Exxon provoziert Proteste im Münsterland Die Gasrevolution muss warten

Zu schön, um wahr zu sein: Erdgasvorkommen im Münsterland versprechen die Lösung aller Energieprobleme. Einziger Haken: Die problematische Fördertechnologie treibt die Bürger auf die Barrikaden gegen den Energiekonzern Exxon.

Von Bernd Dörries

Am Anfang wurde Mathias Elshoff gefragt, was er denn gegen Gas habe. Das sei doch so schön sauber und umweltfreundlich. Damals, vor einem Jahr, hat sich auch Elshoff überlegt, ob es nicht besser gewesen wäre, seiner Interessengemeinschaft einen anderen Namen zu geben als IG gegen Gasbohren, etwas Positiveres.

"Der Name klingt so, als sei ich einer von denen, die gegen alles sind", sagt Elshoff. Mittlerweile hat sich die Stimmung gedreht und ganz Nordwalde im Münsterland ist gegen Gasbohrungen. Elshoff und die 9000-Einwohner-Gemeinde führen einen Kampf gegen den milliardenschweren Rohstoffmulti Exxonmobil. Am Anfang sah es nicht gut aus für die Münsterländer.

Im vergangenen November veröffentlichte die nordrhein-westfälische Landesregierung eine Untersuchung über die Erdgasvorkommen, und was es damals zu lesen gab, klang so, als gehörten die Energieprobleme erst einmal der Vergangenheit an.

Bis zu 2100 Kubikkilometer Erdgas würden unter Nordrhein-Westfalen vermutet, schätzte der geologische Dienst. Das wäre eines der größten Vorkommen Europas und könnte Deutschland 20 Jahre von Lieferungen unabhängig machen. Es herrschte Gasgräberstimmung.

Nach nur wenigen Monaten und ohne einen einzigen Kubikmeter Gas aus den neuen Feldern hat die Landesregierung jetzt Exxon zu einer Selbstverpflichtung gedrängt, die Förderung in den neuen Vorkommen zu unterlassen, bis die Risiken der dafür benötigten Technologie mit einem Gutachten untersucht sind. Die Bürgerinitiative spricht von einem Teilerfolg. "Die neue Technologie hat in den USA massive Schäden angerichtet und das Grundwasser verseucht", sagt Mathias Elshoff.

Tonnen Chemikalien in den Boden gepumpt

Halb Nordrhein-Westfalen ist schon in 19 Claims abgesteckt worden, mit denen sich internationale Konzerne, aber auch lokale Stadtwerke die Rechte zur Erkundung gesichert haben. Bei aller Euphorie über die neuen Erdgasvorkommen haben Industrie und Politik offenbar vergessen, über Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären.

Bei den Vorkommen handelt es sich nicht um herkömmliche Erdgasfelder, die man mehr oder weniger nur anbohren muss. In den vermuteten "unkonventionellen" Lagerstätten liegt das Erdgas von Gesteinsschichten umschlossen und kann nur mit künstlichem Druck aus der Erde entweichen, mit Hilfe der sogenannten Fracking-Technologie.

Dabei werden Millionen Liter Wasser in die Erde gepumpt, durch den Druck brechen Gesteinsspalten auf, das Gas kann nach oben entweichen. Problematisch sind die vielen Tonnen Chemikalien, die in den Boden gepumpt werden und verhindern sollen, dass sich die feinen Risse wieder schließen.

Der Oscar-nominierte Dokumentarfilm Gasland zeigt, dass die Technologie, die die USA zum weltgrößten Gaserzeuger machte, ganze Landstriche verseuchte. Der Film stimulierte auch hierzulande den Widerstand. Die Politik hat sich dem Protest angeschlossen, fast alle Parteien überbieten sich mit neuen Genehmigungsverschärfungen.

Es sieht so aus, als müsste die Gasrevolution noch warten. Als hätte das Münsterland den Kampf vorerst gewonnen. Doch Exxon gibt sich nicht geschlagen. "Wir sehen keine Risiken, die nicht beherrschbar sind", sagt der Konzern. An seinen Bohrplänen will er festhalten.