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Globalisierung:Den Mächtigen fehlen die Ideen

Weltwirtschaftsforum in Davos

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos diskutieren die Teilnehmer über die Folgen der Globalisierung.

(Foto: dpa)
  • Beim Weltwirtschaftsforum in Davos diskutieren Politiker, Wissenschaftler und Manager über die negativen Folgen der Globalisierung.
  • Doch Lösungen, wie sich die weltweite Ungleichheit bekämpfen lässt, haben sie nicht. Im Gegenteil: Es herrscht große Ratlosigkeit.

Ist die Globalisierung gut oder böse? Das kann man, natürlich, so oder so sehen. In Davos, beim Jahrestreffen der Globalisierungsbefürworter aus Politik und Wirtschaft, ist die Frage bislang stets klar beantwortet worden: Globalisierung ist gut, weil Menschen überall auf der Welt von ihr profitieren. Doch diesmal war etwas anders. In vielen Gesprächen der 3000 Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums (WEF), das am Freitag zu Ende ging, waren in vertraulichen Zirkeln und teils auf offener Bühne ganz andere Töne zu hören.

Nicht jeder formulierte das so radikal wie Italiens Premier Giuseppe Conte: "Offene, weltweite Märkte, freier Kapitalverkehr und die technologische Revolution haben sich großzügig ausgezahlt. Aber nur für einige wenige." Die meisten Menschen glaubten, dass es ihnen "morgen schlechter gehen wird als heute". In Italien sei die Begeisterung für die EU "der Verzweiflung gewichen", sagte Conte. "Die Menschen fühlen sich getäuscht und unfair behandelt." Das klang ein wenig nach Mike Pompeo, dem US-Außenminister. Der wertete, aus Washington zugeschaltet, die Politik seines Präsidenten Donald Trump als Antwort auf die Frage vieler Amerikaner: "Ist die Globalisierung wirklich gut für mich?"

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Conte, 54, ursprünglich Jura-Professor, hatte im Mai 2018 als politischer Quereinsteiger den Auftrag erhalten, für die Populisten der Fünf-Sterne-Bewegung und der Lega als Regierungschef zu fungieren. Schon kurz darauf lag er im Clinch mit Brüssel, vor allem wegen der hohen Neuverschuldung seines Landes 2019. Er sei, so der Premier, "sehr stolz" darauf, dass seine Koalition gerade ein "Bürgereinkommen" für fünf Millionen Italiener beschlossen und dafür gesorgt habe, dass Erwerbstätige wieder früher in Rente gehen könnten. "Wir sind radikal", sagte Conte. "Aber wir sind radikal, weil wir die Macht zurückbringen wollen zum Volk."

Der Ministerpräsident aus Rom setzte mit der Ankündigung, künftig die nationalen Interessen seines Landes in den Vordergrund zu stellen, einen deutlichen Kontrapunkt zu Angela Merkel. Die hatte zuvor kritisiert, es gebe Politiker, die glaubten, "der Welt geht es am besten, wenn jeder an sich denkt". Dies sei unverantwortlich. Staaten müssten angesichts der globalen Probleme - Klimawandel, Umweltverschmutzung, Flüchtlinge, Finanzkrisen - gemeinsam handeln und die "multilaterale Ordnung stärken". "Alles andere wird ins Elend führen."

Die Botschaft der Kanzlerin, von Japans Premier Shinzō Abe ähnlich formuliert, nahmen viele WEF-Teilnehmer erfreut zur Kenntnis - auch weil sie diese als klare Absage an Trumps nationalistische Politik empfanden. Zugleich hinterließ Merkel auch Ratlosigkeit: Sie benannte zwar die Probleme, welche die Weltgemeinschaft nur zusammen lösen kann, und mahnte Reformen der internationalen Organisationen an. Doch wie man all dies konkret umsetzen solle, sagte Merkel nicht.

Bei etlichen Anwesenden verstärkte die Kanzlerin somit nur deren eigene Ratlosigkeit, nach dem Motto: Wenn nicht einmal Merkel weiß, wie wir die negativen Folgen der Globalisierung beseitigen sollen - wer dann? Kann es, so die bange Frage auf den Konferenzfluren, mit der Globalisierung, diesem grenzenlosen Austausch von Geld, Gütern, Waren, Dienstleistungen und Daten - maximal beschleunigt durch das Internet - überhaupt so weitergehen? Oder hat die Globalisierung ihren Höhepunkt schon überschritten? UN-Generalsekretär António Guterres warnte, wenn die von Merkel aufgezeigten Probleme nicht gelöst würden, sei dies das "Rezept für ein Desaster".

Ein Spitzenmanager der Finanzwirtschaft bekannte in vertraulicher Runde, ihm sei bewusst, dass die Globalisierung die Reichen noch reicher und viele Arme noch ärmer gemacht habe. Aber er wisse nicht, wie das wieder zu ändern sei. Nach Erkenntnissen der Weltbank freilich ist unstrittig, dass die Globalisierung die absolute Armut weltweit gesenkt hat. Demnach mussten 1990 noch 1,9 Milliarden Menschen mit unter 1,90 Dollar täglich auskommen, heute sind es 736 Millionen.

"Die Ratlosigkeit ist riesig", urteilte der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger. In Davos sei "ein großes Vakuum zu spüren" gewesen bei der Frage, wie die Probleme beseitigt werden könnten, welche die Globalisierung erst geschaffen habe. Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire konstatierte nicht nur eine Krise der Globalisierung, sondern "eine Krise des Kapitalismus, der nicht mehr die Bedürfnisse der Menschen befriedigt". Dies sei kein französisches, sondern ein weltweites Problem.

Wenn diejenigen, die seit Jahren gegen das WEF demonstrieren und auch diesmal in Davos auf der Straße waren, Le Maire hätten zuhören können, hätten sie ihm vermutlich applaudiert.

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