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Deepwater Horizon: Ein Jahr danach:Aufarbeitung wird viele Jahre dauern

Vor allem aber sind die Folgekosten schwer zu beziffern. Wenn die Zahl der Entschädigungsforderungen ein Maßstab ist, dann ist die Ölpest eine Massenkatastrophe: Mehr als 450.000 Menschen haben Forderungen erhoben. Der Verwalter des von Präsident Obama erzwungenen Entschädigungsfonds, Kenneth Feinberg, schätzt, dass er sechs Milliarden Dollar an Entschädigungen auszahlen wird - und das Ganze bis 2013 abgeschlossen ist.

Billy Nungesser, der Landrat von Plaquemines Parish, einem Landkreis, der große Teile des Mississippi-Deltas umfasst, sieht das ein bisschen anders: "Das alles wird nicht in diesem, es wird auch nicht im nächsten Jahr vorüber sein." Die Menschen würden noch lange unter den psychischen und emotionalen Folgen der Katastrophe zu leiden haben.

Zumal die juristische Aufarbeitung des Unfalls viele Jahre dauern wird. Zwar versprach der damalige BP-Chef Tony Hayward unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe im April vergangenen Jahres, dass der Konzern die "volle Verantwortung" übernehme. Aber das sieht inzwischen natürlich ganz anders aus.

Im Dezember übersandte BP dem US-Justizministerium eine Erklärung, in der die Briten den amerikanischen Behörden vorwarfen, den Umfang des ausgeströmten Öls zwischen 20 und 50 Prozent zu hoch eingeschätzt zu haben. Sie hätten sich auf "ungenaue Informationen" verlassen. "BP ist fest entschlossen", heißt es weiter, "eine eigene Schätzung vorzulegen, sobald die Informationen vorliegen, um alles wissenschaftlich korrekt zu verstehen."

Doch um die wissenschaftliche Aufarbeitung dürfte es BP wohl weniger gehen als um die juristische. Denn der Konzern muss für jedes Barrel Öl, das in den Golf geflossen ist, bis zu 1100 Dollar Strafe zahlen - wenn ihm grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen werden kann, sogar bis zu 4300 Dollar.

Lohnende Zweifel

Basierend auf den bisherigen Schätzungen der ausgeflossenen Ölmenge wären das zwischen fünf und 21 Milliarden Dollar. Da lohnt es sich schon, die amtlichen Annahmen ein wenig in Frage zu stellen, notfalls auch vor Gericht. Die juristische Aufarbeitung der Exxon-Valdez-Havarie vor der Küste Alaskas 1989 schleppte sich nicht weniger als 21 Jahre hin. Am Ende musste der amerikanische Exxon-Konzern auf Beschluss des Obersten Gerichtshofs Hunderte Millionen Dollar weniger zahlen, als die US-Behörden gefordert hatten.

Die politischen Konsequenzen der Katastrophe halten sich ebenfalls in Grenzen. Fast im Gegenteil: Seit dem Unfall ist der Druck auf die Obama-Regierung gewachsen, mehr Ölbohrungen im Golf zuzulassen. Unmittelbar nach Beginn der Ölpest war Obama zunächst bemüht, die Fehler seines Vorgängers George W. Bush nach Hurrikan Katrina zu vermeiden: Das Krisenmanagement lief ohne große Aussetzer an. Der Präsident selbst und seine Behörden wirkten - von Ausrutschern abgesehen - engagiert und kompetent. Kritik am Washingtoner Apparat wurde nicht das beherrschende Thema wie nach Hurrikan Katrina.

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