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Einzelhandel:Arme Helden

Coronavirus - Supermarkt in Langballig

Eine Kassiererin scannt Waren in einem Supermarkt unter einer Plastikfolie. Mit der Schutzmaßnahme wollen sich die Mitarbeiter vor einer möglichen Ansteckung schützen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Angestellten im Einzelhandel wurden beklatscht, als sie in der Pandemie Supermarktregale befüllten. Doch sie brauchen bessere Bezahlung und eine Altersvorsorge - beides wird ihnen nicht ermöglicht. Dabei gibt es Lösungen.

Kommentar von Henrike Roßbach

Man regt sich im Alltag ja gerne über diverse Unzulänglichkeiten auf; über Funklöcher, nicht eingesammelte Hundehaufen oder Facharzttermine erst in sieben Wochen. Wie es aber ist, wenn mal wirklich an neuralgischen Punkten des Lebens nichts mehr geht, erlebten viele Bürger in Deutschland erst in der Corona-Pandemie. Weil vermeintliche Selbstverständlichkeiten plötzlich eben nicht mehr selbstverständlich waren, rückten Menschen in den Mittelpunkt, deren Arbeit viele zuvor kaum wahrgenommen hatten. Verkäuferinnen und Verkäufer zum Beispiel, die dafür sorgten, dass die Regale mit dem Toilettenpapier nicht lange leer blieben.

Genau wie Pflegerinnen, Busfahrer und Müllwerker wurden auch sie zu Helden des Alltags erklärt. Was aber bleibt ihnen vom Applaus? Stand jetzt: wenig. Die Situation im Einzelhandel ist wenig glamourös, egal ob H-Milch oder T-Shirts verkauft werden. Im Handel arbeiten vor allem Frauen, die meisten in Teilzeit oder gar in einem Minijob, weshalb viele auf Minirenten zusteuern.

Hinzu kommt, dass die Tarifbindung im Einzelhandel seit Jahren sinkt. Nur noch 28 Prozent der Beschäftigten fallen unter einen Tarifvertrag, in der Gesamtwirtschaft dagegen gut jeder Zweite. Und auch wenn anderswo die Begeisterung für Flächentarifverträge ebenfalls sinkt: Im Handel ist die Tarifbindung in den vergangenen zehn Jahren rasanter zurückgegangen als in der Wirtschaft insgesamt.

Auch große Namen verabschieden sich aus dem Tarif, zuletzt Metro und die Real-Märkte. Ohne Tarifbindung aber ist es mit der von Arbeitgebern wie Gewerkschaften stets treuherzig bejubelten Tarifpartnerschaft und Tarifautonomie nicht weit her. Tarifverträge bedeuten Sicherheit für die Beschäftigten - nicht nur beim Gehalt und den Lohnsteigerungen nach Tarifrunden, sondern auch in Sachen Urlaub oder Zuschlägen. Arbeitgeber wiederum haben Planungssicherheit und stärken den Betriebsfrieden. Macht der Konkurrent aber nicht mehr mit, stehen Firmen mit Tarifvertrag plötzlich mit höheren Lohnkosten da - im Corona-Abschwung ist das besonders misslich.

Es ist keine Option, erst zu klatschen und dann nichts zu tun

Wohin es aber führt, wenn eine von Politik und Gesellschaft zunehmend als systemrelevant eingestufte Branche es nicht mehr hinkriegt, über Tarifverträge attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen, können die Chefs der Handelsunternehmen bei ihren Kollegen in der Pflege besichtigen. Dort bastelt der Arbeitsminister an einem allgemein verbindlichen Tarifvertrag, an einem für alle sozusagen. Der Handelsverband HDE wehrt sich mit allem, was er hat, gegen einen solchen Schritt auch auf seinem Terrain. Verdi dagegen fordert diesen Schritt schon lange, mit ähnlicher Inbrunst und obwohl der Ruf nach dem Staat in der Tarifpolitik für eine Gewerkschaft immer auch eine Art Bankrotterklärung ist.

Sich frei für oder gegen die Mitgliedschaft in einem Arbeitgeberverband oder einer Gewerkschaft entscheiden zu können, ist ein hohes Gut. Eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung ist deshalb keine Kleinigkeit, keine Standardlösung für den Fall, dass dem Staat in einem Wirtschaftszweig irgendetwas nicht passt. Gleichzeitig aber ist es eine gesamtgesellschaftliche Baustelle und eine Zukunftslast, wenn in einer Branche, auf deren Funktionieren alle angewiesen sind, die Arbeitsbedingungen und die Altersabsicherung unzureichend sind.

Es gibt noch andere Stellschrauben im Handel: Reformierte Tarifverträge etwa, ohne antiquierte Tätigkeitsbeschreibungen, die ein Onlinehändler erst im Lexikon nachschlagen muss. Oder die generelle Abschaffung der Minijobs, die auch anderswo eine Falle für viele Arbeitnehmer sind. Keine Option dagegen ist es, erst zu klatschen - und dann nichts zu tun.

© SZ vom 08.08.2020
Prof Rita Suessmuth Deutschland Germany Berlin 15 11 2017 Prof Dr Rita Suessmuth Bundestagspr

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