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Coronavirus und die Wirtschaft:Deutsche Wirtschaft verliert wegen Corona 390 Milliarden Euro

Vorab-Ringen ums Konjunkturprogramm - Volumen bis 80 Milliarden?

Gerüstbauer errichten auf einer Baustelle in der Hamburger Hafencity ein Gerüst. (Symbolbild)

(Foto: dpa)

Das Bruttoinlandsprodukt werde in diesem Jahr um 6,8 Prozent einbrechen, prognostiziert das Institut für Weltwirtschaft - so stark wie noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik.

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Deutsche Wirtschaft verliert in Coronakrise 390 Milliarden Euro

Donnerstag, 18.06.2020, 15.28 Uhr: Die deutsche Wirtschaft verliert durch die Corona-Pandemie nach Schätzung des Kieler IfW-Instituts weit mehr als eine Drittel Billion Euro. Der krisenbedingte Ausfall an Wirtschaftsleistung summiere sich 2020 und 2021 auf mehr als 390 Milliarden Euro, teilte das Institut für Weltwirtschaft (IfW) mit. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde in diesem Jahr um 6,8 Prozent einbrechen und damit so stark wie noch nie seit Bestehen der Bundesrepublik.

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"Wir rutschen jetzt in eine tiefe Rezession", sagte auch die neue Wirtschaftsweise Veronika Grimm der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Es kann auf einen Wirtschaftseinbruch von 6,3 bis sieben Prozent übers Jahr hinauslaufen." Zudem sei mit Blick auf die Virus-Pandemie unklar, "ob uns noch eine zweite Welle erwischt."

Die Kieler Forscher und Konjunkturchef Stefan Kooths warnten derweil, dass Deutschland als Europas größte Volkswirtschaft im April seine Talsohle durchschritten habe. Auch dürften die Firmen mit den im Mai begonnenen Lockerungsmaßnahmen einen Teil der Produktionsverluste rasch wieder wettmachen. "Allerdings wird die vollständige Erholung von der Krise einige Zeit in Anspruch nehmen." So seien wichtige Abnehmerländer von der Corona-Pandemie wirtschaftlich stärker betroffen als Deutschland, weshalb die Exporte nur nach und nach wieder anziehen dürften. "Die Achillesferse für die Erholung der deutschen Wirtschaft ist das Exportgeschäft."

Umsatz deutscher Reiseanbieter bricht um 23 Prozent ein

Donnerstag, 18.06.2020, 8.15 Uhr: Die Coronakrise setzt den deutschen Reiseanbietern stark zu. Die Umsätze von Reisebüros und -veranstaltern sowie sonstigen Reservierungsdienstleistern brachen im ersten Quartal um etwa 23 Prozent zum vorangegangenen Vierteljahr ein. "Dies ist der stärkste Umsatzeinbruch in der Reisebranche seit 2008", teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit.

Ob die kürzlich gelockerten Reisevorschriften der Branche Aufwind verleihen werden, hängt nicht zuletzt von der Reise- und Ausgabebereitschaft der deutschen Verbraucher ab. 2018 gab fast jeder fünfte Haushalt (19,6 Prozent) Geld für eine Pauschalreise aus. Im Durchschnitt waren es rund 1000 Euro. Die Reisebranche mit ihren 13.300 Unternehmen zählte 2018 rund 110.000 Beschäftigte, nachdem es 2008 nur knapp 78.000 waren. Dabei gab es etwa dreimal so viele Reisebüros (8900) wie Reiseveranstalter (2900).

Zinsen für Ratenkredite vielerorts gestiegen

Donnerstag, 18.06.2020, 4.45 Uhr: In der Corona-Krise erhöhen nach Angaben des Internetportals Verivox vor allem regionale Geldhäuser die Zinsen für Ratenkredite. Bei steigender Arbeitslosigkeit erhöhe sich für Banken das Risiko, dass Kreditnehmer ihr Darlehen nicht zurückzahlen könnten, sagte Oliver Maier, Geschäftsführer von Verivox Finanzvergleich. "Vor allem viele regionale Institute haben darauf mit höheren Zinsen reagiert. Bei den bundesweit verfügbaren Angeboten setzt der schärfere Wettbewerb den Kreditinstituten enge Grenzen für Zinserhöhungen."

Den Daten des Vergleichsportals zufolge stiegen die durchschnittlichen Zinsen für einen neuen Ratenkredit von 10 000 Euro mit 48 Monaten Laufzeit seit Ausbruch der Corona-Krise im März um mehr als einen Prozentpunkt auf 5,80 Prozent in dieser Woche. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres hatte es einen leichten Rückgang von 4,69 auf 4,56 Prozent gegeben.

Die Bandbreite ist aktuell jedoch sehr groß. So blieben die Zinsen bei bundesweit verfügbaren Angeboten seit Ausbruch der Krise mit leichten Schwankungen im Schnitt konstant bei etwa 4,2 Prozent. Bei regionalen Angeboten legten sie hingegen von 4,85 auf 6,24 Prozent kräftig zu. dpa

Nur halb so viele ausländische Erntehelfer mit Sonderregelung eingereist wie möglich

Donnerstag, 18.06.2020, 4.14 Uhr: Mit der Sonderregelung für die Landwirtschaft wegen der Corona-Krise sind im Frühjahr insgesamt 40 300 Saisonkräfte aus dem Ausland nach Deutschland gekommen. Das teilte der Bauernverband nach Daten der Bundespolizei mit. Damit wurde das mögliche Kontingent von bis zu 80 000 ausländischen Erntehelfern nur etwa zur Hälfte ausgeschöpft.

Bauernpräsident Joachim Rukwied sagte, die Sonderregelung sei wegen der geschlossenen Grenzen extrem wichtig für die Betriebe gewesen. Nur so hätten sie weiter der Verpflichtung nachkommen können, die Bevölkerung mit heimischen Nahrungsmitteln zu versorgen. Angesichts drohender Engpässe hatte die Bundesregierung die begrenzte Einreise von Saisonkräften nur per Flugzeug erlaubt. Damit verbunden waren strenge Vorgaben zum Gesundheitsschutz.

Die Sonderregelung für April und Mai wurde einmal verlängert und lief am vergangenen Montag aus. Seit Dienstag können Erntehelfer aus EU-Ländern auch wieder auf dem Landweg und "ohne die bisherigen Beschränkungen" einreisen, wie ein Konzept von Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) festlegt. Die neuen Regelungen gelten nun bis Jahresende und schreiben weiterhin Corona-Schutzvorgaben vor. dpa

Lufthansa fürchtet Scheitern des Rettungspaketes

Mittwoch, 17.06.2020, 10.50 Uhr: Die Lufthansa hat vor einem Scheitern des milliardenschweren Rettungspaketes auf der außerordentlichen Hauptversammlung in der kommenden Woche gewarnt. "Dies würde bedeuten, dass die Deutsche Lufthansa AG möglicherweise zeitnah zur Hauptversammlung ein insolvenzrechtliches Schutzschirmverfahren beantragen müsste, wenn es dann nicht unverzüglich zu einer anderen Lösung kommt", teilte die Fluggesellschaft am Mittwoch mit.

Hintergrund sind Äußerungen des Großaktionärs Heinz Hermann Thiele in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Darin hatte er Kritik an dem Rettungspaket geäußert. Thiele, der auch Mehrheitseigentümer des Fahrzeugzulieferers Knorr-Bremse ist, hatte seinen Anteil über die meldepflichtige Schwelle von 15 Prozent aufgestockt. Er kritisierte vor allem die geplanten Aktienkäufe durch den Bund: Er ist gegen die Staatsbeteiligung von 20 Prozent. Denn dafür ist eine Kapitalerhöhung notwendig - und die schmälert wiederum den Wert seines Aktienpaketes. Er sei überzeugt, dass in den Verhandlungen mit der Bundesregierung "nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft" worden seien.

Die Lufthansa-Aktionäre sollen am 25. Juni über das Rettungspaket abstimmen. Nun fürchten die Konzernchefs, dass die Pläne wegen Thieles Engagement noch scheitern: "Der Vorstand geht aktuell davon aus, dass die Präsenz bei der außerordentlichen Hauptversammlung am 25. Juni unter 50 Prozent liegen wird", teilte Lufthansa mit. Angesichts der Äußerungen Thieles halte es der Vorstand für möglich, "dass das Stabilisierungspaket die in diesem Fall erforderliche Zweidrittelmehrheit der abgegebenen Stimmen verfehlen könnte". dpa/Reuters

Flugkosten von vier Milliarden Euro noch nicht erstattet

Dienstag, 16.06.2020, 5.04 Uhr: Viele Verbraucher warten noch auf die Erstattung der Flugkosten für Reisen, die sie wegen der Corona-Krise nicht antreten konnten. Die Rückerstattung läuft schleppend - dies hatte kürzlich auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr mit Verweis auf die große Anzahl der Stornierungen eingeräumt. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) geht es allein in Deutschland um Flugtickets im Wert von etwa vier Milliarden Euro.

Diese Stornierungen würden aktuell von den Fluggesellschaften nicht bearbeitet und könnten damit auch nicht an die Kunden zurückgezahlt werden, sagte eine DRV-Sprecherin der Bild-Zeitung. Nicht nur die Reisenden warteten auf ihr Geld. "Die Folgen dieses Verhaltens der großen Fluggesellschaften sind für die für den Flugticketverkauf lizenzierten Vertriebspartner existenzbedrohend. Sie geraten in eine wirtschaftliche Notlage, weil die Fluggesellschaften ihrer Verpflichtung zur Rückzahlung nicht oder nur zögerlich nachkommen."

Spohr hatte sich vor gut einer Woche bei den Kunden entschuldigt, die ihr Geld für stornierte Tickets noch nicht zurückbekommen haben. Die Ressourcen seien deutlich erhöht worden, um die Abwicklung zu beschleunigen. So gebe es mehr Personal in den Callcentern. In den kommenden sechs bis acht Wochen solle der Rückzahlungsstau abgearbeitet sein.

Bund steigt bei Curevac ein

Montag, 15.06.2020, 13.23 Uhr: Die Bundesregierung steigt mit 300 Millionen Euro bei dem Tübinger Unternehmen Curevac ein, gab Wirtschaftsminister Peter Altmaier bekannt. Damit wird der Bund über die KfW etwa 23 Prozent an der Firma halten. Altmaier sagte, dass Curevac Teil einer Schlüsselindustrie sei, die für Deutschland gerade derzeit besondere Bedeutung habe. Die Technologie von Curevac berge das Potenzial, neue Impfstoffe und therapeutische Behandlungsmöglichkeiten für viele Menschen zu entwickeln und über den Markt zur Verfügung zu stellen.

Mit 23 Prozent werde der Bund nur eine Minderheitsbeteiligung halten und damit auch deutlich machen, dass man sich nicht in die Geschäftspolitik von Curevac einmische. Probleme auf EU-Ebene erwartet Altmaier nicht.

Noch im Juni womöglich erste Studien

Curevac gehört zu den Unternehmen, die sich im Wettlauf bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes befinden. Die Biotechfirma hatte Mitte Mai positive präklinische Ergebnisse zu ihrem Projekt veröffentlicht.

Noch im Juni sollten erste klinische Studien mit gesunden Freiwilligen starten. Curevac war im März in die Schlagzeilen geraten, weil die US-Regierung angeblich Interesse an der Gesellschaft hatte. US-Präsident Donald Trump sollte der Firma einem Medienbericht zufolge einen hohen Betrag angeboten haben, um sich deren Arbeit exklusiv zu sichern. Das hatten die Tübinger allerdings zurückgewiesen.

Curevac setzt bei seinen Forschungsarbeiten - wie auch der US-Biotechkonzern Moderna und die Mainzer Biotechfirma Biontech - auf Impfstoffe auf Basis der sogenannten Boten-RNA (mRNA). Sie soll den menschlichen Zellen die Information zur Produktion von Proteinen und damit zur Bekämpfung der Krankheitserreger vermitteln. Biontech hatte im April als erstes Unternehmen in Deutschland grünes Licht für erste klinische Studien für einen Corona-Impfstoff hierzulande erhalten.

Am Wochenende hatten Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande eine Vereinbarung mit dem Pharmakonzern Astra-Zeneca bekannt gegeben, mit der sich die EU-Staaten bis zu 400 Millionen Dosen eines in der Entwicklung befindlichen Corona-Impfstoffs sichern. Reuters/hgn

Pleitewelle aufgeschoben

Montag, 15.06.2020, 11.00 Uhr: In der ersten Hälfte dieses Jahres werden etwa 8900 Unternehmen in Deutschland Insolvenz angemeldet haben, prognostiziert die Auskunftei Creditreform. Das wären gut acht Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum - obwohl die Konjunktur infolge der Corona-Pandemie eingebrochen ist.

Creditreform führt das vor allem darauf zurück, wie der Staat die Wirtschaft unterstützt: etwa mit Krediten der Förderbanken oder mit Zuschüssen für kleine Betriebe. Außerdem müssen Firmen, die wegen der Pandemie in Zahlungsprobleme geraten sind, vorübergehend bis Ende September keinen Insolvenzantrag stellen. Die ausgesetzte Antragspflicht im Insolvenzfall sei wie "eine Wette" auf eine rasche Erholung der Wirtschaft, sagt Volker Ulbricht, der Hauptgeschäftsführer von Creditreform. Sollte dieses Szenario nicht eintreten, "droht schon im Herbst eine Insolvenzwelle von bisher nicht gekanntem Ausmaß." Auch seien Insolvenzgerichte während der Corona-Krise schlechter besetzt gewesen.

Die Auskunftei warnt daher vor Schattenseiten: In den vergangenen Monaten seien "offenbar auch solche Unternehmen der Insolvenz entgangen", die ohne staatliche Hilfen pleitegegangen wären. "Hier hat es möglicherweise unerwünschte Mitnahmeeffekte gegeben." So rechnet Creditreform fest mit einem Nachholeffekt bei den Insolvenzen: "Unter Umständen kommt die Welle, die kommen wird, erst im nächsten Jahr."

Zudem geht Creditreform davon aus, dass die Zahl der Insolvenzen nach September deutlich steigen wird. "Vor dem 30. September wird sich nicht viel tun." Eine solche Pleitewelle wäre nur abzuwenden, wenn Firmen bis dahin die Folgen der Corona-Krise überstanden hätten. Ob eine schnelle Erholung in der Breite realistisch sei, "bleibt in Anbetracht der Schwere der Rezession zu bezweifeln", so die Auskunftei.

"Die Konjunkturaussichten sind weiterhin düster." Creditreform ist eine der größten Wirtschaftsauskunfteien Europas. Die Gesellschaft sammelt Informationen über die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Privatpersonen und treibt Zahlungen ein. Benedikt Müller-Arnold

© SZ.de/jobr/vit
Biontech -

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