Baustoffe:Eine Datenbank, die das Bauen revolutionieren könnte

Bagger beim Abriss eines Hauses Deutschland Bayern Excavator demolishing a house Germany Bavaria

Wenn die Bagger kommen: Auch mit dem Abbruchunternehmen lässt sich besser verhandeln, wenn klar ist, was alles in einem Haus verbaut wurde.

(Foto: imago/blickwinkel/allOver/TPH)

In vielen Gebäuden steckt auch recycelbares Material. Aber was genau und in welchen Mengen verarbeitet wurde, weiß bisher niemand. Das könnte sich bald ändern.

Von Christine Mattauch

Endlose Materialketten, Gebäude, die immer wieder auseinandergenommen und neu zusammengesetzt werden. Abfall gibt es kaum mehr. Ist das die Zukunft des Bauens? Zumindest ist es die Vision von Thomas Rau. "Sie kann schneller Wirklichkeit werden, als ich ursprünglich selbst geglaubt habe", sagt der Architekt. Vor vier Jahren hat der Deutsche, der in den Niederlanden lebt, Madaster gegründet. Eine Online-Datenbank, die für den Hochbau ähnlich relevante Informationen liefern soll, wie es Kataster für Liegenschaften tun.

Während es bei Grundstücken um Lage, Größe und Eigentümer geht, soll Madaster speichern, wie viel Tonnen Stahl und welches Holz in Gebäuden verbaut sind. Wo das Material herkommt, was es wert ist und wie gut es recycelt werden kann. Saubere Buchführung als Voraussetzung für nachhaltiges Bauen. Das Ziel: Kreislaufwirtschaft, oder, wie es der 61-Jährige ausdrückt: "Systemveränderung, weg vom linearen Denken."

Experten wie Lamia Messari-Becker, Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen, fordern seit einiger Zeit, dass Rohstoffe in Gebäuden besser dokumentiert werden. So wie viele Wohngebäude heute einen Energieausweis besitzen, sei auch ein Ressourcenpass sinnvoll, der zeigt, was im Gebäude steckt und welche Emissionen dadurch entstehen. "Das Wichtigste dabei ist Sichtbarmachen und Sensibilisieren", sagt Messari-Becker, "es geht weder um Verbote noch um Verzicht." Ähnlich sieht das Madaster-Initiator Rau. "Wir sagen nicht, das ist ein gutes oder schlechtes Material. Der Kunde muss selbst entscheiden."

Auch in Deutschland steht ein Ableger vor dem Start

Bislang seien rund zehn Millionen Quadratmeter auf Madaster registriert, vor allem in den Niederlanden, sagt der Architekt. Einige Tausend Gebäude also, aber nicht schlecht für den Anfang. Das Projekt hat Fans wie den niederländischen Entwickler BDP, der 2020 ankündigte, tausend Neubauwohnungen auf der Plattform zu registrieren.

Jetzt baut Rau das Modell international aus: Bis zum Jahresende soll es sieben Ländergesellschaften geben, zum Beispiel in Norwegen, der Schweiz und Belgien. Beauftragt und überwacht von einer gemeinnützigen Stiftung, in deren Aufsichtsrat Fachleute sitzen wie Marzia Traverso, die an der RWTH Aachen das Institut für Nachhaltigkeit im Bauwesen leitet. Den Aufbau der Datenbank unterstützte die Europäische Union mit rund 2,5 Millionen Euro aus dem Forschungsprogramm Horizont.

Auch in Deutschland steht ein Ableger vor dem Start. Geschäftsführer Patrick Bergmann, der zuvor bei der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) in der Immobilienbewertung tätig war, will innerhalb von drei Jahren mindestens 10 000 Gebäude auf die Plattform holen: "Die Datenbasis muss in die Breite gehen." Nur dann lassen sich belastbare Aussagen nicht nur für Einzelobjekte treffen, sondern auch für Gebäudetypen.

Das ist wichtig, weil sich Angaben für Neubauten zwar vergleichsweise einfach digital in die Datenbank einspeisen lassen. Bei Altbauten jedoch ist oft schlecht dokumentiert, was im Laufe der Jahre und Jahrzehnte verbaut wurde. Materialanalysen sind aufwendig und nicht immer möglich. Ersatzweise wird mit Schätzungen gearbeitet.

Der Materialpass soll auch angeben, wie viel die Rohstoffe wert sind

In der Praxis sieht das so aus: Planer oder Bauherren registrieren Gebäudedaten auf der Plattform: Welches Material verbaut wurde und wie viel davon, auch unterschiedliche Legierungen können eine Rolle spielen. Produkthersteller komplettieren die Angaben, etwa zu Fenstern oder Bädern. Die Plattform generiert daraus einen Materialpass, der auch angibt, wie viel die Rohstoffe wert sind. Einblick ins Gebäudeprofil hat nur der Eigentümer, Produkt- und Metadaten jedoch sollen auch anderen zugänglich sein.

Madaster ist nicht das einzige Unternehmen, das sich dem Thema widmet. So gründete die Online-Bauteilbörse Restado vor zwei Jahren das Start-up Concular, das eine Software zur Bestandserfassung und die Erstellung von Materialpässen anbietet. Madaster unterscheidet sich nicht zuletzt durch den Anspruch, Daten für die ganze Branche zu generieren und fortzuschreiben.

Mehr als 20 besonders engagierte Unterstützer hat Bergmann bisher gewonnen. Sie heißen "Kennedys", eine Anspielung auf den amerikanischen Präsidenten und dessen Mondprogramm. Die Unterstützer sponsern den Aufbau der deutschen Madaster-Version jeweils mit einem fünfstelligen Betrag und arbeiten an ihrer Entwicklung mit. Die Beratung Drees & Sommer beispielsweise ist dabei, das Bauunternehmen Kondor Wessels, der Projektentwickler Interboden, aber auch Vermögensverwalter Commerz Real und der größte deutsche Wohnungskonzern Vonovia. Man begreift sich als Avantgarde, als Gemeinschaft der Gleichgesinnten. Das verspricht zumindest einen Imagegewinn.

Kaldewei beispielsweise, ein Hersteller von Badprodukten, will auf Madaster sämtliche Produktdaten einstellen, "bis zur Schwelle von Betriebsgeheimnissen", wie Geschäftsführer Roberto Martinez verspricht. Das erleichtert die Wiederverwertung von Wannen und Duschen, die bei Kaldewei traditionell aus Stahl und Emaille bestehen. "Das passt zu unserer Unternehmensphilosophie", sagt Martinez.

Die CO₂-Bilanz könnte bald wichtiger sein als die Frage, wie viel Energie ein Haus verbraucht

Die wichtigsten Verbündeten aber sind Investoren, die Immobilienbestände kaufen und halten. "Das Thema Kreislaufwirtschaft wird für uns immer wichtiger. Große Anleger fragen sich zunehmend, welchen ökologischen Fußabdruck ihr Portfolio hat", sagt Sarah Krüger, Sustainability-Managerin bei Commerz Real. "Madaster antizipiert Entwicklungen, die durch den Gesetzgeber auf die Branche zukommen können."

Krüger denkt dabei etwa an EU-Vorschriften zur Nachhaltigkeit, die demnächst stärker auf Materialverbrauch und klimaschädliche Emissionen über den ganzen Lebenszyklus von Immobilien abstellen könnten. Auch das deutsche Gebäudeenergiegesetz (GEG) dürfte sich künftig weniger daran orientieren, wie viel Energie ein Gebäude verbraucht, und mehr daran, wie seine CO₂-Bilanz insgesamt aussieht, inklusive Herstellung und Recycling von Baustoffen.

Auch wenn das Zukunftsmusik ist - ein Materialpass kann schon heute einige Vorteile haben, etwa den Verkaufspreis einer Immobilie heben, weil er dem Käufer Sicherheit vermittelt. Auch mit dem Abbruchunternehmer lässt sich besser verhandeln, wenn klar ist, welche Werte im Gebäude stecken. Rau berichtet von einer Montagehalle am niederländischen Flughafen Schiphol, deren Abriss dem Eigentümer nach Materialanalyse einen Erlös gebracht habe; im Fall eines Hotels hätten die Rückbaukosten um mehrere Hunderttausend Euro reduziert werden können.

Aber auch die Abbruchunternehmer erhoffen sich Vorteile durch Transparenz: Der Deutsche Abbruchverband hält Madaster für "hilfreich für die Gewinnung von recyclingfähigen Baustoffen". Vor allem eine "Vorab-Ausschleusung von Schadstoffen" sei für die Branche interessant.

Für Immobilienunternehmen gibt es noch einen anderen Vorteil. Gebäude werden heute meist planmäßig über 25 bis 50 Jahre komplett abgeschrieben. Werden sie aber künftig als Rohstofflager angesehen, kann es sich lohnen, Erträge aus Materialverkauf und Recycling bilanziell zu berücksichtigen - eine Abschreibung auf null gäbe es dann nicht mehr. Das würde die Ergebnisrechnung vieler Unternehmen auf einen Schlag verbessern.

Was sich für Laien nach einem Trick anhören mag, ist aus Expertensicht sogar geboten: "Wenn es sich um wesentliche Werte handelt, müssen sie im Rahmen einer korrekten Rechnungslegung berücksichtigt werden", sagt Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Düsseldorf. "Sich schlechter zu rechnen ist keine Option." Schon heute werden etwa in der Schifffahrt Container wegen ihres hohen Materialwerts nicht auf null, sondern nur bis zu ihrem Schrotterlös abgeschrieben. Warum sollte das mit Stahlträgern und Holzkonstruktionen nicht möglich sein?

Am meisten dürften davon Gebäude profitieren, die von vornherein nach dem Kreislaufprinzip geplant und gebaut werden, mit schadstofffreien Materialien und einfach zu demontierenden Bauteilen. Rau findet das nur gerecht: "Die Dinge ändern sich am schnellsten, wenn es einen finanziellen Anreiz gibt."

© SZ/jerb
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