Chef von Ethiopian Airlines:Der Top-Manager mit dem kleinen Eckbüro

Chef von Ethiopian Airlines: Tewolde Gebremariam rückte 2011 an die Spitze von Ethiopian Airlines.

Tewolde Gebremariam rückte 2011 an die Spitze von Ethiopian Airlines.

(Foto: Mulugeta Ayene/AP)

Tewolde Gebremariam, Chef der Fluggesellschaft Ethiopian, gilt als einer der erfolgreichsten Airline-Manager weltweit. Sein Karriereende nun ist bitter.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Dies sei vielleicht der schönste Tag seiner Karriere, sagte Tewolde Gebremariam im Sommer 2018. Der Chef von Ethiopian Airlines stand auf dem Gang einer nagelneuen Boeing-Maschine, sie befand sich gerade auf dem Weg nach Eritreas Hauptstadt Asmara. Es war eine Art Jungfernflug: Die erste Direktverbindung zwischen den beiden Erzfeinden Äthiopien und Eritrea nach Jahrzehnten des Krieges.

"Wir haben genug gelitten, genug bezahlt", sagte Tewolde, als er dann in Asmara den Boden betrat. Um ihn herum fielen sich Verwandte in die Arme, die sich lange nicht gesehen hatten. Tewolde stand da und schaute versonnen auf die Menschen, dann machte er sich wieder an die Arbeit, so wie er es die 37 Jahre bei Ethiopian immer gemacht hat. Im Bauch der Boeing hatte er ein komplettes Abend-Dinner für die Feier im Hotel mitgebracht, Hunderte Flaschen besten äthiopischen Wein und Bier. Viel gefeiert hat er dann wohl nicht, es mussten ja auch Geschäfte gemacht werden, wie über die Übernahme der eritreischen Staatsairline zu verhandeln. Er tat das immer mit einem Lächeln.

Am Mittwoch vergangener Woche ist Tewolde nun von seinem Chefposten bei Ethiopian zurückgetreten, und man kann davon ausgehen, dass es einer der bittersten Tage in seiner Karriere war. Medizinische Gründe hätten ihn gezwungen, teilt die Airline mit, der ehemalige Chef befände sich bereits seit fünf Monaten zur Behandlung in den USA. Gemerkt hat es nach außen niemand, Tewolde gab Interviews, eröffnete neue Routen und lotste Ethiopian durch die Corona-Krise. So gut wie kaum eine andere Fluglinie auf der Welt. Ethiopian geriet nie in die Verlustzone, musste nie den Staat um Hilfe bitten. In Äthiopien ist es anders als in anderen Ländern, das arme Land lebt auch von den Gewinnen, die die Airline macht.

Es ist eine fast unglaubliche Bilanz, die Tewolde hingelegt hat, er ist einer der erfolgreichsten Airline-Manager weltweit. Seit er 2011 an die Spitze rückte, haben sich viele Kennzahlen wie Umsatz, Flugzeuge und Passagiere in etwa vervierfacht. Mit 130 Maschinen, vor allem von Boeing, beförderte Ethiopian kurz vor der Pandemie zwölf Millionen Menschen im Jahr. Nach Zielen ist sie die viertgrößte Linie der Welt, 130 Städte werden angeflogen. In sechs afrikanischen Staaten betreibt das Star-Alliance-Mitglied Tochtergesellschaften, oft zusammen mit dem Staat, zuletzt wurde eine in der Demokratischen Republik Kongo eröffnet. Immer wieder wurde Tewolde zu Afrikas bestem Manager gewählt. Ethiopian gilt vielen Afrikanern als Beispiel, wie es auf dem Kontinent viel öfter aussehen könnte, wenn das Management einen Plan verfolgt, und man es machen lässt.

Von Korruption war bei Ethiopian nichts zu spüren

Immer mal wieder hatten auch Äthiopiens wechselnde Regime und Regierungen versucht, ihre eigenen Leute einzuschleusen. Das Management hat immer mit Protesten reagiert, manchmal verschickte es Briefe an alle äthiopischen Botschaften weltweit. Absurde Korruption hat so viele afrikanische Fluggesellschaften zermürbt und zu Boden gezwungen, bei Ethiopian war davon nichts zu spüren.

Tewolde saß bis zum Schluss noch in einem kleinen Eckbüro, auf dem Parkplatz stand immer sein schon etwas in die Jahre gekommener Toyota. Der Erfolg von Ethiopian liegt auch daran, dass Leute wie Tewolde immer auf die Kosten geschaut haben, man dort nicht unbedingt üppig bezahlt wird.

Die Fluglinie wurde 1946 mit Hilfe von Trans World Airlines (TWA) aus den USA gegründet, die anfangs auch Teile des Managements und auch Piloten stellten. Er habe immer zuerst geschaut, ob im Cockpit ein Weißer saß, sagte ein afrikanischer Minister einmal. So wenig trauten sich manche vom Kolonialismus gedemütigte Afrikaner damals selber zu.

Ethiopian hat TWA schließlich um Jahrzehnte überlebt. Die Airline hat den Untergang des Kaiserreiches von Haile Selassie überlebt, die brutale kommunistische Diktatur und schließlich auch die von der kleinen Volksgruppe der Tigray angeführte Autokratie. Mit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Abiy Ahmed schienen 2018 bessere Zeiten anzubrechen, er bekam den Friedensnobelpreis und öffnete das Land. Tewolde übernahm mit Ethiopian die Ausstellung von elektronischen Visa an Touristen und baute eines der größten Hotels Afrikas.

Es kam anders: Im März 2019 stürzte eine Boeing 737-Max ab und mit ihr 157 Menschen, weil der Hersteller gepfuscht hatte. Danach kam Corona und schließlich der Bürgerkrieg zwischen der Zentralregierung und dem Volk der Tigray. Viele ihrer Vertreter in Politik und Wirtschaft wurden aus ihren Ämtern und Büros gejagt, auch bei Ethiopian gab es solche Vorfälle, Tewolde an der Spitze aber blieb. Er hatte sich schlicht unentbehrlich gemacht: Durch Corona brach auch bei Ethiopian die Passagierzahl ein, die so wichtigen Verbindungen nach China sind bis heute fast komplett am Boden. Tewolde aber reagierte schnell, sah die Chance, im Frachtgeschäft mitzumischen, er ließ aus 20 Passagiermaschinen die Sitze herausreißen und als Frachter fliegen. Er ließ in Windeseile eine App für Frachtkunden programmieren und weitete die Zahl der Destinationen aus, von Alaska bis nach Südamerika.

Tewolde hat sein Alter nie verraten, sein Plan war aber, noch ein paar Jahre so weiterzumachen. Zu Interviews erschien er auch an Sonntagen, dann aber zumindest in Polohemd statt Anzug. Er erzählte immer lange von den neuen Projekten: Er ließ neue Simulatoren kaufen, baute moderne Frachtzentren und plante einen neuen Großflughafen vor der Stadt, der fünf Mal so groß sein soll wie der alte. Die Projekte sollen weitergehen, heißt es bei Ethiopian. Tewolde mag nicht mehr im Amt sein, sein Geist aber soll weiter bestehen. Nachfolger Mesfin Tasew Bekele ist ein enger Weggefährte, auch er fing ganz unten an bei Ethiopian und ist mit 38 Jahren sogar noch ein Jahr länger dabei als Tewolde.

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