Entsorgung Das Geschäft mit dem Müll kann sehr lukrativ sein

Dabei kann das urban mining, die Suche nach Rohstoffen gleich vor der eigenen Haustür, sehr lukrativ sein. Unternehmen wie Alba profitieren davon. Für die Berliner ist der Job in Hongkong der größte Auftrag in ihrer Firmengeschichte. Bis zu 56 000 Tonnen Elektroschrott ließen sich in der Anlage zerlegen, drei Viertel des Hongkonger Elektroschrotts. Heikle Arbeiten, etwa mit giftigen Stoffen, übernehmen Roboter, am Ende bleiben Berge an Kupfer, Aluminium, Stahl, Kunststoffen.

Und Hongkong soll erst der Anfang sein, Lösungen müssen überall her, sonst droht die Welt in Elektroschrott und Plastikmüll zu ersticken. Beispiel Elektroschrott: Bis 2021 sollen weltweit über 50 Millionen Tonnen davon anfallen, allein in Deutschland sind es heute schon 1,7 Millionen Tonnen - von denen allerdings nur 40 Prozent ordnungsgemäß entsorgt werden. Der Rest landet im Hausmüll oder wird bis auf Weiteres im Keller versenkt. So lange, bis er irgendwann wieder hervorgeholt wird - und das kann Jahrzehnte dauern.

Anders gesagt: Da schlummern Schätze aus Gold, Silber, Kupfer und Platin - man muss sie nur heben. Immer wieder die neueste Handygeneration, neue Tablets, der neueste, smarteste Fernseher: 20 Kilogramm Elektroschrott erzeugt, rein rechnerisch, jeder Deutsche pro Jahr. Der Schrott muss irgendwo bleiben. Nur wo?

Deutschland schmeisst weg Das deutsche Recycling-Märchen
Müll-Kreislauf

Das deutsche Recycling-Märchen

Deutschland feiert sich als Recycling-Meister - doch Experten halten die offiziellen Angaben für Augenwischerei. Einige nennen die Fixierung aufs Recycling sogar umweltschädlich.   Von Christoph Behrens

Auf Schatzsuche in Münchner Umland: In dem gemeinnützigen Recyclinghof Weißer Rabe im Vorort Aschheim wird Elektro- und Elektronikschrott gesammelt. Von chinesischen Dimensionen ist man hier weit entfernt, aber: Es geht was, auch hier. Aus Kabeln und Kabelresten werden plötzlich wieder Rohstoffe, Mitarbeiter schrauben Laptops auseinander, legen Bildschirme und Akkus, die man wiederverwerten kann, zur Seite. Platinen und Festplatten zerlegen sie in Einzelteile, zwei Frauen sezieren alte Handys - einige davon nicht älter als ein oder zwei Jahre. Aber was ist bei Smartphones schon alt? Zwischen den Mitarbeiterinnen steht eine Schüssel voller kleiner SIM-Karten. Irgendwie ist es wohl immer noch so, dass die Menschen das Wichtigste vergessen, bevor sie ihr Smartphone abgeben.

Aber selbst wenn Konsumenten alles richtig machen, bedeutet das nicht, das alles richtig läuft. Schuld daran ist oft die Industrie selbst. Mit immer wieder neuen Kunststoffverbindungen und immer kleineren Elektrogeräten, die sich nur schwer in ihre Bestandteile zerlegen lassen, stellt sie die Recycling-Industrie vor zum Teil kaum lösbare Probleme.

Was sich aber nicht recyceln lässt, wird kurzerhand verbrannt

Beispiel Plastik: Nur ein Teil der Kunststoffverpackungen lässt sich trennen und wiederverwerten wie etwa PET-Flaschen. Viele, zum Teil sehr unterschiedliche Sorten aber sind miteinander verschweißt und lassen sich kaum trennen - jedenfalls nicht mit vertretbarem Aufwand. Hinzu kommen Konsumtrends vom Coffee-to-go-Becher bis zur Kaffeekapsel. Beim einen ist der Pappbecher mit Kunststoff beschichtet, beim anderen ist eine Kunststoffdose mit Alu verschlossen. Was sich aber nicht recyceln lässt, kennt in Deutschland nur einen Weg: die "thermische Verwertung", vulgo Müllverbrennung. Verloren gehen auch hier wertvolle Rohstoffe, denn mit dem Kunststoff verbrennt letztlich Öl. Und was nicht verbrannt wird, landet andernorts auf Deponien - oder irgendwann in den Weltmeeren.

Vor allem Kleingeräte wie Smartphones enthalten viele Rohstoffe und seltene Erden wie Kobalt oder Lithium. Kleine Mengen, die zudem nur schwer voneinander zu trennen und zu recyceln sind - in der Summe aber wären sie wahre Schätze. "Es bräuchte mehr Transparenz darüber, wie der Schrott zusammengesetzt ist", fordert daher Berater Büchele. Es gebe "so gut wie keine Erhebung darüber, wie sich der kleine Elektroschrott überhaupt zusammensetzt". Was der Recyclingbranche noch fehle, sei der "gesamtheitliche Ansatz".

Kommunikation könnte helfen, die immer größeren Müllberge in den Griff zu bekommen. Würden die Hersteller und die Recycler mehr miteinander reden und wüsste jeder, was der eine produziert und der andere am Ende wiederverwerten kann, ließe sich viel Müll vermeiden. Oder eben besser entsorgen.

Es geht auch noch ganz anders: RLG-Chef Wiedemann verdient sein Geld unter anderem mit der Abwicklung von Retouren von Waren, die zum Beispiel im Internet gekauft wurden. Abholung beim Kunden, Entsorgung, Recycling einzelner Teile, bis hin zur Wiederaufbereitung. "Das Ziel muss auch sein, so viele Altprodukte wie möglich in den Kreislauf der Zweitverwertung zu holen", sagt Wiedemann. "Leider aber wird wiederverkaufbare Ware, die ich eigentlich zweitverwerten könnte, durch den Schredder gejagt, weil man Angst vor Marktkannibalisierung hat." Marktkannibalisierung, das bedeutet hier: Die Industrie verkauft lieber ihre neuen Produkte, als Anreize für die Zweitverwertung von noch intakten Altgeräten zu schaffen. Schließlich will man sich nicht selbst das Geschäft vermasseln. So aber würden "wichtige Ressourcen verschwendet", kritisiert Wiedemann.

Auch in Hongkong füllen sich die gelben Stahlkörbe nur durch ein aufwendiges, flächendeckendes Sammelsystem. Carrie Lam, Regierungschefin der Sonderverwaltungszone, verfolgt ein einfaches Ziel. Es gehe darum, sagt sie, "Hongkong zu einer lebenswerteren Stadt zu machen".

Deutschland schmeisst weg Deutschland ist ein Wegwerfland - na und?

Müll

Deutschland ist ein Wegwerfland - na und?

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