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Weltwirtschaftsforum:Düstere Stimmung in Davos

Der verschneite Schriftzug über Davos

(Foto: AFP)
  • Beim Weltwirtschaftsforum in Davos gehen viele Anwesenden von einer schrumpfenden Weltwirtschaft aus.
  • Themen wie der Brexit oder der Handelsstreit zwischen den USA und China gelten als Auslöser für die düsteren Prognosen.
  • Vor allem Europa müsse aufpassen, bei der Digitalisierung mitzukommen, um weitere Krisen zu verhindern.

Den Ton setzte der Internationale Währungsfonds (IWF). Zum Wochenanfang, kurz bevor das diesjährige Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Bergen offiziell begann, hatte Christine Lagarde, die Chefin des IWF, die Prognosen für die Weltwirtschaft nach unten geschraubt - und das zum zweiten Mal binnen weniger Monate. "Das Risiko eines stärkeren Rückgangs des globalen Wachstums ist sicher gestiegen", sagte die resolute Französin. Ihr Vize David Lipton setzt am Mittwoch einen drauf. "Die Verlangsamung scheint früher zu kommen als erwartet", sagt er in einem Fernsehinterview.

Zieht, zehn Jahre nach der großen Finanzkrise, neue Gefahr auf? Dreht die Weltwirtschaft ins Minus? Im vergangenen Jahrzehnt kannte sie eigentlich nur eine Richtung - die nach oben. Ist 2019 das Jahr der Wende?

Wirtschafts- und Finanzpolitik Alle gemeinsam, sonst droht das Elend
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Angela Merkel verteilt in Davos Streicheleinheiten an die Klubs der internationalen Staatengemeinschaft und fordert zugleich mehr Zusammenarbeit. Dass das zuletzt schwieriger geworden ist, liege nur zum Teil am aufkommenden Populismus.   Von Bastian Brinkmann, Davos

Die Befürchtungen sind jedenfalls groß bei Politikern, Unternehmern und Wissenschaftlern, die in diesen Tagen nach Davos gekommen sind mit einem hehren Ziel: den Zustand der Welt zu verbessern. Eine Umfrage der Wirtschaftsberatungsfirma PwC unter 1400 Unternehmenschefs hatte ebenfalls zu Wochenbeginn signalisiert, dass die Zuversicht weltweit schwindet. Auch wenn IWF-Chefin Lagarde betont hatte, eine globale Rezession - also ein Rückgang der internationalen Wirtschaftsleistung - stehe "sicher noch nicht vor der Tür": Schon eine Verlangsamung des Wachstums hätte weitreichende Folgen in einer ohnehin fragilen Welt.

Der Zustand der globalen Konjunktur also ist diesmal das beherrschende Thema in den Bergen. Die Ursachen der Krisenstimmung sind mannigfaltig: der Handelsstreit zwischen den USA und China. Das Gezerre um den Brexit. Italiens unsolide Haushaltspolitik. Die Proteste in Frankreich gegen Präsident Emmanuel Macron. Der Haushaltsstreit und der seit Wochen anhaltende Shutdown in den USA. Ökonomen befürchten, dass eine längere Blockade das Wirtschaftswachstum in den USA bremst. Dazu kommt aktuell der Rückgang der Wachstumsraten in China.

Das Weltwirtschaftsforum listet in seinem alljährlichen Risikoreport noch weitere Probleme auf, vor allem den Klimawandel und die zunehmende Datenkriminalität. "Globale Risiken nehmen zu, aber der kollektive Wille, sie zu bekämpfen, schwächt sich ab. Stattdessen nimmt die Spaltung zu", heißt es in der Studie. Das alles beunruhigt die Anleger, die Aktienmärkte sind nervös, die Kurse gehen auf und ab, aber insgesamt eben eher nach unten.

Noch vor einem Jahr war in Davos einiges anders. Damals waren alle sehr zuversichtlich, vielleicht zu sehr. US-Präsident Donald Trump war in die Schweiz gereist und verbreitete gute Stimmung. "America first" bedeute nicht "America alone", hatte er damals gesagt und Hoffnungen geweckt, dass alles doch ganz anders kommen würde als damals schon befürchtet. Viele wollten daraus eine gewisse Entspannung ablesen. Doch dann ließ der US-Präsident den Handelsstreit mit China eskalieren. So schnell kann es gehen: Zwölf Monate später hat sich das Bild völlig gewandelt, das Pendel ist in die andere Richtung ausgeschlagen.

"Die Stimmung ist nicht mehr optimistisch, alles ist viel zerbrechlicher geworden", sagt der Chef einer weltweit tätigen Beteiligungsfirma aus den USA in Davos. Von einer globalen Rezession will auch er nicht sprechen, aber einzelne Volkswirtschaften könnten doch in arge Probleme geraten, glaubt er. Die schwächeren, in denen es jetzt schon nicht so gut läuft.

Es ist eine gefährliche Mischung

Dazu komme der weltweit zunehmende Populismus, gibt Charles-Édouard Bouée zu bedenken. Immer mehr Menschen seien verunsichert. Sie hätten schlicht Angst - Angst vor neuen Technologien, vor der Umweltzerstörung, vor angeblich ungezügelten Finanzmärkten. Der Chef der Beraterfirma Roland Berger glaubt deshalb, dass gerade Europa neben einem zyklischen Abschwung auch vor einer strukturellen Krise stehe. Die Digitalisierung ändere gerade die Spielregeln. Europa könne schnell in Rückstand geraten, die Digitalfirmen aus den USA und aus China seien bereits führend. Jetzt, sagt der Manager, seien radikale Reformen nötig. Und nicht erst, wenn die Krise tatsächlich da sei.

"Wenn ein Abschwung kommt, dann sind die meisten Länder schlechter gerüstet als zehn Jahre zuvor", sagt auch IWF-Vize Lipton. Es ist eine gefährliche Mischung. Viele Staatshaushalte haben keine großen Spielräume mehr, wichtige Länder sind verschuldet. Teure Programme zur Stützung der Konjunktur wären damit, mit Ausnahme vielleicht in Deutschland, nicht möglich. Dazu kommt, dass insbesondere in Europa die Zinsen auf einem Rekordtief nahe null liegen. Die Europäische Zentralbank hätte also nicht die Möglichkeit, im Falle einer Rezession die Wirtschaft über deutliche Zinssenkungen zu beleben und neue Impulse zu setzen. Was ihr sonst an Steuerungsmechanismen bleibt, ist begrenzt.

Besorgnis ruft auch die zunehmende Ungleichverteilung der Vermögen hervor. Die Schere zwischen Arm und Reich gehe weiter auseinander, stellte die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam fest. Ein Abschwung könnte diesen Trend verstärken.

Die Entwicklung der Wirtschaft hat bekanntermaßen zu einem Gutteil aber auch mit Psychologie zu tun. Wenn immer mehr Politiker und Manager an einen deutlichen Abschwung glauben, könnte genau dieser auch kommen. Cornelius Baur, der Deutschland-Chef der Unternehmensberatung McKinsey, warnt deshalb: "Ich rechne nicht mit einer Rezession, aber wir reden uns möglicherweise in eine hinein." Das gelte insbesondere für deutsche Unternehmer. "Wir sind, gerade in Deutschland, deutlich pessimistischer, als wir sein müssten", betont Baur. Unsicherheit führe oft dazu, dass Unternehmen nicht investierten, sondern lieber abwarteten. So komme eine gefährliche Spirale nach unten in Gang.

Soll sagen: Muss nicht alles so schlimm kommen, wie inzwischen so viele unken. Einige Unternehmer, besonders aus Deutschland, verweisen vielmehr darauf, dass eine leichte Abkühlung vielleicht gar nicht so schlimm wäre. Schon jetzt falle es manchen Firmen reichlich schwer, geeignete Mitarbeiter zu finden.

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