Informationskrieg:Meta verortet Kampagne gefälschter Videos in Russland

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Unbekannte hatten auch unter der Marke der SZ prorussische Propaganda verbreitet. Der Facebook-Konzern teilt nun seine Erkenntnisse und spricht von "der größten und komplexesten russischen Desinformationsoperation seit Kriegsbeginn".

Von Jannis Brühl, Simon Hurtz und Georg Mascolo

Im Februar überfielen russische Soldaten die Ukraine, doch der Krieg wütet nicht nur am Boden und in der Luft. Russland setzt auch alles daran, das Internet mit falschen Informationen zu fluten. Das Ausmaß dieser Kampagnen verdeutlicht ein neuer Bericht von Meta, dem Mutterkonzern von Facebook und Instagram. "Auf unseren Plattformen haben wir die größte und komplexeste russische Desinformationsoperation seit Kriegsbeginn identifiziert und gestoppt", sagt Ben Nimmo, einer der beteiligten Forscher. "Sie zeigt eine außergewöhnliche Mischung aus Raffinesse und Holzhammermethode." Die Meta-Netzwerke standen im Zentrum der Kampagne. Der Konzern ordnet ihr mehr als 1600 gefälschte Accounts und 700 Seiten auf Facebook sowie knapp 30 Instagram-Konten zu. Alle aufgespürten Accounts seien gelöscht worden.

Dutzende Webseiten imitierten deutsche Medien

Im Zentrum der Kampagne standen Dutzende Webseiten, die große deutsche Medien imitierten. Auch die Marke der SZ wurde missbraucht. Ende August deckten Recherchen von ZDF und T-Online die Manipulationsversuche auf, danach begann Meta eigene Ermittlungen. Aufmerksame SZ-Leser wiesen zudem die Redaktion auf die gefälschten Seiten hin, die sie über Facebook entdeckt hatten. Bislang ließ sich nur vermuten, dass hinter der Aktion russische Akteure stecken, da die gefälschten Konten ausschließlich prorussische Narrative verbreiteten. In Videos und Texten wurde die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland gefordert. Nun legt Meta sich fest: Die Kampagne hat ihren Ursprung in Russland.

Informationskrieg: "Eine außergewöhnliche Mischung aus Raffinesse und Holzhammermethode": Auszug aus einem gefälschtem Youtube-Video.

"Eine außergewöhnliche Mischung aus Raffinesse und Holzhammermethode": Auszug aus einem gefälschtem Youtube-Video.

(Foto: youtube/screenshot)

Solche eindeutigen Zuordnungen sind selten. Im Netz lassen sich Spuren verwischen und falsche Fährten legen. Deshalb braucht es bei Cyberangriffen oder Desinformationskampagnen eine Menge Indizien, um die Urheber zu benennen. "Wir haben unterschiedliche Signale kombiniert", sagt David Agranovich, bei Meta für digitale Gefahrenabwehr zuständig. "Einige sind technischer Natur, andere hängen mit dem Verhalten der Angreifer zusammen. Manchmal haben sie auch Fehler gemacht." Auch auf Nachfrage geht er nicht weiter ins Detail, sagt aber: "Wenn wir solche Operationen öffentlich einem Land zuschreiben, müssen wir uns sicher sein. Das sind wir."

Meta zeigt zwar mit dem Finger auf Russland, hält sich mit konkreten Anschuldigungen aber zurück. Ob staatliche Hacker der Geheimdienste, die Regierung oder freiwillige nationalistische Hacker beteiligt waren, lässt der Bericht offen. Einiges deutet aber darauf hin, dass die Operation zumindest staatliche Unterstützung hatte. Die mehr als 60 nachgebauten Webseiten waren professionell gefälscht. Allein für Werbung auf Facebook und Instagram gaben die Macher mehr als 100 000 Euro aus. Für gewöhnliche Kriminelle wäre dieser Aufwand ungewöhnlich, zumal kein finanzielles Motiv erkennbar ist. Den Machern ging es nicht darum, Daten oder Passwörter abzugreifen, sondern um Propaganda.

Die Botschaft: Ukraine böse, Russland gut

Meta-Analyst Nimmo sagt: "Es war eine große Operation mit kleinem thematischem Fokus. Die Botschaften lassen sich in wenigen Wörtern zusammenfassen: Ukraine böse, Russland gut, stoppt die Sanktionen." Die Kampagne begann im Mai in Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und der Ukraine. Kurz darauf verlagerten die Macher ihre Aufmerksamkeit komplett auf Deutschland. Sie registrierten mehr als 60 Domains, die jenen echter Medien ähnelten, etwa sueddeutsche.me und sueddeutsche.cc. Dort legten sie Artikel und Videos an, die die Propaganda verbreiteten. Anschließend wurden die Links über Tausende Konten in sozialen Medien geteilt. Neben Facebook und Instagram finden sich Spuren auch auf Twitter, Telegram, der russischen Seite Livejournal sowie den Petitionsplattformen Change.org und Avaaz.

So groß der Aufwand war, so dilettantisch das Vorgehen. Die Fake-Seiten zeugten zwar von technischer Expertise, doch das Netzwerk, über das die Links verbreitet wurden, sei amateurhaft aufgesetzt und leicht zu erkennen gewesen, sagt Nimmo: Schlecht gefälschte Konten, holpriges Deutsch, massenhaft und wenig subtil in die Kommentare gepostete Links. Ein Großteil der Accounts sei bereits automatisch entfernt worden, noch bevor Meta durch die Medienberichte auf die Kampagne aufmerksam wurde. Das Dilemma der Fälscher: "Einerseits wollten sie nicht auffallen, andererseits wollten sie, dass die Propaganda möglichst viele Menschen erreicht. Nach allem, was wir wissen, ist das auf unseren Plattformen nicht gelungen." Zudem hatten aufmerksame Leser der echten Medien schnell gemerkt, dass es sich um Fakes handelte. Sie schlugen Alarm.

Das gesamte Netzwerk sammelte nur wenige Tausend Follower, die meisten Kommentare erhielten keine Likes. Wie viele Menschen die gefälschten Seiten erreichten und wie viele sich verunsichern ließen oder ihre Meinung änderten, lässt sich nicht rekonstruieren. Trotzdem zeigt die Kampagne, wie viele Ressourcen Russland in den digitalen Informationskrieg investiert. Für Nutzerinnen und Nutzer bedeutet das: Aufmerksam lesen und genau hinsehen.

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