Lebensmittel:Wenn der Eismann öfter klingelt

Düsseldorf 12.05.2021 Bofrost Tiefkühlkost Lieferdienst Lieferwagen Düsseldorf Nordrhein-Westfalen Deutschland *** Düss

Lieferwagen von Bofrost in Düsseldorf: Das Familienunternehmen hat binnen eines Jahres allein knapp 1,5 Tonnen Tiefkühlerbsen in Deutschland verkauft.

(Foto: Michael Gstettenbauer/imago images)

Kantinen dicht, Imbissbuden leer: 2020 war ein maues Jahr für Tiefkühlkost. Doch Lieferdienste wie Bofrost oder Eismann gewannen Tausende Kunden hinzu - ein unverhoffter Boom.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Die Kantine hat seit Monaten geschlossen, die Familie kommt dank Heimarbeit und Homeschooling zum Mittagstisch zusammen, der Supermarkt öffnet nur mit Maskenpflicht und Abstandsregeln: Die Corona-Pandemie hat Ernährungsrituale verändert. Davon profitiert auch ein Geschäft, das seine Blütezeit eigentlich längst hinter sich hatte: die Lieferung von Tiefkühlkost.

Beispielsweise berichtet die Firma Eismann, dass sie 2020 einen Umsatz von 324 Millionen Euro eingefahren hat. "Damit sind wir um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen", sagt Geschäftsführer Elmar Westermeyer. "Auch was die Profitabilität betrifft, war 2020 für uns ein gutes Jahr." Jahrelang war Eismann eher bemüht, den Bestand an Kunden zu halten. Die Firma aus Mettmann bei Düsseldorf zog sich aus mehreren Auslandsmärkten zurück. Doch nun zählt sie gut 820 000 Kunden in Deutschland. "Das sind etwa 70 000 mehr als vor der Corona-Krise", so Westermeyer.

Der Marktführer Bofrost meldet ebenfalls, dass er deutlich Kunden hinzugewonnen habe. Auch was den Umsatz betrifft, sei das Familienunternehmen aus Straelen am Niederrhein "mit einem signifikanten Wachstum aus dem Geschäftsjahr gegangen". Der Trend habe sich in den ersten Monaten 2021 fortgesetzt. Die endgültige Bilanz liegt noch nicht vor, da das Geschäftsjahr erst im Februar endet.

Lässt sich also festhalten, dass Tiefkühlprodukte Gewinner dieser Krise sind? Leistet die Pandemie Vorschub für mehr Wellschnittpommes, Aufbackbrötchen und Fertigpizza auf deutschen Tellern?

Eismann hat in der Krise einen neuen Inhaber gefunden

Das Deutsche Tiefkühlinstitut kommt zu ganz anderen Ergebnissen. 2020 habe jeder Mensch in Deutschland im Schnitt 44,8 Kilogramm Tiefkühlkost verzehrt, gut vier Prozent weniger als im Vorjahr. "Das ist ein in dieser Höhe noch nie da gewesener, dramatischer Rückgang", konstatiert der Verband. Der Grund: Kantinen und Mensen, Restaurants und Imbissbuden mussten wochenlang schließen - oder hatten viel weniger Gäste. Und in vielen Großküchen landet nun mal das ein oder andere Tiefkühlprodukt im Topf oder der Fritteuse.

Doch, das ist die gute Nachricht aus Sicht der Tiefkühlwirtschaft: Die Menschen haben tatsächlich mehr Rösti, Erbsen oder Lachsfilet aus den Tiefkühltruhen hiesiger Supermärkte gefischt. Das Tiefkühlinstitut meldet jedenfalls einen "Rekord-Absatz" im Einzelhandel. Und auch der alte Heimdienst erlebe eine "Renaissance", so der Verband.

Tiefkühlkosthersteller Frosta

Fangfrisch aus der Fabrik: Das Deutsche Tiefkühlinstitut meldet reißenden Absatz in Supermärkten und bei Heimdiensten.

(Foto: Carmen Jaspersen/picture alliance/dpa)

Tatsächlich blickt Eismann auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Die Firma entstand 1974 als Vertriebstochter eines Eiskremherstellers, der mehreren Milchgenossenschaften gehörte. Im Laufe der Jahre fuhren die - bis heute in aller Regel selbständigen - Handelsvertreter mehr und mehr Tiefkühlprodukte in regelmäßigen Touren von Haus zu Haus. Eismann expandierte bis nach Spanien und Großbritannien.

Allerdings ebbte das Wachstum ab, nachdem Supermärkte und Discounter seit der Jahrtausendwende immer mehr Tiefkühlkost ins Sortiment aufnahmen. Eismann geriet in verschiedene Hände: Erst gehörte das Unternehmen den Eiskonzernen Schöller und Nestlé, später Finanzinvestoren, zuletzt einer Treuhandholding. Anfang dieses Jahres habe nun die Firma Robus Capital Management Eismann "komplett übernommen", sagt Geschäftsführer Westermeyer.

Die Konkurrenz um Lebensmittel-Lieferungen erwacht

Ein finanzstarker Investor scheint gerade ganz praktisch, da die Konkurrenz der Lebensmittellieferdienste in der Corona-Krise zugenommen hat. Beispielsweise hat die Supermarktkette Rewe ihren Online-Umsatz 2020 in etwa verdoppelt. Die Edeka-Beteiligung Picnic fährt mittlerweile in 45 deutschen Städten Lebensmittel aus. Der Berliner Kochboxen-Anbieter Hellofresh zählte voriges Jahr gut 74 Millionen Bestellungen weltweit. Und das Jungunternehmen Gorillas verspricht in mehr und mehr Städten, Lebensmittel binnen zehn Minuten auszuliefern.

Eismann-Chef Westermeyer versucht trotzdem, cool zu bleiben. Sein Unternehmen liefere eine breite Auswahl mit lückenloser Tiefkühlkette bis nach Hause, wirbt der 44-Jährige, der einst als Trainee bei Eismann begann und selbst schon Tiefkühlkost durch die Gegend fuhr. "Wir haben auch in ländlichen Regionen eine Kundendichte, sodass wir dort wirtschaftlich arbeiten", erlaubt sich Westermeyer einen Seitenhieb auf manchen Wettbewerber. "Das ist ein großer Unterschied zu vielen Lieferdiensten in den Städten."

Freilich weiß auch der Eismann-Chef, dass die Sonderkonjunktur nicht ewig anhalten dürfte. "Ein Umsatzsprung wie 2020 wird sich wohl nicht wiederholen", konstatiert Westermeyer. Die durchschnittlichen Warenkörbe der Kunden dürften wieder kleiner werden. "Wir gehen aber auch in diesem Jahr von einem sehr positiven Ergebnis aus", kündigt der Ostwestfale an. Er hofft, dass er nicht allzu viele Kunden verlieren wird, die Eismann 2020 so wundersam hinzugewann. Immerhin: "Derzeit liegen unsere Umsätze etwa genauso hoch wie im Vorjahresmonat April", sagt Westermeyer - damals steckte Deutschland mitten im ersten Shutdown.

© SZ
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