Einigung mit Griechenland Die geizigen Deutschen

Umgekehrt hat Angela Merkel es geschafft, das Bild des hässlichen, hartherzigen und geizigen Deutschen wiederzubeleben, das gerade so ein wenig verblasst war. Jeden Cent an Griechenland-Hilfe, den sie den Bundesbürgern zu ersparen suchte, wird sie in den kommenden Jahren doppelt und dreifach ausgeben müssen, um dieses Bild wieder aufzupolieren.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte wie jetzt geschehen, ist einem grundverschiedenen Verständnis darüber geschuldet, was Politik eigentlich ausmacht. Angela Merkel hat Europa seit Ausbruch der Krise mit einem dichten Netz an Pakten, Abkommen und Verträgen überzogen, in dem sich die Währungsunion längst verheddert hat und das ihr heute die Luft zum Atmen nimmt. Politik, das bedeutet für die Physikerin Merkel das Aufstellen und Einhalten von Regeln. Am Ende wurden diese Regeln zum Politikersatz.

Als deutsche Regelokratie wird Europa auf Dauer nicht funktionieren

Für die meisten anderen Staaten hingegen ist Politik etwas ganz anderes, nämlich ein permanenter Verhandlungsprozess, bei dem Regeln allenfalls das Gerüst, ein Mittel zum Zweck, darstellen. Regeln sind nach diesem Verständnis veränderbar und können die konkrete Auseinandersetzung über ein Streitthema niemals ersetzen. Deshalb wirkt es auch auf Menschen in diesen Ländern weniger abstoßend, wenn es bei den Verhandlungen manchmal zugeht wie auf einem Basar. Im Gegenteil: Streiten, feilschen, einigen - das ist nach dieser Lesart geradezu das Wesen von Politik.

In einer solchen Gedankenwelt ist so etwas wie der in Deutschland zeitweise diskutierte "Graccident" - also eine versehentliche Staatspleite, weil etwa eine Zahlungsfrist verstrichen ist - unvorstellbar: Schließlich lassen sich Fristen verschieben, Uhren anhalten, Zahlungstermine aussetzen.

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Kommentar
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Man kann sich aus deutscher Sicht über einen solchen Laissez-faire-Politikansatz trefflich erregen und ihn in Bierzelten auch gewinnbringend ausschlachten. Man kann ihn aber nicht ändern - und man sollte es auch nicht: Wer die Einheit der europäischen Völker wirklich will, wer in Europa mehr als eine Matrix aus Institutionen und Paragrafen sieht, der sollte unterschiedliche politische und gesellschaftliche Kulturen nicht als notwendiges Übel, sondern als Gewinn begreifen.

Als deutsche Regelokratie jedenfalls wird Europa auf Dauer nicht funktionieren. Der Kontinent wird als politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Einheit vielmehr nur überleben, wenn deutscher Ordnungssinn und südeuropäische Lebensfreude endlich eine Symbiose eingehen.

Selbstverständlich sind Regeln für das Zusammenleben der Menschheit wichtig und sinnvoll. Und selbstverständlich sollten sie prinzipiell auch eingehalten werden. Genauso klar muss aber sein, dass das europäische Regelbuch nicht die Bibel ist. Dass Bestimmungen politisch veränderbar sind und an spezifische Situationen angepasst werden können, ja, müssen. Dass es Regeln gibt, deren Anwendung für Portugal Sinn ergeben mag, für Griechenland aber nicht.

Dass Politik also mehr ist als Schema-F-Verwaltung.