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Geldanlage:Wie sinnvoll Aktien von Impfstoff-Firmen sind

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Seit Wochen stehen die Titel der Impfstoffentwickler weit oben auf den Kauflisten der Investoren.

(Foto: Hendrik Schmidt /AFP)

An der Börse spielt sich ein Milliardenrennen um die Corona-Impfstoffe ab. Anleger hoffen auf große Gewinne - sollten aber vorsichtig sein.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Dass Börsenkurse etwas mit Gesundheit zu tun haben, zeigt sich spätestens, wenn man Herzschlagmesser und Börsenkurse nebeneinander hält. Immer wieder zeigen sich auf beiden Diagrammen heftige Ausschläge - und gerade bei Aktien von Corona-Impfstoffentwicklern scheinen viele Privatanleger derzeit auf einen besonders kräftigen Impuls zu hoffen.

Seit Wochen schon stehen die Titel der Vakzinentwickler von Biontech, Curevac oder Moderna weit oben auf den Kauflisten. All diese Unternehmen haben in den vergangenen Wochen mit ersten Meldungen Investoren Hoffnung gemacht, nun legte am Montag auch der Pharmakonzern Astrazeneca erste optimistische Zwischenergebnisse vor. "Die gesammelten Impfstoff-Nachrichten der vergangenen Wochen sind ein beispielloser Sieg für die Wissenschaft", sagt Robin Winkler von der Deutschen Bank. Viele Privatanleger fragen sich nun: Lässt sich mit den Impf-Aktien auch das eigene Portfolio aufspritzen?

Die teils gigantischen Kursgewinne scheinen das nahezulegen: Als die Mainzer Biotechfirma Biontech Anfang des Monats ihre ersten Ergebnisse vorstellte, sprang der Aktienkurs über das Wochenende von 92 Dollar auf zwischenzeitlich 115 Dollar. Seit Jahresbeginn haben die Kurse von Biontech um 208 Prozent zugelegt, die von Curevac seit deren Börsengang im August gar um 398 Prozent.

Im kommenden Jahr dürften die Impfstoff-Unternehmen mit ihren Corona-Vakzinen insgesamt 20 bis 40 Milliarden Dollar Umsatz machen, prognostizieren Analysehäuser. Allein das Gespann der Mainzer Biotechforscher von Biontech und des US-Pharmariesen Pfizer könnte im kommenden Jahr 13 Milliarden Dollar Umsatz mit seinem möglichen Corona-Impfstoff machen, rechnet die Bank Morgan Stanley vor. Was läge für Privatanleger näher, als mit eigenem Geld zugleich auf das Wohl der Welt und den persönlichen Gewinn zu setzen?

Experten warnen jedoch davor, sich von der Impfstoffbegeisterung an den Börsen täuschen zu lassen: Dass die Unternehmen voraussichtlich funktionierende Impfstoffe entwickelt haben, heiße nicht, dass die Kurse deswegen automatisch weiter stiegen. Alle derzeit bekannten Fakten seien nämlich schon in die Bewertungen eingeflossen. "Und wie viel Hoffnung in den Kursen steckt, ist schwer abzuschätzen", sagt Pharmaexperte Kai Brüning von der Fondsgesellschaft Apo Asset.

Am Ende dürften sich einige Impfstoff-Unternehmen den Markt teilen. Das erhöht den Druck auf die Preise

Darüber hinaus scheinen selbst viele sonst optimistische Unternehmensanalysten den Impfstoff-Firmen kaum noch Potenzial zuzutrauen. Glaubt man dem Schnitt der Analystenschätzungen aus dem November, die der Datendienst Bloomberg gesammelt hat, dürften Moderna-Aktien in einem Jahr unverändert notieren. Papiere von Biontech wiederum dürften um fünf Prozent sinken, allenfalls den Papieren von Astrazeneca trauen die Experten ein Kursplus von zehn Prozent zu.

Dass die Finanzprofis in ihren Prognosen keine parabolischen Kurssteigerungen annehmen, hat gleich mehrere Gründe. Am Ende dürften sich einige Impfstoff-Unternehmen den Markt teilen, was den Marktanteil jeder einzelnen Firma verringert und den Druck auf die Preise erhöht. Auch Regierungen könnten mit ihren Massenbestellungen die Pharma-Manager drängen, in der Notsituation keine vermessenen Preise zu fordern. Der Pharmariese Astrazeneca hat daher angekündigt, seine Impfdosen für drei bis fünf Dollar an Regierungen abzugeben. Auch Biontech und Pfizer versprachen, ihr Vakzin "unter Marktpreisen" abzugeben. "Die werden keine extremen Gewinnspannen damit erzielen", sagt Apo-Mann Brüning.

Dazu kommt aus Anlegersicht die Frage, wie lange die Immunisierung durch den Impfstoff vorhält. "Wird man jedes Jahr einen Impfbooster brauchen oder ist es nach einem Impf-Durchgang erledigt?", fragt etwa Pharmaexperte Brüning. Daran hängt wesentlich, ob die Unternehmen auch in ein paar Jahren noch laufend Gewinne mit ihren möglichen Vakzinen machen werden. Mit Wetten auf einzelne Impfstoff-Firmen sollten Anleger also vorsichtig sein, wenn sie beim Blick auf ihr Depot kein Herzrasen bekommen möchten.

© SZ/vit
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