Mobilität:Das Auto soll nicht mehr im Mittelpunkt stehen

Sendlinger Straße in München, 2017

Die Sendlinger Straße in der Müncher Innenstadt ist - zunächst probeweise - zur Fußgängerzone umgestaltet worden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ökonomen und Automanager fordern ein Umdenken bei der Verkehrspolitik. Ihr Thesenpapier könnte von den Grünen stammen.

Von Max Hägler

Wie kann Verkehr besser funktionieren? Zum Wohle der Umwelt und ohne dass Menschen auf zu viel Annehmlichkeiten verzichten müssen? Die Debatte um das Fortbewegen könnte eine der spannendsten im Land sein, doch wird sie bislang vor allem von Einzelinteressen beherrscht: Hier die Industrie, die intensiv die sogenannte "individuelle Mobilität" bewirbt, was zumeist den möglichst starken Autoverkauf bedeutet. Dort Umweltverbände, die den Schwerpunkt oft vor allem auf das Fahrrad legen und die öffentlichen Verkehrsträger. Die übergeordnete Frage, wie das gut zusammengeht, wird hingegen noch sehr leise diskutiert, zumal bislang im Bundesverkehrsministerium.

Nun hat eine Runde von Ökonomen und (ehemaligen) Automanagern ein Papier vorgelegt, das versucht, alles zusammen zu denken. "Acht Maximen für eine bessere Mobilität", hat es die Runde genannt, der unter anderem Kirstin Hegner angehört, die das Digital Hub Mobility der TU München leitet. Dabei sind auch der ehemalige Seat-Chef Jürgen Stackmann, Hans-Peter Kleebinder und Andreas Herrmann von der Universität St. Gallen oder auch Johann Jungwirth, der einst VW-Vordenker war und mittlerweile bei der Intel-Tochterfirma Mobileye an Roboter-Shuttle-Diensten arbeitet.

"Im Mittelpunkt der neuen Mobilität", so schreiben die Autoren, stehe die Idee, "Menschen und Güter multimodal zu befördern: schnell, einfach, sicher, günstig, CO₂-neutral und ohne unnötige Umstiege". Der Mensch müsse stets alle Verkehrsträger im Blick haben, vom Fußweg über das Rad bis hin zum Auto oder Bus und Bahn. Zu leisten sei das vor allem über Apps - aber die müssten überregional angeboten werden anstatt wie bislang nur in einzelnen Städten.

In den letzten hundert Jahren hätten Autos im Mittelpunkt der Planung gestanden

In den Kommunen wiederum brauche es eine andere Stadtplanung, heißt es in dem Papier, das sich stellenweise wie das von Umweltverbänden liest: In den letzten hundert Jahren hätten Autos im Mittelpunkt der Planung gestanden. "Jetzt sollten endlich wieder die Menschen diesen Platz einnehmen." Auf diese Weise werde plötzlich vieles möglich: autofreie Zonen, schnelles Vorankommen, aber zugleich auch Sport, Erholung und Spiel, wo früher Straßen waren. So etwas könne auch in gewachsenen Städten funktionieren, schreiben die Autoren; explizit verweisen sie auf Paris und Kopenhagen.

Die kommende Bundesregierung müsse auch hierzulande solche Modellstädte finanzieren. Die Städte wiederum müssten den Rahmen ändern, etwa Parkflächen in den Zentren umwidmen zu Radwegen und verbleibende Parkflächen deutlich verteuern. "Nutzen, nicht besitzen", sei sowieso das Prinzip im Bezug auf Autos. Da aber niemand ausgeschlossen werden solle von Mobilität, müsste zugleich der öffentliche Verkehr deutlich billiger werden, und man müsse Carsharing und eine höhere Auslastung von Privatautos deutlich fördern. Derzeit säßen statistisch gesehen 1,5 Menschen in einem Auto. "Gelänge es, die Auslastung der Fahrzeuge auf zwei Personen zu erhöhen, könnte man rein rechnerisch auf über zehn Millionen Fahrzeuge in Deutschland verzichten."

Das klingt nach: Weniger Autos sind besser als mehr. Als Winfried Kretschmann das einst ausrief, der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, da legte ihm das halbe Land den Amtsverzicht nahe. Doch auch jetzt sind solche Visionen mitunter noch heikel. Dem Vernehmen nach haben noch mehr Autoren mitgeschrieben an dem Papier. Aber die hätten ihren Namen nicht hergeben wollen - weil sie Ärger fürchten.

© SZ
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