Geldanlage Rentnerin wird zur Spekulantin wider Willen

Gerda Sternberg, 90, war immer eines wichtig bei der Geldanlage: Sicherheit. Die Postbank drehte ihr riskante Papiere an und lenkt jetzt ein.

(Foto: Lena Gürtler)
  • Gerda Sternberg, 89, wollte vor allem eine sichere Geldanlage, sagt sie.
  • Doch die Postbank verkaufte der Rentnerin einen Fonds mit hochriskanten Papieren - offenbar ohne das Wissen der Kundin, die auf ihren Bankberater vertraute.
  • Die Frau beklagt sich bei der Bank - bekommt aber kein Gehör.
Von Victor Gojdka

Es war an einem Dienstag im September, als aus Gerda Sternberg eine Börsenzockerin wurde. Sternberg, 89, ist noch immer verblüfft darüber, denn mit diesem Finanzkram kennt sie sich ja doch kaum aus. Für Zehntausende Euro hat Sternberg an jenem heißen Septembertag etwas noch Heißeres gemacht: Einen Fonds mit US-Aktien, hochriskanten Unternehmensanleihen, dazu Schwellenländerpapiere gekauft. "Das ist wirklich unbegreiflich", sagt Sternberg.

Wenn Gerda Sternberg recht hat mit ihren Schilderungen, dann muss man annehmen, dass sie das gar nicht wollte. Weil sie schon einmal mit einem Immobilienfonds Geld verloren hat. Weil sie bald vielleicht raus aus der kleinen Mietwohnung will, hinein in ein Altersheim. Weil sie vor allem drei Dinge wollte: Sicherheit, Sicherheit und noch mal Sicherheit. Dann muss man annehmen, dass ihr Bankmitarbeiter sie da hineingequatscht hat. "Als habe es die Finanzkrise nicht gegeben, dreht die Postbank einer hochbetagten Dame einen riskanten Fonds an", sagt Verbraucherschützerin Gabriele Schmitz von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Diese Geschichte macht uns sprachlos."

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Gerda Sternberg ahnt nichts Schlimmes, als sie an jenem 18. September mit dem Bus zu ihrer Postbankfiliale in Hamburg-Wandsbek fährt, seit Jahren ist sie dort schon Kundin. "Die Postbank ist ja wer", sagt Sternberg. Jahrelang hatte sie ein bisschen Geld in einem Rentenfonds angelegt. Und sich immer mal wieder bei ihrem Berater erkundigt, wie die Geschicke des Fondsmanagers stehen. "Bevor der am Ende noch Schulden macht", sagt Sternberg. Ist ja am Ende ihr Geld, ihr Altersheim. Doch als der Fonds im turbulenten vergangenen Börsenjahr schlecht abschneidet, da will sie ihn loswerden. Lieber auf der sicheren Seite sein.

Doch der Wertpapierverkäufer am Schalter, so erzählt es Sternberg, redet auf sie ein: Wenn sie ihr ganzes Geld auf dem Sparbuch parke, gebe es keine Zinsen. Außerdem sei es steuerlich nachteilig für sie. Dringend rate er ihr, das Geld in einen neuen Fonds zu stecken. Auf dem Bildschirm zeigt der Bankverkäufer ihr eine Verlaufskurve des Fonds. "Ich habe ihm gesagt, dass ich kaum noch etwas sehe und mich voll und ganz auf ihn verlassen muss", sagt Sternberg. "Voll und ganz." Am Ende unterschreibt sie den Vertrag.

Dass Sternberg überhaupt erfährt, wie risikoreich der Fonds ist, ist dem Zufall geschuldet. Als sie die Schalterhalle der Postbank verlässt, nimmt sie eine Anlagebroschüre mit. Als sie nachmittags mit ihrer Lupe die Broschüre studiert, schreckt sie auf. Ausgerechnet jener Fonds, den ihr der Bankmitarbeiter noch vor wenigen Stunden empfohlen hatte, ist dort ein Fonds für "risikobewusste" Investoren. Der Fonds könne in Anleihen mit erhöhten Risiken investieren, der Wert von Schuldtiteln im Fonds erheblich schwanken. "Das hat mich wie ein Blitz getroffen", sagt Sternberg. Und in jener Broschüre empfiehlt selbst die Bank, dass Anleger den Fonds mindestens fünf Jahre behalten sollten. Sternberg ist allerdings bereits 89 Jahre alt. Ob sie noch 94 wird?

Gekauft ist gekauft

Sternberg sucht das Gespräch mit dem Berater, auch der Filialleiter ist dabei. Sternberg hat sich eine Nachbarin als Zeugin mitgenommen. Doch zu bezeugen, so erzählt sie es, gibt es beim Gespräch nicht viel: Da könne man nichts machen, sagen die Banker. Der Fonds sei schließlich schon gekauft. Ansonsten: eisiges Schweigen.

Wenn Sternbergs Aussagen stimmen, könnte man sagen: Der Fall zeigt, wie wenig manche Banken offenbar aus der Finanzkrise gelernt haben, als Zehntausende Privatanleger in riskante Finanzprodukte gequatscht wurden. Intern führten die Banken solche Kunden damals unter Kürzeln wie AD: A wie alt, D wie dumm. Oder wahlweise Leo: leicht erreichbare Opfer.

Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung behauptet die Postbank: Die Kundin habe im Beisein des Wertpapierverkäufers einen Anlageprospekt durchgesehen, so den Fonds ausgewählt und eine Anlageberatung sogar abgelehnt. Einwände des Beraters, dass der Fonds nicht ihren Erfahrungen entspreche, habe sie vom Tisch gewischt und sofortigen Kauf angeordnet.

Fragen, wie wahrscheinlich es sei, dass eine 89-jährige Rentnerin jede Beratung ablehne und selbsttätig einen riskanten Fonds auswähle und im Gespräch durchfechte, ließ die Postbank unbeantwortet. "Es ist für mich unvorstellbar, wie die eine solche Geschichte erfinden können", sagt Rentnerin Sternberg. Verbraucherschützerin Schmitz fragt, warum die Rentnerin erstmals auf eine angebotene Beratung ausdrücklich verzichtet haben sollte: "Eine alte Dame, die immer nur konservative Geldanlagen wollte, wird doch nicht plötzlich ihre ganze Anlagestrategie über den Haufen werfen".

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