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Corona-Schäden:Wo es der Wirtschaft besonders wehtut

Aufsteller mit Verkehrsschild Einbahnstraße Durchgang verboten und Zusatz bitte beachten Sie die Laufrichtung steht vor

Ein Hinweisschild informiert die Gäste eines Cafés in Mannheim über Corona-Vorsichtsmaßnahmen. Die Gastronomie leidet besonders stark unter den Folgen der Krise.

(Foto: imago images/Ralph Peters)

Die Krise erfasst zunehmend die großen Unternehmen wie BMW oder Karstadt-Kaufhof. Aber am härtesten hat es Restaurants, Kneipen und Hotels getroffen, zeigen aktuelle Zahlen zur Pandemie.

Mit Statistiken ist das oft so eine Sache. Was gut aussieht, muss nicht unbedingt Gutes bedeuten. Auf den ersten Blick zum Beispiel gibt es eine Nachricht, die einem surreal vorkommen kann. Wochen- und monatelang war das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in diesem Land auf knapp über null gesetzt, die Konjunktur eingebrochen, und dann dies: Die Zahl der Insolvenzen ist im ersten Halbjahr 2020 um 8,2 Prozent zurückgegangen - 8900 Unternehmen in Deutschland waren laut der Wirtschaftsauskunftei Creditreform zahlungsunfähig, verglichen mit 9690 Fällen im Vorjahreszeitraum. Das liegt nicht etwa daran, dass es den vielen Mittelständlern, den Handwerkern und Restaurantbetreibern gerade besonders gut gehen würde. Da aber die Pflicht zum Insolvenzantrag bis September ausgesetzt ist und staatliche Milliarden-Hilfspakete gerade das Schlimmste verhindern, dürfte die Insolvenzwelle nur auf den Herbst und das kommende Jahr verschoben sein.

Vielleicht kommt es aber auch anders. Weil die Konjunktur doch wieder schnell anzieht, weil die Menschen Kleidung kaufen, reisen und in die Osteria gehen möchten. Möglich aber auch, dass es noch schlimmer wird, weil nach dem Sommer eine zweite Viruswelle über den Kontinent rast und Angst und Panik über die gerade erst wieder entdeckte Lust am Leben siegen. Weiß man es heute, Mitte Juni 2020?

Wenn in diesen Tagen also immer mehr Zahlen die Folgen der Corona-Pandemie für die Wirtschaft schwarz auf weiß dokumentieren, ist dies vor allem eines: eine Momentaufnahme. Die Einbrüche sind historisch. Aber sie lassen nur schwer verlässliche Annahmen darüber zu, wie es in den nächsten Monaten weitergeht.

Die Welt, sagen die Optimisten, werde nach Corona nicht nur eine andere sein - sie könnte, wenn man es richtig macht, auch eine bessere werden. Ökologischer, digitaler, effizienter. Wenn zum Beispiel Menschen nicht mehr für jedes Meeting ins Flugzeug steigen, sondern ihre Gespräche per Videokonferenz führen, wäre das besser für die Umwelt. Andererseits: Man könnte dann wohl auch die eine oder andere Startbahn stillegen und manchen Flughafen gleich mit.

Und was macht man dann mit den Airlines? Die Lufthansa zum Beispiel soll mit Milliarden vom Staat aufgefangen werden, die Passagierzahlen von deutschen Flughäfen sind, das zeigen die Daten zu den vergangenen Monaten, drastisch eingebrochen. Vielleicht wird es nie wieder so wie vor März 2020.

Wenn alles stillsteht, trifft das alle Branchen. Zu den am stärksten Betroffenen gehörten im März und April Gastwirte und Hoteliers, wie aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes vom Freitag zeigen. Allein im April nahm das Gastgewerbe 75,8 Prozent weniger Geld ein als im Jahr davor, es geht um die mit Abstand größten Umsatzeinbußen, die hier jemals erfasst wurden. Viele Gaststätten schmissen ihre Küchen wochenlang nur für Liefer- und Abholservices an, wenn überhaupt.

Besonders schwer traf es Hotels und Pensionen mit einem Minus von 88,6 Prozent, weil seit Mitte März Übernachtungen von Touristen verboten waren. Man kann davon ausgehen, dass viele Kneipen und Restaurants, Herbergen und Hotels das nicht überleben werden. In manchen Regionen, die ohnehin schon vom Sterben der Gasthöfe getroffen sind, wird die Auswahl noch dünner werden.

Abwenden ließ sich die ganz große Katastrophe mit Kurzarbeit, dem "stärksten Instrument gegen Entlassungen", wie Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sagt. Für 10,6 Millionen Menschen wurde im März und April Kurzarbeit angemeldet; im Mai registrierte man noch einmal 1,06 Millionen Menschen. Im Gastgewerbe, Hotelwesen, dem Maschinenbau, der Autoindustrie, im Großhandel - kaum eine Branche, die nicht betroffen wäre. Um zu sehen, wie Corona in der Wirtschaft wütet, genügt ein Blick auf den Mai 2009: Damals, auf dem Höhepunkt der Weltfinanzkrise, lag die Zahl der von Kurzarbeit betroffenen Menschen bei gerade mal 1,44 Millionen Menschen.

Kurzarbeit sichert Jobs, zumindest für eine Weile. Damit der Konsum aber wieder in Gang kommt, müssen die Menschen wissen, was danach kommt. Die Normalität? Oder werden am Ende nicht doch noch viele Jobs gestrichen? So wie bei Galeria Karstadt Kaufhof, wo 62 von 172 Filialen geschlossen werden sollen. 6000 der insgesamt 28 000 Mitarbeitern droht nun der Verlust des Arbeitsplatzes.

Ganz am Anfang, als es losging mit Corona, gab es Menschen, die verzaubert von der "Entschleunigung" der Gesellschaft sprachen. Nur wird da gerade etwas sehr stark entschleunigt.

Zum Wochenende ging es nun Schlag auf Schlag: Nachdem die Pläne der Kaufhauskette Karstadt Kaufhof durchgesickert waren, bestätigte BMW seine Abbaupläne. Die Krise erfasst mehr und mehr die ganz Großen und ihre Belegschaft. Fünf Prozent will der Autobauer loswerden, das sind bei 126 000 BMW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern immerhin 6000 Menschen. Frei werdende Stellen werden nicht nachbesetzt, aber es wird auch freiwillige Vereinbarungen zum Ausstieg geben. Betroffen sind die Zentrale, aber auch Entwickler und so mancher Fabrikarbeiter. Wer vorzeitig ausscheidet, dem dürfte dies zwar mit Abfindungen etwas versüßt werden. Aber, so sagt es einer aus der Autoindustrie: Es werde doch langsam "eklig". Denn ein Gespräch darüber, dass man doch bitte recht rasch gehen solle, sei unangenehm, jeder im Betrieb werde irgendeinen Betroffenen kennen. Das drücke auf die Moral. Und, auch das weiß jeder: Es ist nur der letzte Schritt, bevor ein Unternehmen zu betriebsbedingten Kündigungen greift. Allerdings erwischt es auch etliche Leiharbeiter, deren Verträge nicht verlängert werden. Bei BMW werden nun wohl 10 000 der Zeitarbeitskräfte ihren Job verlieren.

In Deutschlands wichtigster Branche stehen die Zeichen auf Sturm. Insgesamt haben allein die drei Premiumhersteller Audi, BMW und Daimler in den vergangenen Monaten die Kürzung von 30 000 Stellen beschlossen, Leiharbeit und die Zulieferbetriebe sind da noch gar nicht mitgerechnet. Es ist das Ergebnis der stark zurückgegangenen Nachfrage in der gesamten Autoindustrie wegen der Seuche. Weltweit werden deshalb in diesem Jahr 15 oder sogar 20 Prozent weniger Wagen verkauft als im Jahr zuvor. Die Fabriken fahren deshalb oft nur im Einschichtbetrieb. Mitten in die Corona-Zeit fällt dazu noch der historische Großumbau der Konzerne, die künftig mehr Elektroautos und weniger Benziner und Diesel verkaufen müssen. Sparprogramme hatte es bei BMW und den Kollegen schon vorher gegeben. Dann kam noch Corona dazu.

Innovative Start-ups brauchen dringend Geld, um zu überleben

Und die Kurzarbeit? Bei BMW waren und sind Tausende betroffen, aber das habe die Krise nicht völlig abfedern können, heißt es aus der Münchner Firmenzentrale. Erst Kurzarbeit, dann Stellenabbau.

Im Fokus sind in diesen Tagen wieder einmal die Großen. Der Rettungsplan für Lufthansa, der Stellenabbau bei BMW, die Warenhausschließungen bei Galeria Karstadt Kaufhof. Allerdings kann man wohl davon ausgehen, dass sie diese Krise überstehen werden. Ganz anders ist es bei den vielen Gastronomen, den Mittelständlern, den kleinen Autozulieferern. Und anders ist es auch bei jenen kleinen Technologie-Startups, wo gerade an Zukunftsthemen wie künstlicher Intelligenz gearbeitet wird. Die kleinen kreativen Firmen aus der Loft-Etage, die noch kein Geld verdienen, aber Geld brauchen. Das sie gerade aber nicht bekommen, weil private Geldgeber wegen Corona ihr Kapital lieber zusammenhalten. 88 Prozent von ihnen, so ergab eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom, sind der Meinung, dass sich die Situation für Start-ups verschlechtert hat. Viele bangen um ihre Existenz, 78 Prozent erwarten eine Pleitewelle.

Wenn es so käme, wäre das dramatisch. Denn gerade hier, in den jungen Büros der Start-ups, tüftelt man oft an der digitalen Zukunft ganzer Branchen und damit des Technologiestandorts Deutschland. Das ist nicht ganz unwichtig für die Zeit nach Corona.

© SZ vom 20.06.2020

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