Weltwirtschaftsforum Proteste gegen die Mächtigen

Übernachtung bei minus 18 Grad: Greta Thunberg, 16, Klimaaktivistin, ist mit dem Zug aus Schweden nach Davos gekommen und schläft in einem Zelt.

(Foto: EPA)

Im eisigen Davos demonstrieren Aktivisten gegen die Erderwärmung. Sie wissen: Klima und Wetter sind nicht dasselbe. Ganz vorn dabei: eine 16-Jährige.

Von Isabel Pfaff, Davos

Auf den Fußwegen in Davos liegen dicke Eisplatten, Schneedecken beschweren die Dächer und bei fast zweistelligen Minusgraden kann auch die Thermounterwäsche nur wenig ausrichten. Ein guter Ort, um über das schmelzende Eis der Arktis zu sprechen? "Natürlich!", sagt Gail Whiteman.

Die Britin im weißen Daunenmantel und den gefütterten Stiefeln ist Klimaforscherin. Hinter ihr ragt ein großes weißes Zelt in den klaren Winterhimmel, daneben stehen sechs kleinere Schlafzelte. Das Arctic Basecamp, ein Projekt von Wissenschaftlern, will mit seinem Zeltlager auf der Schatzalp in Davos die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums warnen - vor dem Klimawandel, vor dem Verschwinden der Arktis und nicht zuletzt vor den Risiken, die dadurch für die Wirtschaft entstehen. "Es gibt keinen besseren Ort, um mit einem mächtigen Publikum über diese Risiken zu sprechen", sagt Gail Whiteman.

Digitalisierung statt Klima

Es ist die am häufigsten geäußerte Kritik am diesjährigen Weltwirtschaftsforum: Warum steht die Digitalisierung im Zentrum der Veranstaltung - und nicht das Klima? Die zeltenden Forscher sind angetreten, um diese Agenda zu ändern. Und sie haben in ihrem dritten Jahr prominente Unterstützung erhalten: Am Mittwoch übernachtete Greta Thunberg bei ihnen im Zelt. Die 16-jährige Schwedin führt den Protest Zehntausender Schüler an, die in den vergangenen Wochen weltweit freitags die Schule schwänzten, um für eine Klimapolitik zu demonstrieren, die den Namen verdient.

Thunbergs ernstes Gesicht hinter dem immer gleichen Plakat, das zum Schulstreik für das Klima aufruft, eingemummelt in Wollschal und Mütze: Es hat inzwischen Ikonenstatus. Ihre Botschaften, vorgetragen in klarem Englisch, verbreitet über Social Media, sind so einfach wie radikal: "Ihr seid gescheitert", lautet etwa ihr Urteil über die Klimapolitik derer, die sich in Davos treffen.

Mit ihrem Vater und einem kleinen Unterstützerteam ist Greta Thunberg mit dem Zug nach Davos gereist, 33 Stunden dauerte die Fahrt. Sie übernachtet in den Zelten des Arctic Basecamp, tagsüber trifft sie die Mächtigen der Welt. "Es ist einfach etwas, was ich tun muss", sagte die 16-Jährige gegenüber Journalisten während ihrer Anreise. Thunberg hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus, die nach eigenen Angaben dazu führt, dass sie die Welt nur in schwarz und weiß sieht. Erderwärmung stoppen - oder eben nicht.

Für die Camper ist Thunbergs Anwesenheit ein Glücksfall. Am dritten Konferenztag ist die Klimakatastrophe in Davos Dauerthema - außerhalb des exklusiven Forums und auch innerhalb.

"Wir vergessen nicht den Sexismus und die Homophobie eines Jair Bolsonaro"

Auch andere in Davos hoffen an diesem Donnerstag darauf, dass Greta Thunberg zu ihnen stößt: Die einzige bewilligte Gegendemonstration, angemeldet von den Schweizer Jungsozialisten, steht unter dem Motto "System Change, not Climate Change". Auf Twitter fordern junge Schweizer Thunberg auf, mit ihnen am Nachmittag zu demonstrieren - #JoinTheProtestGreta schreiben sie in ihren Tweets. Die Schülerin hatte angekündigt, am Freitag - wie immer - am Schulstreik teilzunehmen, diesmal in Davos. Doch wegen des Forums sind keinerlei weitere Kundgebungen erlaubt. "Wir hoffen deshalb, dass sie noch kommt", sagt eine junge Frau aus Bern, die mit zwei Mitstreiterinnen zur Juso-Demo gekommen ist. Sie sagt, sie verabscheue das Weltwirtschaftsforum, kritisiert, dass es in Davos nur um Profitmaximierung gehe, dass man sich mit dem Mitgliederbeitrag Hinterzimmertreffen mit wichtigen Politikern erkaufen könne. Und die Einladung einer Greta Thunberg? "Wir fühlen uns tausendprozentig von ihr vertreten, es ist schon toll, dass sie in Davos ist", sagt die junge Frau. "Aber wir haben auch Angst, dass das so eine Art Scheinpolitik ist von den Organisatoren."

Als die Demonstration um 15 Uhr beginnt, ist der Davoser Postplatz nicht besonders voll, um die hundert, vor allem junge Leute harren in der Kälte aus, lassen sich von fast ebenso vielen Journalisten filmen und befragen. Die Wut der Teilnehmer, das sagen die Plakate, richtet sich vor allem gegen den Kurs der Politiker in puncto Klima. Doch auch die Anwesenheit einiger Politiker erregt den Zorn der Demonstranten: "Wir vergessen nicht den Sexismus und die Homophobie eines Jair Bolsonaro", schreit die Juso-Präsidentin ins Mikro, "wir vergessen nicht, wie Saudi-Arabien einen Mann zerstückelt hat!"

Greta Thunberg ist während der Kundgebung nirgends zu sehen. Kurz vorher hat sie sich wieder auf Twitter gemeldet: Sie habe gerade auf einer Bühne mit Bono und Jane Goodall gesessen und sprechen dürfen. Was man auf dem Weltwirtschaftsforum eben so macht.

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