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Kommentar:Auf dem falschen Weg

Illustration: Bernd Schifferdecker

Gerade waren viele Unternehmen noch in großer Not und hofften auf die Hilfe des Staates. Jetzt werden ausgerechnet für das Corona-Jahr großzügig Dividenden gezahlt. Das kommt schlecht an.

Von Caspar Busse

Genau ein Jahr ist es her, da nahm die Corona-Pandemie so richtig Fahrt auf, es herrschte plötzlich Panik in den Chefetagen der großen deutschen Konzerne. Die Aktienkurse rutschten beängstigend schnell in die Tiefe, die Unternehmen richteten sich auf schwere Zeiten ein, legten Sparpläne auf, drosselten die Produktion, schickten viele Mitarbeiter in Kurzarbeit, forderten teilweise weitere staatliche Unterstützung und große Konjunkturpakete.

Inzwischen ist davon in weiten Teilen der Wirtschaft nur noch wenig zu spüren. Im Gegenteil: Die Stimmung hat überraschend schnell gedreht, der Optimismus ist zurück. Es herrscht teilweise wieder business as usual. Unternehmen, die gerade noch staatliche Hilfe gefordert und bekommen haben oder Kurzarbeit beantragt haben, denken nun wieder vor allem an ihre Aktionäre und wollen ausgerechnet für das Corona-Jahr großzügig Dividenden zahlen. Natürlich liegt es voll und ganz im Ermessen des Managements, wie der Gewinn verwendet wird und wie viel man an seine Anteilseigner ausschüttet (wenn staatliche Hilfen solche Dividenden nicht verbieten).

Aber ein gutes gesellschaftliches Signal sind hohe Dividenden und die einseitige Ausrichtung auf das Wohl der Investoren in der derzeitigen Situation keineswegs - nicht für die Allgemeinheit, die unter massiven Einschränkungen wegen der Pandemie leidet, nicht für den Steuerzahler, der in höchster Not als Helfer und wichtige Rückendeckung bereitstand, und auch nicht für die Arbeitnehmer, die teilweise massive Einbußen hinnehmen mussten und so ihren Beitrag leisteten. Auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht können hohe Ausschüttungen fraglich oder gar unverantwortlich sein. Sollte man in schweren Zeiten nicht besser Vorsicht walten lassen und das Geld zusammenhalten? Die Pandemie und die daraus folgende Wirtschaftskrise ist noch keineswegs vorbei - die Konzerne sollten also vorbereitet bleiben.

Die Liste der Unternehmen, die sich durch überzogene Dividendenzahlungen möglicherweise selbst schwächen, ist jedoch lang. Der Agrar- und Pharmakonzern Bayer etwa meldete gerade für 2020 einen Verlust von mehr als zehn Milliarden Euro, vor allem wegen Abschreibungen im Agrargeschäft und Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten. Es ist das größte Minus der Unternehmensgeschichte. Und trotzdem sollen zwei Euro je Aktie ausgeschüttet werden, Geld, das in Zukunft vielleicht fehlen könnte. Oder der Rückversicherer Munich Re: Der Gewinn ging 2020 in der Pandemie um mehr als 50 Prozent zurück, die Dividende soll aber unverändert hoch bei 9,80 Euro je Aktie bleiben.

Daimler hat seinen Mitarbeitern herbe Zugeständnisse abverlangt

Und es sind nicht die einzigen Unternehmen, die ihre Aktionäre großzügig bedenken. Da ist auch der Autobauer Daimler: Der Gewinn ist 2020 trotz der Pandemie überraschend deutlich gestiegen, die Dividende wird kräftig um 50 Prozent angehoben. Dabei hat Daimler-Chef Ola Källenius im vergangenen Jahr gerade von den Arbeitnehmern herbe Zugeständnisse verlangt. Es wurden viele Jobs abgebaut, es wurde heftig gespart, es gab Kurzarbeit, der Staat beteiligte sich im Rahmen des Kurzarbeiterprogramms massiv an der Finanzierung. Und dann forderte die gesamte deutsche Autoindustrie, neben Daimler auch VW und BMW, im vergangenen Jahr auch noch massive Absatzhilfen, um die Verkäufe anzukurbeln. Diese wurden dann von der Politik auf E-und Hybrid-Fahrzeuge beschränkt - auch im Nachhinein die richtige Entscheidung.

Auch Adidas hat gerade angekündigt, für 2020 wieder eine Dividende zu zahlen und insgesamt mehr als eine halbe Milliarde Euro auszuschütten. Dabei musste auch der Sportartikelkonzern in der Krise vorübergehend einen staatlich verbürgten Überbrückungskredit anfragen, nachdem die Geschäfte in der Pandemie lange geschlossen waren. Schon im Herbst konnte Adidas dann die Rückzahlung der letztlich abgerufenen 500 Millionen Euro an die KfW verkünden, das ist die Voraussetzung, dass überhaupt die aktuelle Dividendenzahlung möglich ist.

Gerade waren also viele Unternehmen noch in großer Not und hofften auf die Hilfe des Staates, um sich zu stabilisieren. Jetzt beugen sie sich dem Druck der Investoren und bedienen diese großzügig. Das ist zwar rechtlich zulässig, aber der falsche Weg. Das Management sollte im Sinne eines guten Stakeholder-Value-Ansatzes alle Interessengruppen im Auge haben - auch Mitarbeiter und Öffentlichkeit, nicht nur die Aktionäre.

© SZ
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