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Erderwärmung:Klima vor dem Kippen

Thwaites-Gletscher

Das Eis der Westantarktis schmilzt fuchterregend schnell.

(Foto: dpa)
  • Klimaforscher warnen davor, dass die Eisschmelze an den Polen bald nicht mehr aufzuhalten sein könnte.
  • Das könnte eine dramatische Kettenreaktion mit Folgen für viele Ökosysteme auslösen.
  • Die Gefahr, dass Kipppunkte überschritten werden könnten, wurde lange unterschätzt.

Ein extremer Anstieg des Meeresspiegels, Waldbrände, Dürren: Der Zeitpunkt, an dem die Folgen des Klimawandels nicht mehr aufzuhalten sind, könnte schneller erreicht werden, als bisher angenommen. Davor warnen sieben führende Klimaforscher in einem Kommentar im Fachblatt Nature, unter ihnen Hans Joachim Schellnhuber, Johann Rockström, Owen Gaffney und Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung.

Die Wissenschaftler sehen neun Punkte, an denen das System Erde aus der Balance zu geraten droht. Diese "Kipppunkte" seien bedrohlich nahe. Ein Grund dafür sei der menschliche Druck auf die Umwelt, so Johann Rockström. "Wir müssen aber auch zugeben, dass wir das Risiko, dass der Planet selbst ab einem bestimmten Punkt die globale Erwärmung unumkehrbar vorantreibt, unterschätzt haben." Kippen Ökosysteme, so können sie kaum noch gerettet werden - selbst wenn die Menschheit schlagartig emissionsfrei leben würde. Besonders gefährdet sind neun Kipppunkte:

  • Das Meereis der Arktis schmilzt rasant.
  • Der Eissschild in Grönland geht zurück.
  • Waldbrände und Schädlingsbefall in den Nadelwäldern der nördlichen Breitengrade, den sogenannten borealen Wäldern, nehmen zu.
  • Permafrostböden tauen auf.
  • Die Atlantische Umwälzzirkulation schwächt sich ab.
  • Die Fläche des Amazonasregenwaldes schrumpft schnell.
  • Warmwasser-Korallen sterben ab.
  • Der Eisschild der Westantarktis verschwindet.
  • Die Eisschmelze in der östlichen Antarktis beschleunigt sich.

Einige dieser Kipppunkte könnten sogar bereits überschritten sein. Der Eisschild der Westantarktis schrumpft möglicherweise bereits unaufhaltsam, Teilen der östlichen Antarktis droht ein ähnliches Schicksal. Auch auf der Nordhalbkugel gehen die Eisflächen dramatisch zurück. Sollte diese Entwicklung nicht gestoppt werden, könnte der Meeresspiegel in den nächsten Jahrtausenden um bis zu zehn Meter steigen.

Ab einem bestimmten Punkt könnte niemand mehr die Folgen des Klimawandels aufhalten

Grund für diese apokalyptisch anmutenden Entwicklungen seien global steigende Temperaturen. Schon vor zwei Jahrzehnten hatte der Weltklimarat Kipppunkte definiert, die, wenn sie überschritten wären, unumkehrbare Folgen für das globale Gleichgewicht hätten und eine Kettenreaktion auslösen könnten. Man ging davon aus, dass dafür eine globale Erwärmung um fünf Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter notwendig wäre. Seit 2001 senkt der Weltklimarat von Bericht zu Bericht die Temperatur, ab der zu befürchten ist, dass die folgen des Klimawandels nicht mehr aufzuhalten sind. Nun warnen die Klimaforscher in Nature, dass Kipppunkte wie das Schmelzen der Polkappen, tauende Permafrostböden und zerstörte Wälder im Amazonasgebiet sowie in polaren Breiten nur aufzuhalten seien, wenn die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit beschränkt bliebe. Angesichts der bisherigen Pläne zum Klimaschutz ist das illusorisch. Selbst wenn sich alle Regierungen an ihre selbstauferlegten Klimaschutzpläne halten, und das halten die Klimaforscher längst nicht für gesichert, würde sich die Erde um mindestens drei Grad Celsius erwärmen - mit womöglich dramatischen Folgen.

Die Ökosysteme der Erde sind eng miteinander verflochten, Veränderung an einem Ende der Welt könnten auf der anderen Seite schwerwiegende Folgen haben. Wenn also nun einzelne Kipppunkte überschritten werden, könnte das nicht nur das Ende eines Ökosystems zur Folge haben, sondern auch eine Kettenreaktion auslösen, die andere gefährdete Systeme zum Kippen bringt. Anzeichen dafür, dass ein solcher Dominoeffekt bereits in Gang gesetzt wurde, gibt es bereits. Durch das schmelzende Eis der Arktis gelangt viel Süßwasser in den Nordatlantik, senkt lokal dessen Salzgehalt und kühlt diesen ab. Dadurch verlangsamt sich das System der Strömungen im Atlantik, unter Wissenschaftlern als Atlantic Meridional Overturning Circulation (AMOC) bekannt. Dieses Strömungssystem, zu dem auch der Golfstrom und der Nordatlantikstrom gehören, transportiert Wärme aus den amerikanischen Tropengebieten in den Norden und sorgt so für ein ausgeglichenes Klima. Seit den 1950er-Jahren hat sich die Strömung bereits um 15 Prozent verlangsamt.

Der Einfluss dieser Strömungen auf das Weltklima ist so komplex, dass sich nicht genau sagen lässt, wo das überall Konsequenzen haben wird. Sicher ist jedoch, dass es Folgen hat, auch in ganz anderen Teilen der Erde. Wissenschaftler beobachten etwa immer häufiger Dürrephasen im Amazonasregenwald. Waldbrände häufen sich, riesige Waldflächen verschwinden unwiederbringlich. Regionen, die über Jahrtausende Kohlenstoffdioxid gespeichert haben, werden so zu CO2-Quellen - und heizen der Erde damit weiter ein.

Auch in der Arktis setzen sich Kettenreaktionen in Gang. Vorher von Sonnenlicht reflektierendem Eis bedecktes Meer nimmt nun die Energie der Sonne auf und speichert sie als Wärme. Je weiter die Temperaturen steigen, desto mehr Ökosysteme könnten gefährdet sein. Insekten töten Bäume in den borealen Nadelwäldern Nordamerikas ab, wo es ihnen zuvor noch zu kalt war. Permafrostböden könnten vollständig auftauen und riesige Mengen Methan in die Atmosphäre entlassen, ein Gas, das etwa 30 Mal so klimaschädlich ist wie CO2. Das zeigt: Wenn nur ein einziger Kipppunkt erreicht wird, könnte dieser alle anderen Kipppunkte mitreißen.

Deshalb warnen die Klimaforscher vor einer "Planetaren Notsituation". Selbst wenn einige Kipppunkte kaum noch aufzuhalten seien, so könne man die Kettenreaktion dennoch verlangsamen. Das ginge allerdings nur, wenn die Politik sofort aktiv würde. Das CO2-Budget der Menschheit, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, könnten bereits allein die Beiträge aus diesen Kettenreaktionen nahezu aufbrauchen. Die auftauenden Permafrostböden könnten etwa 100 Gigatonnen Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre bringen, absterbende Wälder in der Amazonasregion und in den nördlichen Breitengraden zusammen etwa 200 Gigatonnen. Zum Vergleich: Die menschlichen Emissionen betragen jährlich etwa 40 Gigatonnen CO2.

Natürlich lässt sich nicht, das müssen auch die Klimaforscher zugeben, hundertprozentig vorhersagen, wann welcher Kipppunkt erreicht ist und wie sich das auf andere Ökosysteme auswirken wird. Das globale Klimasystem ist dafür zu komplex. Dennoch seien sie der festen Überzeugung, dass die Menschheit angesichts der drohenden, unumkehrbaren Folgen sofort aktiv werden müsse, schreiben die Forscher. "Das Risiko einzugehen ist keine verantwortungsvolle Option."

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