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FinCEN-Files:Leak enthüllt globales Versagen im Kampf gegen Geldwäsche

Zahlreiche Großbanken stehen im Zentrum der internationalen Recherche.

(Foto: Imago, Collage: SZ)

Unterlagen aus dem US-Finanzministerium zeigen die Versäumnisse von Banken und Behörden. Auch über die Deutsche Bank liefen verdächtige Milliardengeschäfte.

Von Mauritius Much, Frederik Obermaier, Meike Schreiber und Jan Willmroth

Geheime Unterlagen aus dem US-Finanzministerium zeigen eklatante Schwächen im weltweiten Kampf gegen Geldwäsche. Großbanken sind demnach oft nachlässig und Behörden überfordert. Zu den Instituten, die durch die Dokumente in besondere Erklärungsnot geraten, gehört die Deutsche Bank. Über sie und andere Banken sollen eine russische Mafiagruppe und ein Helfer internationaler Terrorgruppen riesige Millionenbeträge gewaschen haben. Dies ergibt sich aus den Papieren des US-Ministeriums, die dem Online-Medium Buzzfeed News zugespielt wurden. Geldwäscher haben demnach die globale Infrastruktur von Deutschlands größter Bank nicht nur über einen längeren Zeitraum und in größerem Umfang genutzt als bisher angenommen, in der Bank haben zudem offenkundig die Sicherheitssysteme versagt.

Nach den Recherchen von SZ, NDR und WDR ist der heutige Vorstandschef der Deutschen Bank, Christian Sewing, mitverantwortlich dafür, dass nicht früher bemerkt wurde, wie Geldwäscher die Bank für verdächtige Aktiengeschäfte nutzen konnten. Sewing war vor seiner Berufung zum Vorstandsmitglied Leiter der Konzernrevision. Seine Abteilung untersuchte 2014 die Abläufe im auffälligen Aktienhandel in Russland und gab am Ende grünes Licht: alles in Ordnung.

Experten, die von der Deutschen Bank selbst beauftragt wurden, attestierten der Prüfung von Sewings Abteilung später jedoch schwerwiegende Mängel, die Arbeit sei "unzureichend" gewesen. Die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts. Die Deutsche Bank bestreitet eine direkte oder indirekte Beteiligung des heutigen Vorstandschefs an der Prüfung der Moskau-Geschäfte. Er habe lediglich den Gesamtplan für mehrere Hundert Prüfungen - sogenannte Audits - des Jahres 2014 eingereicht. Den Bericht habe er zum ersten Mal gelesen, "als im Mai 2015 klar wurde, dass es Mängel in diesem Audit gegeben haben könnte". Sewing persönlich wollte sich nicht äußern.

Neben der Deutschen Bank stehen auch zahlreiche andere Großbanken im Zentrum der internationalen Recherche. Sie zeigt, wie bekannte Häuser in Geldwäsche verwickelt waren und kriminelle Netzwerke bisweilen unbehelligt operieren ließen. Die Recherche basiert auf geheimen Unterlagen aus dem US-Finanzministerium, an die Buzzfeed News gelangt ist. Es handelt sich unter anderem um mehr als 2100 Berichte aus den Jahren 2000 bis 2017, in denen Banken der US-Kontrollbehörde Financial Crimes Enforcement Network (FinCEN) verdächtige Transaktionen in Höhe von insgesamt mehr als zwei Billionen Dollar gemeldet haben. FinCEN wollte sich im Detail nicht zu den Recherchen äußern und verwies auf die Vertraulichkeit der Dokumente.

Einige Banken meldeten verdächtige Überweisungen erst nach mehreren Jahren

Diese belegen, dass internationale Großbanken wie HSBC, Standard Chartered und JPMorgan insgesamt Hunderte Milliarden Dollar pro Jahr überwiesen haben, obwohl sie den Verdacht hegten, dass das transferierte Geld Despoten, korrupten Oligarchen, Drogenbossen oder anderen problematischen Akteuren zuzurechnen war. Buzzfeed News hat die Unterlagen mit dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) geteilt und so eine weltweite Recherche von 110 Medien aus 88 Ländern ermöglicht. In Deutschland werteten SZ, NDR und WDR gemeinsam mit dem deutschen Ableger von Buzzfeed News die Unterlagen aus, die Ergebnisse werden weltweit unter dem Begriff FinCEN-Files veröffentlicht.

Die Unterlagen bieten auch neue Einblicke in die geheimen Geschäfte von Donald Trumps früherem Wahlkampfmanager Paul Manafort und anderen politischen Figuren. Vor allem aber zeigen die Unterlagen, wie Banken und Behörden im Kampf gegen Geldwäscher oft versagten - etwa weil sie zu langsam waren.

Jeden Tag werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen bis zu 5,5 Milliarden Dollar aus schmutzigen Geschäften gewaschen. Das Geld, das etwa aus Waffenhandel, illegaler Prostitution oder Betrugsfällen stammt, wird auf diese Art in den regulären Wirtschaftskreislauf geschleust. Dadurch können Kriminelle es später ausgeben, ohne dass auffällt, woher das Geld ursprünglich stammt. Dies gelingt nach Meinung von Experten auch deshalb, weil interne Bankkontrollen nicht konsequent genug sind. Das Geschäftsmodell einer globalen Großbank sei inzwischen "ohne Berührung zu kriminellen Netzwerken gar nicht denkbar", meint der Finanzexperte und frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick: "Die Branche scheint zu einem besonders wichtigen Helfer organisierter Kriminalität weltweit geworden zu sein." Bankenvertreter verweisen indes darauf, dass sie nur Hinweise auf verdächtige Überweisungen geben können, dies sei ohnehin schon ein gewaltiger Aufwand - Ermittlungen und Anklagen seien Aufgabe der Behörden.

Nach amerikanischem Recht müssen Banken verdächtige Überweisungen innerhalb von 30 Tagen an das FinCEN melden. Die US-Niederlassung der Deutschen Bank brauchte in einem Fall allerdings 5678 Tage, bei der amerikanischen BNY Mellon waren es sogar 6666 Tage - mehr als 18 Jahre. Beide Finanzinstitute wollten sich nicht zu den konkreten Fällen äußern.

Auch die Commerzbank taucht in den Unterlagen mehrmals auf, sie meldete unter anderem verdächtige Geschäfte im Zusammenhang mit der russischen Sviaz-Bank. Die Commerzbank vermutete laut FinCEN-Files einen Zusammenhang mit den amerikanischen und europäischen Sanktionen gegen das Regime in Syrien, meldete den Verdacht aber den Dokumenten zufolge erst zehn Monate später. Die Commerzbank wollte sich unter Verweis auf das Bankgeheimnis nicht zu Kundenbeziehungen äußern.

© SZ vom 21.09.2020/jps
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