Dieselskandal Ein Telefonat könnte Winterkorn in Schwierigkeiten bringen

Keine Aussage ist für Martin Winterkorn und Volkswagen so gefährlich wie die von Gottweis.

(Foto: picture alliance / Bernd von Jut)
  • Der VW-Mitarbeiter Bernd Gottweis will Winterkorn am Telefon gesagt haben, dass der Konzern in den USA "beschissen" habe.
  • Treffen seine Angaben zu, dann haben Winterkorn und Teile der damaligen Konzernspitze im Sommer 2015 versäumt, die Behörden und Aktionäre zu informieren.
Von Georg Mascolo und Klaus Ott

Bernd Gottweis war wieder einmal für Volkswagen in den USA unterwegs, als frühmorgens das Telefon klingelte. Martin Winterkorn war dran, der Vorstandschef in Wolfsburg, intern Wiko genannt. Wenn Wiko bei Gottweis anrief, ging es stets um heikle Vorfälle. Der einstige Chemielaborant hatte sich in mehr als vier Jahrzehnten bei VW über Stationen auch in den USA nach oben gearbeitet und lange Zeit den Ausschuss für Produktsicherheit (APS) geleitet, der sich um nahezu alles kümmerte, was Deutschlands größtem Autokonzern Probleme bereitete. Dieses Mal, am 27. Juli 2015 gegen Mittag mitteleuropäischer Zeit, war die Not besonders groß. Groß genug, um den in Nordamerika weilenden Gottweis gegen sechs Uhr dortiger Zeit gewissermaßen aus dem Bett zu klingeln.

US-Behörden wollten neue Modelle nicht zulassen, weil die Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen nicht stimmten. Zahlreiche Autos stießen bis zu 35 Mal mehr gesundheitsschädliche Stickoxide aus, als die Umweltvorschriften in Übersee erlaubten. Volkswagen drohte ein Desaster. Winterkorn wollte von seinem Vertrauten Gottweis wissen, was los sei und wie sich die Sache regeln ließe. Der Sommerurlaub stand an, da mochte Wiko nichts Wichtiges unerledigt lassen. Was die beiden dann am Telefon besprachen, könnte Volkswagen und den damaligen Vorstandschef teuer zu stehen kommen. Gottweis will Winterkorn gesagt haben, dass der Konzern in den USA "beschissen" habe. So hat es der frühere APS-Chef den Behörden erzählt, die in der Abgasaffäre ermitteln.

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Die Staatsanwaltschaft Braunschweig und deren Kollegen in den USA haben schon viele VW-Beschäftigte vernommen. Einige von ihnen haben Winterkorn belastet. Aber keine Aussage ist für Wiko und Volkswagen so gefährlich wie die von Gottweis. Der von Wegbegleitern als sehr loyal beschriebene ehemalige APS-Chef hat als solcher und auch später eine Sonderrolle bei VW gespielt. Sein Job war es, Brandherde frühzeitig zu bekämpfen, bevor sie größeren Schaden anrichteten. Seine Worte hatten Gewicht, sein Rat war gefragt beim Vorstand. Nun wendet sich das, was der frühere Manager und heutige Rentner zu sagen hat, gegen VW und Wiko.

Treffen die Angaben von Gottweis zu, dann haben Winterkorn und Teile der damaligen Konzernspitze im Sommer 2015 versäumt, für Aufklärung zu sorgen sowie die Behörden und Aktionäre zu informieren. Bis zum 18. September, als US-Behörden den Dieselbetrug öffentlich machten, erfuhr kein Außenstehender von den manipulierten Schadstoffmessungen. 53 Tage, vom 27. Juli bis zum 18. September, siebeneinhalb Wochen, fast zwei Monate, das ist eine verdammt lange Zeit aus Sicht der Wertpapieraufsicht Bafin. Die Bafin glaubt, Wiko & Co. hätten die Aktionäre unterrichten müssen. Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft sieht das genauso. Bei der Justiz in Braunschweig sind bereits Schadenersatzklagen von Aktionären in Höhe von mehr als acht Milliarden Euro anhängig.

Das Telefonat vom 27. Juli 2015 ist verbürgt, der Inhalt ist strittig. Angeblich hat Winterkorn das Gespräch anders in Erinnerung. Von Problemen sei die Rede gewesen, das ja. Aber nicht von Betrug. Niemand habe ihm etwas von Manipulationen gesagt, auch nicht ein paar Stunden später, als in der Konzernzentrale in Wolfsburg der APS tagte. Da hätte Wiko seinen Vertrauten Gottweis wohl gerne dabeigehabt, aber der war ja in den USA. Der APS wird auch Schadenstisch genannt, was wörtlich zu nehmen ist. Wiko inspizierte nicht funktionierende Autoteile, die auf einem Tisch lagen, und forderte Lösungen.