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Bieten um Alstom:Kampfansage in Paris

General Electric Chairman and CEO Immelt  leaves the Elysee Palace in Paris

Bis zuletzt war GE-Boss Jeffrey Immelt siegesgewiss, dann schmiss er seine Termine um und eilte nach Paris.

(Foto: Philippe Wojazer/Reuters)

General Electric bessert sein Angebot nach. Es ähnelt dem der Konkurrenten von Siemens und Mitsubishi. Statt einer kompletten Übernahme von Teilen des französischen Industriekonzerns Alstom setzen die Amerikaner auf die Zauberformel "Allianz statt Aufkauf".

Von Christoph Giesen und Leo Klimm, Paris

Jeffrey Immelt, der Mann an der Spitze von General Electric (GE), könnte sich allmählich ein Apartment in Paris nehmen. Am Donnerstag war er zum dritten Mal binnen weniger Wochen in der Stadt, um im Bieterkampf um den französischen Industriekonzern Alstom für sein Unternehmen zu werben. Am Abend sitzt er im alten Telegrafenhauptamt, der Zentrale von GE France. Ein Lichtstrahl lässt sein graues Haar und die Krawatte leuchten. Immelt sagt: "Hätte ich gewusst, was mich erwartet, hätte ich vor 35 Jahren an der Uni weiter Französisch gelernt." Denn es ist ein unerwartet harter Kampf, den dieser Amerikaner in Paris um Alstom ausfechten muss: Nachdem Erzrivale Siemens Anfang der Woche gemeinsam mit Mitsubishi Heavy Industries (MHI) ein Gegengebot abgegeben hat, sah sich der GE-Boss gezwungen, seinen Terminkalender umzuwerfen, erneut nach Paris zu eilen und dort eine inhaltlich deutlich nachgebesserte Offerte für Alstom abzugeben.

Immelts Gegenoffensive zielt vor allem darauf ab, sich das Wohlwollen der französischen Regierung zu sichern. Zwar könnte eine Kommission des Alstom-Verwaltungsrats sich schon am heutigen Freitag für GE entscheiden. Doch Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg könnte das Geschäft mithilfe eines eigens erlassenen Dekrets blockieren. Immelt will die Gefahr eines Vetos so gering wie möglich halten und bietet Zugeständnisse an, die von der Regierung als politischer Erfolg ihrer Einmischungsstrategie gefeiert werden können.

Immels Plan: Allianz statt Aufkauf

Die neue Offerte ist ähnlich gestrickt wie das Gebot von Siemens und Mitsubishi - Immelt hat gelernt: Er muss den Franzosen das Geschäft als Allianz verkaufen, statt als kruden Aufkauf. Statt einer Komplettübernahme aller Alstom-Energieaktivitäten für 12,35 Milliarden Euro hat GE ein vielschichtiges Angebot entwickelt, um damit sämtliche Bedenken der französischen Politik auszuräumen. GE bessert sowohl in der Transportsparte als auch im Energiegeschäft nach, und unterbreitet zudem einen Vorschlag, wie die Energiesicherheit in Frankreich gewährleistet werden kann.

Immelt schlägt den Franzosen vor, zwei Gemeinschaftsunternehmen zu gründen. Im Stromleitungsbau sollen Alstom und GE künftig beide 50 Prozent halten. GE ist zudem dazu bereit, seine eigene Netzsparte in das Joint Venture einzubringen. Ein zweites Gemeinschaftsunternehmen ist bei Erneuerbaren Energien geplant. Das Wind- und Wasserkraftgeschäft der Franzosen soll künftig gemeinschaftlich verwaltet werden. Der Regierung kommt GE bei der Wartung der französischen Atomkraftwerke entgegen. Die Nuklearsparte und das französische Dampfturbinengeschäft von Alstom sollen zusammengeführt werden, beide Seiten sollen zu gleichen Teilen beteiligt sein. Der französische Staat soll zudem mit einer Goldenen Aktie ausgestattet werden, um notfalls bei Fragen der Energiesicherheit, ein Veto einlegen zu können. Die Patente an Alstoms Nuklearturbinen sollen an den Staat fallen.

Und dann beabsichtigt GE noch, die eigene Signaltechniksparte an Alstom abzutreten. Allerdings ist das Geschäft der Amerikaner mit einem Umsatz von etwa 600 Millionen Euro deutlich kleiner als die entsprechende Einheit aus Deutschland. Siemens-Chef Joe Kaeser lockt damit, die gesamte Bahnsparte des Münchner Konzerns mit der von Alstom zu vereinigen, falls die Franzosen das deutsch-japanische Angebot annehmen.

Die Siemens-Mitsubishi-Allianz schlug ein ähnlich kompliziertes Konstrukt vor. Demnach würde Siemens das Gasturbinengeschäft von Alstom übernehmen. Die Japaner wollen sich mit bis zu zehn Prozent direkt an Alstom beteiligen und den Franzosen darüber hinaus drei Gemeinschaftsfirmen im Energiegeschäft anbieten. In diesem Szenario behielte Alstom die Oberhand über die Nuklearaktivitäten.

Die amerikanische Gegenofferte - mit heißer Nadel gestrickt

Verglichen mit dem Plan, den Kaeser und MHI-Chef Shunichi Miyanaga am Dienstag vorgestellt haben, ist die neue GE-Offerte eine Kampfansage. Ist sie es aber auch finanziell? Kaeser rechnete in Paris vor, dass das deutsch-japanische Gebot etwa 1,9 Milliarden Euro über der Erstofferte von GE läge, wenn man die bei Alstom verbleibenden Einheiten einpreist.

Das neue GE-Angebot hat seine Schwächen: Die Amerikaner bewerten das Energiegeschäft von Alstom weiter mit 12,35 Milliarden Euro und damit deutlich niedriger als das deutsch-japanische Konsortium. Durch die Gemeinschaftsunternehmen sinkt außerdem die Barkomponente für die Alstom-Aktionäre. Immelt kann aber auf Nachfrage nicht erklären, wie hoch sie eigentlich ist. "Das wird alles gerade noch berechnet", sagt er. Es wird klar: Die amerikanische Gegenofferte ist mit heißer Nadel gestrickt.

"Am Ende müssen die Aktionäre entscheiden, ungeachtet der Tatsache, dass zuletzt ein gegenteiliger Eindruck entstanden sein mag", polterte Alstom-Chef Patrick Kron bei einer Investorenkonferenz. Kron macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen Siemens. Den Vorschlag, die margenschwache Bahnsparte des Konkurrenten mit Alstom zu fusionieren, hält er für ein minderwertiges Geschenk: "Die dürfen ruhig weiterträumen", maulte er.

Immelt reagiert gelassener als sein französischer Geschäftspartner. Als er gerade fertig ist mit seinem Auftritt vor der Presse, geht die Leuchte über seinem Kopf aus. Das ist ebenso wenig kalkuliert wie es der Bieterkampf selbst war. Immelt scherzt: "Das sind keine GE-Lampen!" In seiner Zeit als Konzernchef habe er sich zwei Dinge angeeignet: Geduld - und Humor.

© SZ vom 20.06.2014/dgr
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