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Migration und Geld:Bitcoin für die Verwandten daheim

El Salvador will Bitcoin zum Zahlungsmittel machen

Ein Mann hält eine nachgemachte Münze mit dem Bitcoin-Logo in den Händen. El Salvador will die Kryptowährung Bitcoin zu einem gesetzlichen Zahlungsmittel machen.

(Foto: Nicolas Armer/picture alliance/dpa)

El Salvadors Bitcoin-Fieber wirft die Frage auf: Können Kryptowährungen Migranten aus armen Ländern helfen, ihre Familien zu versorgen?

Von Jannis Brühl

In Nigerias Zentralbank müssen sie verzweifelt sein. 5 Naira - das ist die Währung des Landes - zahlt sie Bürgern, nur damit sie Überweisungen über offizielle Kanäle und in Dollar abwickeln. Grund für das Geldgeschenk ist, dass immer mehr Nigerianer aus dem Ausland ihren Verwandten zuhause Geld in Bitcoin oder anderen Kryptowährungen schicken. Neben dem schnellsten Weg zum eigenen Lamborghini und der Abschaffung aller Banken ist dies ein weiteres Versprechen der Krypto-Verfechter: dass arme Menschen ohne Bankkonto einfach Geld um die Welt senden können.

Viele Migranten aus armen Ländern schuften im reichen Westen auch für ihre Familien daheim. Die Zahlungsströme der Auswanderer stützen viele Volkswirtschaften. Auf der Südseeinsel Tonga, im Libanon oder Haiti machen sie mehr als 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Das gilt auch für El Salvador, dessen Präsident nun den Bitcoin zum offiziellen Zahlungsmittel gemacht hat. Viele Salvadorianer arbeiten in den USA.

Im Englischen hat sich für die Zahlungen das Wort "remittances" eingebürgert, im Deutschen kommt "Heimatüberweisungen" ihm am nächsten. Covid-19 konnte den weltweiten Heimatüberweisungen kaum etwas anhaben. Am Ende waren es laut Weltbank 540 Milliarden Dollar, nur 1,6 Prozent unter Vorjahr. Hinzu kommt eine nicht zu messende Summe "grauer" Überweisungen, vom Geldbündel im Handgepäck bis zum sprichwörtlichen Geldkoffer.

Krypto-Start-ups werben explizit um Migranten

Weil nicht jedes Land ein weitverzweigtes Bankensystem hat und viele Menschen in armen Staaten ohne Konto leben, hat die Krypto-Bewegung sich zur Heilsbringerin der mehr als eine Milliarde Menschen gemacht, die nicht an das formelle Finanzsystem angeschlossen sind. Als Rettung jener "Unbanked", wie die finanziellen Außenseiter auf Englisch heißen, bewarb Facebook-Chef Mark Zuckerberg sein Krypto-Zahlungssystem Libra (das mittlerweile in Diem heißt) 2019 vor dem US-Kongress. Krypto-Startups werben explizit um Migranten. Bitso aus Mexiko bietet zusammen mit dem Krypto-Netzwerk Ripple einen Remittance-Dienst an. 2020 war das Bitso eigenen Angaben zufolge für 2,5 Prozent aller Heimatüberweisungen von den USA nach Mexiko verantwortlich.

Über neue Möglichkeiten, Geld an ärmere Menschen zu bringen, denkt man auch in Kenia nach, wo sich das digitale Zahlsystem M-Pesa, über das sich ohne Bankkonto von Handy zu Handy Geld überweisen lässt, längst im Alltag etabliert hat. Bitpesa heißt M-Pesas Konkurrenz, die Zahlungen in und nach Afrika mit Kryptowährungen abwickeln will.

Mit Kryptowährungen lassen sich auch Kapitalverkehrskontrollen umgehen, wie sie Argentinien oder Venezuela in Finanzkrisen eingerichtet haben. Allerdings müssen die Krypto-Fans noch erklären, wo der Vorteil zu sogenannten Closed-Loop-Systemen wie Western Union oder Moneygram liegen soll, über die Migranten heute ohne traditionelle Banken Geld schicken. Auch bei Kryptobörsen fallen ja Gebühren an, und Unternehmen wie Western Union sind immerhin staatlicher Regulierung unterworfen. Allerdings könnte etwas Krypto-Konkurrenz Druck auf ihre Gebühren ausüben. Das große Risiko vieler Kryptowährungen wäre damit aber auch nicht verschwunden: Ihr Wert kann in kürzester Zeit nach einer Heimatüberweisung ins Bodenlose abstürzen.

© SZ
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