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Kolumne: Femme Digitale:Schwurbler in der Mama-Gruppe

FILE PHOTO: A picture illustration shows a Facebook logo reflected in a person's eye, in Zenica

Für Facebook sind die Müttergruppen gutes Geschäft, schließlich schreiben die Frauen hier über Privates und verbringen viel Zeit - das bedeutet Geld in der werbefinanzierten Welt.

(Foto: REUTERS)

Viele Mütter suchen Rat und Hilfe auf Facebook, besonders in der Pandemie. Doch dort wimmelt es nur so von gefährlicher Desinformation. Es gibt aber auch Gruppen, die sich explizit gegen die Pseudowissenschaft wenden.

Von Kathrin Werner

Die ersten Tage, Wochen und Monate nach der Geburt eines Kindes sind eine Zeit der großen Gefühle. Des großen Glücks, aber oft auch der großen Unsicherheit. Ein Baby kommt schließlich mit dringenden Bedürfnissen an, aber ohne Gebrauchsanweisung. Machen Schnuller schiefe Zähne? Was ist das für ein komischer Ausschlag? Warum schläft es mit einem Auge offen? Ist das Grüne da in der Windel normal?

Diese Unsicherheit macht frischgebackene Eltern, insbesondere Mütter, die in den meisten Familien die Hauptlast tragen, sehr empfänglich für Ratschläge von Menschen, die so tun, als wüssten sie die Antworten auf alle Fragen. Und die sind bekanntlich im Internet besonders häufig anzutreffen, insbesondere bei Facebook. Für Desinformation im Netz sind Mütter oft leichte Opfer - und zwar nicht, weil sie doof sind, sondern weil sie verletzlich, überfordert und oft auch einsam sind, besonders in der Pandemie, in der alle Krabbelgruppen ausfallen. Manche der Müttergruppen bei Facebook haben Hunderttausende Mitglieder. Die Versuchung ist groß, mal schnell ein Foto vom Hautausschlag hochzuladen und die Schwarmintelligenz zu nutzen, statt zur Kinderärztin zu fahren. Doch gerade bei medizinischen Fachfragen sollten die Experten ran, nicht Fremde im Internet.

Für Facebook sind die Müttergruppen gutes Geschäft, schließlich schreiben die Frauen hier über Privates und verbringen viel Zeit - das bedeutet Geld in der werbefinanzierten Welt. Auch für die Mütter haben die Gruppen viel Gutes. Oft sind sie zumindest auf den ersten Blick sehr mütterfreundlich. Man kann Babyklamotten tauschen und hören, dass es anderen genauso geht wie einem selbst. Dazu gibt es rosaumwolkte Babybilder, bedeutungsschwangere Zitate-Kacheln und Sinnsprüche über die immense Wichtigkeit der Mutterschaft. "Mein größtes Glück sagt ,Mama' zu mir", "Eine Mutter ist die einzige Person auf der Welt, die dich schon liebt, bevor sie dich kennt" und so weiter. Ganz wichtig ist auch die Meckerecke, in der Mütter sich über die großen und kleinen Desaster und Enttäuschungen austauschen können. Doch oft fühlen sich Mütter von anderen Müttern verurteilt und unter Druck gesetzt. "Mommy Wars" nennen das die Amerikaner.

Und dann ist da noch ein großes gesellschaftliches Problem: In vielen Gruppen wimmelt es nur so von Pseudowissenschaft. Einzig Stillen sei gut für das Neugeborene, auch wenn manche Mütter nicht stillen können oder aus welchen triftigen Gründen auch immer nicht wollen. Bei werdenden Müttern wird Angst geschürt vor Medikamenten, die Geburten einleiten oder Schmerzen lindern. "Natürliche Geburten", am besten im Planschbecken im eigenen Wohnzimmer, gelten als das einzig Wahre und Schöne, selbst wenn sie oft große Risiken mit sich bringen. Es gibt Verfechter des Trends, die eigene Plazenta zu verspeisen, roh, gekocht oder zu Globuli verarbeitet. Und dann ist da natürlich noch die Mutter aller Mütter-Desinformationen: Angstmacherei vor Impfungen.

#WirLassenUnserKindNichtImpfen

Durch die Corona-Pandemie bekommt das eine zusätzliche Relevanz und zusätzliche Schärfe im Tonfall. Man ahnt schon, was es in den Mama-Gruppen zu lesen geben wird, wenn die Covid-19-Impfstoffe auch für Kinder zugelassen werden. Die europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) prüft gerade den Impfstoff von Biontech auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen bei unter 16-Jährigen. Doch schon jetzt verbreitet sich unter dem Hashtag #WirLassenUnserKindNichtImpfen ein Videoclip, in dem Vertreter der "Querdenker"-Szene erklären, dass ihre Sprösslinge ungeimpft bleiben.

Kathrin Werner, Digi-Kolumne

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Helmut Martin-Jung, Jürgen Schmieder und Kathrin Werner im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Impfgegner fahren seit Jahren immer besser organisierte Kampagnen in den Facebook-Müttergruppen - und zwar vor allem mit drei Strategien, erklärt die Journalistin Keira Butler im Investigativ-Nachrichtenportal Mother Jones, die seit Jahren schon Desinformation in Facebooks Müttergruppen nachgeht: Es gebe Beiträge, die an Bioladen-Einkäuferinnen appellieren ("Wissen Sie wirklich, was in diesen Impfstoffen enthalten ist?"), an die Anti-Kapitalisten ("Große Pharmakonzerne machen Geld mit diesen Impfstoffen!") und an die Libertären ("Lassen Sie sich nicht von der Regierung vorschreiben, was Sie in den Körper Ihres Kindes stecken!"). Hinzu komme die subtilere Methode, an das Selbstverständnis als fürsorgliche Eltern zu appellieren: "Verlassen Sie sich auf Ihre eigene Intuition, was das Beste für Ihre Familie ist und stellen eigene Nachforschungen an!"

Kontrolliert werden die Facebook-Gruppen nicht genug. Manche haben zwar Moderatorinnen und Moderatoren, die gefährlichen Quatsch herausfiltern. Aber seit der Pandemie haben die Posts von Schwurblern und Impfgegnern so zugenommen, dass die Moderatorinnen und Moderatoren kaum hinterherkommen. Wenn etwas gelöscht wird, taucht es schnell an anderer Stelle wieder auf. Bei manchen Fehlinformationen, insbesondere zu den Covid-Impfungen, schlägt zwar Facebooks künstliche Intelligenz zu, die die Plattform nach unerwünschten Inhalten durchsucht. Facebook hat auch einige der prominentesten Impfgegner gesperrt, etwa des US-Aktivisten Del Bigtree. Doch ganz oft findet der Algorithmus die Fehlinformationen nicht oder nicht schnell genug.

Es gibt aber auch Gruppen, die sich explizit gegen die Pseudowissenschaft wenden. Die englischsprachige Facebook-Gruppe Raising Children without the Woo zum Beispiel. In den vergangenen Monaten haben sich zudem etliche Ärztinnen, die auch Mütter sind, zu Facebook-Aufklärerinnen weiterentwickelt und schreiten gegen Schwurbler-Quatsch ein und gründen große eigene Gruppen. Alle Eltern wollen nur das Beste für die Kinder, sagte eine von ihnen, Shikha Jain, dem Magazin Newsweek. Deshalb suchten viele Mütter Rat in Facebook-Gruppen. Und deshalb engagierten sich Mütter wie sie gegen Desinformation bei Facebook. "Um sicherzustellen, dass unsere Stimmen genauso laut sind wie die Stimmen derjenigen, die Fehlinformationen verbreiten."

© SZ
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