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Einzelhandel:Tarifvertrag wird zur Ausnahme

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In der Coronakrise wurden Kassiererinnen und Kassierer plötzlich mehr wertgeschätzt. Bei der Bezahlung schlägt sich das nicht unbedingt nieder.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Seit Corona gelten sie als systemrelevant. Doch fast die Hälfte der Kassiererinnen und Kassierer hat den Schutz des Tarifvertrags verloren. Viele verdienen sogar real weniger Geld.

Von Michael Kläsgen

Zehn Jahre lang florierte Deutschlands Wirtschaft. Doch an manchen ging der Aufschwung vorbei. Ausgerechnet unter denjenigen, die in den ersten Monaten der Corona-Pandemie neben Pflegerinnen und Pflegern als "Helden der Krise" gefeiert wurden, finden sich Verlierer. Kassiererinnen und Warenverräumer in den Supermärkten mussten zwischen 2009 und 2019 real Einkommensverluste hinnehmen, wenn sie ohne Tarifvertrag Teilzeit arbeiteten.

Eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken zeigt: Die Stundenlöhne bei Teilzeitbeschäftigten im Einzelhandel ohne Tarifbindung nahmen in dem Zeitraum nur um 8,5 Prozent zu, laut Statistischem Bundesamt von 12,22 Euro auf 13,26 Euro. Inflationsbereinigt sanken die Stundenlöhne damit.

Der Personenkreis derjenigen im Einzelhandel ohne Tarifbindung wächst zudem überdurchschnittlich schnell. Zwischen 2010 und 2019 verlor fast die Hälfte der Beschäftigten - 44 Prozent - den Schutz des Tarifvertrags. Der Anteil der Beschäftigten mit Tarifbindung im Einzelhandel sank von 50 Prozent im Jahr 2010 auf 28 Prozent 2019.

In der Gesamtwirtschaft ging der Anteil gemäß der Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit von 60 auf 52 Prozent zurück. Auch der Anteil der Betriebe mit Tarifvertragsbindung sank im Einzelhandel schneller als im Rest der Wirtschaft. Im Jahr 2019 waren nur noch 20 Prozent der Einzelhändler an einen Tarifvertrag gebunden - ein Rückgang um ein Drittel binnen zehn Jahren. In der Gesamtwirtschaft verringerte sich der Anteil vom gleichen Niveau auf 27 Prozent.

"Wer es mit dem viel bekundeten Respekt für Verkäuferinnen und Verkäufer ernst meint, muss jetzt schnell für höhere Löhne im Einzelhandel sorgen", sagt Pascal Meiser, gewerkschaftspolitischer Sprecher der Linken. Die Regierung müsse die gesetzlichen Grundlagen schaffen, damit Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt werden können. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte sich im April für allgemeinverbindliche Tarifverträge in der Pflege und im Einzelhandel ausgesprochen. Corona habe gezeigt, dass die Beschäftigten beider Branchen "systemrelevant" seien.

© SZ vom 08.08.2020
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