Raumfahrt:Für Deutschland kann das Verharren in biederer Haltung zum Problem werden

Aus wirtschaftlicher Perspektive mögen derlei Erkenntnisse eher teurer Beifang sein, aber auch ein Nutzen in zweiter oder dritter Ableitung kann am Ende etwas bringen.

Hinzu kommt, und das ist ein weiteres Argument für die bemannte Raumfahrt: Sie ist ein Anziehungspunkt. Sie macht ein Land, sie macht Technologie und Wissenschaft für junge Wissenschaftler und Techniker aller Art attraktiv, weil Know-how - weit mehr als etwa beim nackten Satellitengeschäft - mit Abenteuer und Prestige verknüpft wird. Der "Stunt", von dem Kennedy etwas besorgt sprach, er hat seine eigene Gravitationskraft, sodass, um noch mal den früheren US-Präsidenten zu zitieren: "das Beste aus unseren Energien und Fähigkeiten" organisiert werden kann. Die Rekordzahl von 18 300 Personen, die sich zuletzt für maximal 14 Plätze in der Astronauten-Klasse bewarb, zeugt davon.

Auch ein Unternehmen wie Space-X von Elon Musk gibt es nur, weil er Menschen auf den Mars bringen will. Musk macht sich gar nicht erst die Mühe, wissenschaftliche Gründe für sein Vorhaben geltend zu machen: Er will derjenige sein, der die Menschen zu einer multiplanetaren Spezies macht. Space-X ist Stunt pur - und hat doch ein Beben in der Industrie ausgelöst. Denn um sein Vorhaben bezahlen zu können, hat Musk Raketen wiederverwendbar gemacht, indem die Antriebsmodule autonom wieder zur Erde zurückkehren.

Das ist nicht nur eine technische Meisterleistung, die Aussicht auf - vielleicht - günstigere Flüge ermuntert Unternehmen wie Politiker, neu über den Weltraum zu denken: US-Präsident Donald Trump richtete den Fokus der Nasa zuletzt wieder stärker auf die bemannte Raumfahrt aus, nachdem sein Vorgänger Barack Obama die Programme zurückgestutzt hatte. Die ESA plant ein Moon-Village, eine bemannte Station auf dem Mond, die sich als kluger nächster Schritt von der ISS weg hin zu den Tiefen des Alls erweisen könnte. Selbst der ehrwürdige Bundesverband der Deutschen Industrie veranstaltete kürzlich seinen ersten Raumfahrtkongress, weil er nun auch viele Chancen wittert.

Fragt man Vertreter von Space-X nach dem Sinn bemannter Raumfahrt, dann gibt es Antworten, die vermutlich selbst einem Kennedy zu kühn gewesen wären: "Wir sollten einen zweiten Planeten als Back-up haben." Sie wissen in Kalifornien, dass sich solche Argumente für Deutsche bizarr anhören. Aber das stört dort keinen - in der Geschichte der Raumfahrt fand ständig irgendjemand etwas bizarr.

Doch für Deutschland kann das Verharren in biederer Haltung zum Problem werden. Wenn die Bundesrepublik in der ersten Liga der Raumfahrt mitspielen will, muss sie mutiger denken. Schon weil Länder wie China und Indien das ganz gewiss tun werden. 2017 standen für die Raumfahrt Budgets von etwa 75 Milliarden Dollar zur Verfügung. Deutschland und Europa stellten umgerechnet neun Milliarden Dollar zur Verfügung. Pro Kopf geben die Amerikaner 147 Dollar für die Raumfahrt aus, die Franzosen 21 und die Deutschen acht. Im Vergleich zu anderen Staaten wirkt Deutschland abgeschlagen.

Dabei wäre mehr Geld für die Raumfahrt gut angelegt. Bemannte Raumfahrt ist nie nur Neugier, sondern heißt längst: lernen, wie große Aufgaben in internationaler Zusammenarbeit gelöst werden können. Sie heißt auch: das scheinbar Unmögliche denken - ganz so, wie es der deutsche Raketenforscher Robert Schmucker gerne formuliert: "Ich weiß, was alles nicht geht. Aber dann kommt jemand, der nicht weiß, dass es nicht geht, macht es, und dann geht's."

© SZ vom 02.11.2019
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