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Energie:Studie: CO₂-Emissionen um sieben Prozent gesunken

Windkraft: Windräder in Brandenburg

Windräder in Brandenburg, fotografiert mit einer Drohne.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • Die CO₂-Emissionen sind 2019 um mehr als 50 Millionen Tonnen gesunken.
  • Die Ursache liegt im Energiesektor: Erstmals haben Wind-, Wasserkraft, Solarstrom- und Biogasanlagen mehr Strom erzeugt als Kohle- und Kernkraftwerke zusammen.
  • Teilweise torpediert werden die Einsparungen jedoch von Gebäude-Emissionen und dem Verkehrssektor.

Von Vivien Timmler

Es ist noch keine Nachricht zum Jubeln, aber sie stimmt zumindest optimistisch: Die CO₂-Emissionen in Deutschland sind einer Studie des Berliner Thinktanks Agora Energiewende zufolge 2019 um mehr als 50 Millionen Tonnen gesunken. Das entspricht einem Rückgang von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Ziel der Bundesregierung, die CO₂-Emissionen bis Ende 2020 um 40 Prozent des Ausstoßes von 1990 zu drücken, wird sie mit aktuell 35 Prozent somit aber wohl trotzdem verfehlen.

Verantwortlich für den Rückgang ist laut Agora, die im Zuge der Energiewende nach Lösungen suchen, der Energiesektor: Erstmals erzeugten Wind-, Wasserkraft, Solarstrom- und Biogasanlagen demnach mehr Strom als Kohle- und Kernkraftwerke zusammen. Die Ursache dafür liege hauptsächlich im Zubau von Photovoltaikanlagen sowie einem guten Windjahr. Insgesamt deckten erneuerbare Energien knapp 42,6 Prozent der Stromnachfrage - und damit fast fünf Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

Ausschlaggebend dafür waren laut Agora vor allem die gestiegenen Preise für CO₂-Zertifikate im EU-Emissionshandel. Sie führten in Verbindung mit der gestiegenen Stromproduktion aus erneuerbaren Energien und einem generell sinkenden Stromverbrauch dazu, dass Strom aus fossilen Kraftwerken schlicht nicht mehr wettbewerbsfähig war. Viele Kraftwerke mussten ihre Stromproduktion daher im Laufe des Jahres deutlich reduzieren: Die Stromerzeugung von Steinkohlekraftwerken brach um 31 Prozent ein, die von Braunkohlekraftwerken um 22 Prozent. Davon profitierten unter anderem Gaskraftwerke, die weniger CO₂-Zertifikate für ihre Stromerzeugung benötigen. Ihr Stromabsatz erhöhte sich um elf Prozent.

Teilweise torpediert wurden die CO₂-Einsparungen auf dem Energiesektor jedoch von Gebäude-Emissionen und dem Verkehrssektor: Dort wurden deutlich mehr Erdgas, Heizöl, Benzin und Diesel verbraucht als im Vorjahr. Im Verkehr führte vor allem der steigende Anteil schwerer Fahrzeuge mit großen Verbrennungsmotoren wie SUVs zu einem Anstieg der Emissionen. "Das, was die Politik im Energiebereich bereits geschafft hat, müssen wir auch im Verkehrssektor hinbekommen", mahnt Bundesumweltministerin Svenja Schulze.

Ökostrom könnte knapp werden

Die Agora-Experten warnen jedoch vor einem Engpass bei der Ökostrom-Versorgung. "Wir müssen mehr erneuerbare Energien zubauen, um den Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 auszugleichen und auch genügend Strom für Elektroautos und Wärmepumpen zu erzeugen", sagt Agora-Direktor Patrick Graichen, der zuvor die Energiepolitik im Umweltministerium mitverantwortet hat. Problematisch sei vor allem der fast zum Erliegen gekommene Ausbau der Windenergie. "Ohne Windkraft werden wir weder den Kohleausstieg noch die Klimaschutzziele erreichen", so Graichen. Das sieht auch Umweltministerin Schulze ähnlich: Beim Ökostromausbau habe man schon zu viel Zeit verloren - und damit Chancen im Klimaschutz, aber auch Arbeitsplätze in der Windbranche gefährdet. Nur mit einem deutlich stärkeren Ausbau der Erneuerbaren könne man diese positive Entwicklung weiter verstärken.

Auch die Forscher des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) der Universität Köln warnen in einer Studie vor einem Engpass bei erneuerbaren Energien. Die Autoren gehen davon aus, dass der Stromverbrauch in den kommenden Jahren stark steigen wird, vor allem wegen der steigenden Zahl der Elektroautos, des steigenden Bedarfs an Wärmepumpen und der Nachfrage der Industrie bei grünem Wasserstoff. Der geplante Ausbau von Wind- und Solarstrom könne da nicht mithalten - was wiederum dazu führe, dass Deutschland sein Ziel, bis 2030 mindestens 65 Prozent des deutschen Stromverbrauchs durch erneuerbare Energien zu decken, nicht einhalten könne.

Um das 65-Prozent-Ziel doch noch zu erreichen, müsse die Stromnachfrage in Deutschland deutlich sinken, so die Autoren. Die Bundesregierung selbst geht entgegen der Studie nicht von einem stark ansteigenden Stromverbrauch aus: Sie glaubt vielmehr, dasss dieser sich sogar "geringfügig unterhalb des heutigen Niveaus bewegen dürfte".

© SZ.de/evg
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