinnsuche

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Alstom hätte sein Gesellenstück sein können: Siemens-Chef Joe Kaeser.

(Foto: AFP)

Siemens-Chef Joe Kaeser versucht, die Entscheidung des Alstom-Konzerns für den US-Konkurrenten General Electric als Sieg darzustellen. In Wahrheit ist er krachend gescheitert. Nun muss sich Siemens neu erfinden.

Ein Kommentar von Caspar Busse

Er ist noch nicht mal ein Jahr im Amt - und muss, so wie es jetzt aussieht, bereits eine erste Schlappe hinnehmen. Siemens-Chef Joe Kaeser scheitert mit der Übernahme des französischen Konkurrenten Alstom, dafür erhält nun General Electric (GE) den Zuschlag. Kaeser, der an diesem Montag Geburtstag feierte, versucht zwar, sich als Sieger aufzuführen, betont ausdrücklich, dass er zufrieden sei und das Ergebnis keineswegs als Niederlage empfinde.

Trotzdem: Es ist eine Niederlage. Vor mehreren Wochen waren die Münchner in das Bieterrennen um Alstom eingestiegen und hatten bei vielen Widrigkeiten alle Hebel in Bewegung gesetzt, um in Paris zu landen. Kaeser und seine Leute haben sehr viel Mühe und Zeit investiert, haben taktiert, das Konzept geändert, wollten Milliarden ausgeben. Das war kein Scheingefecht, es war offenbar ernst.

Es hätte das Gesellenstück für den neuen Vorstandsvorsitzenden Kaeser werden können. Übernahme von großen Teilen Alstoms, Stärkung des wichtigen Energiegeschäftes, den ewigen Rivalen General Electric (GE) aus dem Rennen geschlagen - das hätte schon etwas gehabt. Kaeser hätte sich tatkräftig vom Zickzackkurs seines Vorgängers Peter Löscher abheben und sich als Macher profilieren können.

Aber aus alldem wird nun wohl nichts, das Ding ist überraschend schnell geplatzt - auch wenn sich Kaeser noch nicht endgültig geschlagen gibt, sondern die Tür weiter offenhält und darauf hofft, bei einem möglichen Teilverkauf von Alstom-Bereichen zum Zuge zu kommen und vielleicht doch noch ein paar Rosinen abzubekommen. Jetzt lautet die Parole für Siemens: Zurück auf null.

Das ist bitter für Siemens und Kaeser. Der kann sich zumindest damit trösten, dass es in diesem so ungewöhnlichen Übernahmekampf gar keinen Sieger gibt, sondern in Wirklichkeit nur Verlierer. GE-Chef Jeffrey Immelt zum Beispiel muss nun Auflagen der französischen Regierung hinnehmen, die eigentlich nicht akzeptabel sind. Die Politiker rund um Präsident François Hollande sprechen auch künftig ein gewichtiges Wort mit, der Preis für GE ist hoch, wie es aussieht: zu hoch.

Wie soll das künftig überhaupt funktionieren? Die Amerikaner, die gerne durchgreifen und peinlich genau auf ordentliche Rendite achten, und die Franzosen, die vor allem die eigenen Interessen im Auge haben und ungern Zugeständnisse machen. Kaeser ist mit seinem Eingreifen den Amerikanern also erfolgreich in die Parade gefahren.

Siemens steht ein grundlegender Umbau bevor

Die französische Politik wiederum gibt sich als Sieger - gehört aber genauso zu den Verlierern. Zwar bleibt das Traditionsunternehmen Alstom zunächst einmal erhalten, die Standorte in Frankreich sollen bleiben, neue Jobs sind zugesagt. Das sieht auf dem Papier gut aus, und doch ist es zweifelhaft, ob Alstom so langfristig reüssieren wird.

In Wirklichkeit ist die Firma schon lange ein Sanierungsfall. Halbherziges Lavieren hilft da wenig, mehr Staatseinfluss erst recht nicht. Industriepolitik nach französischem Vorbild hat schon in der Vergangenheit nicht zum Erfolg geführt, der schwindsüchtige Autobauer Peugeot ist nur ein Beispiel. Es ist nicht zu erwarten, dass Alstom nun zum Vorbild wird.

Das alles weiß natürlich auch Kaeser, der sich darüber freuen kann, dass die Wettbewerber Alstom und GE nun erst mal mit sich selbst beschäftigt sind. Aber auch Siemens muss sich neu erfinden. In einem Brief an die Siemens-Mitarbeiter schrieb der Chef, das Alstom-Projekt sei unter dem Codenamen "Mont Blanc" gelaufen. Dieser Berg sei nun nicht erklommen worden, aber es gebe auch andere, höhere Berge.

Das stimmt: Es steht ein grundlegender Umbau des Unternehmens an, die Unruhe ist groß. Tausende Mitarbeiter sollen intern andere Aufgaben bekommen oder sind ihren Job künftig ganz los. Siemens ist auf Sinnsuche - und Kaeser ist noch lange nicht am Ziel. Das Projekt Alstom hatte hier bisher viel Kraft gebunden.

Vielleicht sollte sich der Siemens-Chef jetzt mit Tom Enders zum Erfahrungsaustausch treffen. Dem Vorstandsvorsitzenden des deutsch-französischen Luft- und Raumfahrtkonzerns Airbus (früher EADS) ist es - bei allen Unterschieden - ähnlich ergangen. Enders war noch nicht lange als Konzernchef im Amt, da begann er ein Großprojekt: die Fusion mit dem britischen Konkurrenten BAE Systems.

Auch dieses Milliardengeschäft scheiterte krachend, übrigens ebenfalls an politischem Widerstand (interessanterweise nicht aus Frankreich, sondern aus Deutschland). Enders hielt sich aber nicht lange mit der Schlappe auf, sondern baute Airbus kraftvoll um. Anschauungsunterricht für Kaeser.

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