Autoversicherung:Wer vorsichtig fährt, zahlt weniger

Autoversicherung: Telematik-Tarife sind häufig günstiger.

Telematik-Tarife sind häufig günstiger.

(Foto: Wolfgang Maria Weber/IMAGO)

Mit Telematik-Tarifen können Autofahrer bei ihrer Versicherung viel Geld sparen. Allerdings müssen sie dann ihren Fahrstil überwachen lassen. Für wen sich das lohnt.

Von Christian Bellmann und Patrick Hagen, Köln

Die Autoversicherer haben massive Preiserhöhungen angekündigt, in diesen Tagen erhalten die Fahrer die Briefe mit den neuen Preisen. Doch es gibt einige Möglichkeiten, zu sparen. Oft hilft beispielsweise schon ein Anruf beim Versicherer mit der Drohung, den Anbieter zu wechseln. Und wer sich tatsächlich einen neuen Anbieter sucht, der kann mit einer geringeren Erhöhung rechnen.

Eine andere Möglichkeit, bei der Autoversicherung zu sparen, sind sogenannte Telematik-Tarife. Hier gewähren die Kunden der Versicherung Zugriff auf ihre Fahrdaten. Das passiert in der Regel über eine Smartphone-App oder über einen kleinen Chip, der in die Windschutzscheibe geklebt wird. Gemessen wird dann, wie oft man stark beschleunigt oder scharf bremst, wie schnell man in Kurven fährt oder ob man sich an Tempolimits hält. Auch ob man nachts viel fährt oder vor allem auf Landstraßen, auf Autobahnen oder in Städten unterwegs ist, hat einen Einfluss auf die Bewertung.

Bei der HUK-Coburg erhalten die Telematik-Kunden im Schnitt einen Rabatt von 83 Euro im Jahr. "Bei jedem Fünften sind es sogar 120 Euro", berichtet Michael Müller, Abteilungsleiter für die Kfz-Versicherung. Die Versicherten der HUK können so 30 Prozent auf ihre Prämie sparen. Diesen Rabatt gibt es auch bei den meisten anderen Gesellschaften, die Telematik anbieten. "Verlieren kann der Verbraucher dabei nicht", sagt Müller. Denn im schlimmsten Fall fällt er auf die ursprüngliche Prämie zurück - einen "negativen Bonuswert" gibt es nicht.

Das lohnt sich vor allem für junge Fahrer, die bei den Versicherern als besonders unfallgefährdet gelten und deshalb deutlich höhere Prämien zahlen müssen als 40- oder 50-Jährige. Ursprünglich waren die meisten Telematik-Tarife sogar auf junge Leute beschränkt. Inzwischen haben viele Anbieter ihre Tarife für alle Altersgruppen geöffnet. Die meisten Telematik-Versicherten sind aber immer noch junge, technikaffine Autofahrer, berichtet Müller. "Die Verträge lohnen sich besonders für Kunden mit einem hohen Grundbeitrag."

Wer einen Telematik-Tarif abschließen möchte, braucht ein Smartphone und die dazugehörige App seines Versicherers. Dazu kommt ein zweites Element. Bei der HUK ist das der Sensor in der Windschutzscheibe. Bei anderen Anbietern gibt es die Möglichkeit, das Smartphone mit der Bluetooth-Verbindung des Autos zu koppeln oder es mit einem Stecker im Zigarettenanzünder zu verbinden. Damit wollen die Anbieter sicherstellen, dass sich der Fahrer tatsächlich in seinem Fahrzeug befindet.

Angst vor Überwachung

Eine Hürde für die Verträge ist die Angst vieler Kunden vor der Überwachung durch die Technik. "Das ist unbegründet", sagt Müller. Die Daten werden bei einer separaten Tochtergesellschaft pseudonymisiert gespeichert und nur einmal im Jahr zur Abrechnung dem Realnamen des Kunden zugewiesen. "Es passiert nicht, dass die Daten den Kunden im Schadenfall negativ ausgelegt werden", betont er.

Anders könnte es bei polizeilichen Ermittlungen aussehen. Die Bewegungsprofile, die automatisch mit Telematik-Tarifen erstellt werden, könnten Begehrlichkeiten bei Behörden wecken. "Wir geben Daten nur nach richterlichem Beschluss heraus", sagt Müller. Bislang sei das aber nur bei "einer Handvoll Fälle" vorgekommen.

Die Verbraucherschützer vom Bund der Versicherten sind von den Telematik-Tarifen nicht überzeugt. "Viele der angebotenen Tarife sind intransparent und auch im Hinblick auf den Datenschutz zumindest mit Vorsicht zu genießen", sagt Julia Böhne. Oft sei nicht eindeutig nachvollziehbar, wie und in welchem Umfang sich ein konkretes Fahrverhalten auf die Prämie auswirkt. Zudem berücksichtigten die Anbieter unterschiedliche Kriterien. "Ob die Einstufung ihres Fahrverhaltens durch die Versicherungsgesellschaft - und damit die Höhe der zu zahlenden Prämie - korrekt ist, können sie aufgrund der bestehenden Intransparenz nicht nachvollziehen", moniert sie.

Bei allen Bemühungen, in der Kfz-Versicherung möglichst viel Geld zu sparen, sollten Verbraucher nach Ansicht von Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg eines nicht vergessen: "Die Leistungen, die ein Tarif bietet, sind das entscheidende Kriterium, und nicht der Preis", sagt er. "Man sollte nie einen günstigen, aber leistungsschwachen Tarif einem leistungsstärkeren Tarif vorziehen." Das gelte auch für einen Telematik-Tarif.

Zwar will Grieble nicht pauschal von den Verträgen abraten - wenn die Telematik eine defensive Fahrweise begünstigt und somit die Verkehrssicherheit verbessert, sei das grundsätzlich zu begrüßen, findet er. Verbraucher sollten allerdings nicht mit überzogenen Hoffnungen einen Telematik-Tarif abschließen. "Um zu beurteilen, ob ein solcher Tarif infrage kommt, sollte man versuchen einzuschätzen, welche Ersparnis mit der eigenen Fahrweise überhaupt realistisch ist", sagt er. Zudem dürfe ein hochpreisiger Versicherer, der einen Telematik-Tarif anbietet, selbst bei maximaler Ersparnis vermutlich immer noch teurer sein als reguläre Tarife bei günstigeren Anbietern.

Der Hype ist vorbei

Längst nicht alle Gesellschaften bieten Telematik-Policen an. Als vor rund zehn Jahren in der Sparte ein regelrechter Telematik-Hype ausbrach, brachten etliche Anbieter entsprechende Tarife auf den Markt. Viele haben das Angebot wieder eingestellt. Die Sparkassen-Versicherung, die 2013 der erste Anbieter in Deutschland war, hat sich bereits 2015 wieder davon verabschiedet. HDI, Württembergische und Signal Iduna bieten ebenfalls keinen Telematik-Tarif mehr an, und auch die Axa hat ein entsprechendes Testprojekt nicht verlängert.

Die Generali, zu der auch der Direktversicherer Cosmos Direkt sowie die inzwischen eingestampfte Traditionsmarke Aachen Münchener gehört, hat Mitte 2022 den Schlussstrich gezogen und bietet Telematik nur noch als Option für junge Fahrer an. Die DEVK in Köln stand der jahrelang skeptisch gegenüber, brachte aber 2021 einen eigenen Tarif auf den Markt. Vor wenigen Wochen stellte sie das Angebot wieder ein. Der Versicherer begründet den Schritt mit einer zu geringen Nachfrage, einem hohen Aufwand für den technischen Support sowie einer ungünstigen Entwicklung der Schäden und Kosten.

"Insgesamt stagniert das Angebot oder ist sogar rückläufig", sagt Stefan Schmuttermair, Autoexperte beim Rückversicherer E+S Rück, der einen guten Überblick über den gesamten Markt hat. Schmuttermair schätzt, dass bislang nur etwa zwei Prozent der rund 49 Millionen zugelassenen Pkws in Deutschland über einen Telematik-Vertrag abgesichert sind. Dennoch glaubt er an die Zukunft der Verträge - angesichts der erwarteten Preissteigerungen dürften sie attraktiver werden.

Zu den verbliebenen Anbietern von Telematik-Policen zählen neben HUK-Coburg und Allianz auch die ADAC-Autoversicherung, hinter der ebenfalls die Allianz steht, sowie Ergo, VHV und LVM. Sie sind nach eigenen Angaben mit dem Geschäft zufrieden. HUK und Allianz haben inzwischen jeweils mehr als eine halbe Million solcher Verträge. "Jede zehnte neu abgeschlossene Kfz-Versicherung ist ein Telematik-Vertrag", berichtet HUK-Experte Müller. Er rechnet damit, dass die Telematik-Tarife in der aktuellen Preiserhöhungsrunde mehr Zulauf bekommen könnten.

Ähnlich äußert sich eine Sprecherin der Allianz. "Wir sehen jetzt während der Wechselsaison vermehrtes Interesse sowohl von bestehenden Kunden als auch von Neukunden", sagt sie. Auch die Ergo berichtet von einer "spürbar erhöhten Nachfrage" nach ihrem Telematik-Tarif - und sieht einen eindeutigen Zusammenhang mit den steigenden Beiträgen in der Sparte.

Der Versicherer LVM aus Münster hat 2021 einen Telematik-Tarif auf den Markt gebracht. Die Zahl der Nutzer sei seitdem kontinuierlich gestiegen, sie ist mit rund 30 000 aber deutlich von HUK und Allianz entfernt. Die LVM bietet Telematik nur für Kunden bis 30 Jahren an. Auch die VHV ist mit dem Telematik-Geschäft zufrieden und will an dem Angebot festhalten.

Rückenwind könnten Telematik-Verträge auch durch ein neues Vorhaben auf europäischer Ebene bekommen - den EU Data Act, mit dem die EU die Rechte von Konsumenten an den von ihnen produzierten Daten stärken will. Wenn der Kunden zustimmt, kann er seine Daten mit dem Versicherer teilen. Darauf können Telematik-Tarife aufsetzen. Dann braucht der Fahrer keinerlei zusätzliche Hilfsmittel mehr.

Vielleicht kommt die Telematik in der deutschen Kfz-Versicherung dann so richtig in Fahrt, so wie es in Großbritannien und Italien schon der Fall ist. In diesen Ländern ist der Preisunterschied zwischen Telematik und Normaltarif deutlich höher als in Deutschland. Und wenn ein junger Autofahrer die Hälfte einer hohen Prämie einsparen kann, gewinnt die Telematik.

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