Luftfahrt Dem Flugverkehr droht der nächste Kollaps

Ein Flugzeug von Eurowings wird vor dem Abflug auf dem Hamburger Airport enteist.

(Foto: dpa)
  • 2018 sind bis zum 18. Dezember insgesamt 28 613 Flüge von, nach und innerhalb Deutschlands annulliert worden.
  • Die Airlines schimpfen bevorzugt über schlechte Flughäfen und die unterbesetzte Flugsicherung. Doch das Flugchaos ist auch eine Konsequenz des Kostendrucks.
  • Wenn im nächsten Frühjahr die Zahl der Flüge in Europa wieder deutlich ansteigt und die Infrastruktur wieder an ihre Grenzen gerät, könnte das System Luftverkehr wieder kollabieren.
Von Jens Flottau, Frankfurt

Eurowings-Chef Thorsten Dirks hat eine wichtige Nachricht für seine Kunden, und damit es auch möglichst viele mitbekommen, hat er sie ins neueste Bordmagazin drucken lassen. Seit Beginn des Winterflugplanes Ende Oktober habe Eurowings "rund 30 000 Flüge absolviert, die mit einer Zuverlässigkeit von rund 99 Prozent zu Buche stehen". Dies entspreche dem Qualitätsniveau, "das Sie von uns erwarten". Zu den pünktlichsten Airlines in Europa zu zählen sei "unser Anspruch - und daran werden wir uns messen lassen".

Dirks Kunden ist natürlich zu wünschen, dass der Airline-Chef recht behält und die Lufthansa-Tochter 2019 nicht schon wieder so negativ auffällt wie nach der zeitweise chaotischen Übernahme von Teilen der insolventen Air Berlin im vergangenen Sommer. Allerdings wäre noch zu definieren, was genau es denn heißt, zu den pünktlichsten Fluggesellschaften zu gehören, wenn im nächsten Frühjahr die Zahl der Flüge in Europa wieder deutlich ansteigt und die Infrastruktur anders als im verkehrsarmen Winter wieder an ihre Grenzen gerät. Denn nicht wenige glauben, dass das System Luftverkehr dann wieder kollabieren wird. Wer dann noch zu den pünktlichsten Airlines gehört, könnte dennoch schlechten Service bieten (müssen). "Die Infrastruktur wächst nicht, der Druck wird angesichts des Verkehrswachstums weiter steigen", glaubt etwa der Prologis-Berater Gerd Pontius.

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2018 war aus Sicht der Passagiere eine einzige Katastrophe. Nach Daten des Fluggastrechteportals EU-Claim sind bis 18. Dezember 28 613 Flüge von, nach und innerhalb Deutschlands annulliert worden. 8420 Flüge waren mehr als drei Stunden verspätet. Die Lufthansa musste demnach 12 523 Flüge streichen, die viel kleinere Eurowings 5091. Ryanair, die viel von Streiks betroffen war, kam auf 1630. Eurowings hatte die meisten Flüge mit mehr als drei Stunden Verspätung (1359), gefolgt von Lufthansa mit 1016. Besonders häufig dabei waren Flüge von Palma de Mallorca nach Köln/Bonn, Düsseldorf und München. Düsseldorf - München war mit 319 Flügen die Strecke, die am häufigsten von Flugausfällen betroffen war.

Den geplagten Eurowings- und Lufthansa-Passagieren mag es ein geringer Trost sein, dass drei der fünf am längsten verspäteten Flüge laut EU-Claim Condor zuzurechnen sind. Der Rekord des Jahres 2018 lag bei 50 Stunden und 18 Minuten - Flug DE2235 von Santo Domingo nach Frankfurt, eigentlich geplant für den 13. August. Es hat dann aber doch ein bisschen länger gedauert.

Die Airlines kommt das Chaos extrem teuer. Das Fluggastrechte Portal Flightright hat ausgerechnet, dass die Passagiere europaweit insgesamt Ansprüche auf Entschädigungen in Höhe von 800 Millionen Euro haben, 2017 waren es 500 Millionen Euro. Die Kompensationszahlungen sind aber nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Kosten. Hinzu kommt der innerbetriebliche Aufwand, um den Flugbetrieb wieder in Ordnung zu bringen.

Die Airlines schimpfen bevorzugt über schlechte Flughäfen und die unterbesetzte Flugsicherung. Über Weihnachten, so Lufthansa per Pressemitteilung, hätten 3000 Passagiere in Frankfurt ihren Flug verpasst, weil sie an den Sicherheitskontrollen bis zu 90 Minuten warten mussten. 88 Flüge seien verspätet gestartet, weil Gepäck von Passagieren, die es nicht rechtzeitig geschafft haben, wieder ausgeladen werden musste.

Doch was die Kunden derzeit erleben, ist auch Ergebnis eines langjährigen Trends, ausgelöst durch das starke Wachstum der Billigfluggesellschaften, die die Etablierten zwangen zu reagieren: "Der Kostendruck war in den vergangenen 15 Jahren der dominierende Treiber der Luftfahrtbranche", so Pontius. Deswegen "wurden Puffer ausgedünnt zugunsten der Profitabilität, zulasten der Pünktlichkeit und der Zuverlässigkeit der Flugpläne".

Selbst kleine Störungen können gravierende Folgen haben

Die nötigen Konsequenzen liegen auf der Hand. "Die einzige Chance besteht darin, mehr in Puffer und Infrastruktur zu investieren", glaubt Pontius. "Das kostet viel Geld und ist ohne höhere Flugpreise nicht zu finanzieren. Die reine Fokussierung auf Kosten und möglichst niedrige Preise ist der falsche Weg." Wer also als Passagier wieder mehr Qualität will im Luftverkehr und nicht nur niedrige Preise, der wird bereit sein müssen, dafür zu zahlen.

Denn das System ist derzeit bei den meisten Anbietern so knapp kalkuliert, dass selbst eine kleine Störung, die früher noch zu kompensieren war, heute gravierende Auswirkungen hat. Besonders anfällig dafür sind nicht unbedingt Drehkreuz-Betreiber wie Lufthansa, die Umsteigeverbindungen anbieten, sondern auf den Direktverkehr spezialisierte Airlines wie Eurowings. "Die operative Flugsteuerung ist bei Eurowings inzwischen komplexer als bei Lufthansa," so Pontius. "Eine einmal eingefangene Verspätung kann über den Tag hinaus in der Regel nicht mehr aufgeholt werden."

Eurowings und Lufthansa betonen, sie hätten ihre Lektion gelernt. Im kommenden Sommer sollen mehr Ersatzflugzeuge und zusätzliche Besatzungen bereitstehen, wenn der Flugplan wieder einmal durcheinandergeraten sollte. Lufthansa hat auch deswegen bei Airbus zusätzliche Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge nachbestellt, obwohl sie das geplante Wachstum für den nächsten Sommer reduziert hat.

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