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Arbeitsmarkt:Realitätsverweigerung vor dem kommenden Abschwung

OECD: Viele Jobs in Deutschland von Automatisierung bedroht

Digitalisierung und Elektromobilität könnten vor allem in der Autoindustrie viele Jobs überflüssig machen.

(Foto: dpa)
  • Der Abschwung der Wirtschaft kündigt eine Strukturkrise an.
  • Die Parteien reden über die falschen Themen. Statt Grundrente und Hartz IV sollten Forschung und Weiterbildung auf der politischen Agenda stehen.
  • Wo hohe strukturelle Arbeitslosigkeit droht, müssen Staat, Wirtschaft und Gewerkschaften gemeinsam handeln.

Wirtschaftliche Abschwünge haben etwas Tückisches. Am Anfang ist nicht zu erkennen, ob eine ökonomische Talfahrt bald wieder vorbei sein wird oder ob sie Anzeichen für einen schwerwiegenden Umbruch ist, der eine Volkswirtschaft für Jahrzehnte beuteln wird. Derzeit gehen die Aktienkurse tendenziell nach unten, schon lange wird in Deutschland ein Abschwung erwartet. Bayer, BASF und die Deutsche Bank streichen massenweise Arbeitsplätze. Die Geschäftsergebnisse von BMW oder Mercedes schrumpfen bedrohlich, selbst scheinbar felsenfest stehende Autozulieferer wie Bosch, Continental oder Schaeffler geraten ins Trudeln. Vieles spricht dafür, dass die Anzeichen des Abschwungs weit mehr ankündigen als eine bald vergessene Phase schwachen Wachstums.

Die deutsche Wirtschaft, die zuletzt mit ihren Exporterfolgen anscheinend problemlos wuchs, die frühere Zeiten von zäher Arbeitslosigkeit abschüttelte und aussah wie ein Dauer-Erfolgsmodell, steht vor gravierenden Umbrüchen. Bewährte Geschäftsstrategien werden infrage gestellt. Schon lange waren Unternehmen, Aktionäre und Manager nicht mehr so verunsichert. Vor allem aber die Arbeitnehmer sollten sich schon mal warm anziehen. Trotz vieler Worte: Die Berliner Politiker und Parteien sind auf die bevorstehenden Technologieumbrüche in der größten Wirtschaftsnation Europas nicht eingestellt. Das werden vor allem die Arbeitnehmer zu spüren bekommen.

Die große Frage ist: Was passiert bei Autokonzernen und Zulieferern, wenn der Verbrennungsmotor durch einen elektrischen Antrieb ersetzt wird und wenn in dieser wichtigen Branche ganze Lieferketten obsolet werden? Was wird aus den Beschäftigten der Hersteller von Getrieben, Kolben oder Auspuffen für Verbrennungsmotoren, wenn Autos keine Getriebe, Kolben oder Auspuffe mehr brauchen? Was wird aus den Bankern, wenn es keine Geldinstitute im heutigen Stil mehr gibt, und wer hilft den Beschäftigten im Einzelhandel, wenn die Internet-Wirtschaft weiter um sich greift, vom Autovertrieb bis zum Gemüseverkauf, und der stationäre Handel auf breiter Front eliminiert wird?

Jeder fünfte Arbeitsplatz könnte bald durch Maschinen ersetzt werden

In den Autokonzernen setzt sich nach langem Zögern die Erkenntnis durch, dass sie sich neue Technologien für die Mobilität der Zukunft ausdenken müssen. Experten in der Branche sagen, das könnte 20 Prozent der Jobs in der heutigen Autoindustrie überflüssig machen: rund 150 000. Wahrscheinlich aber sind es wesentlich mehr. Die OECD sagte gerade voraus, in Deutschland könnte in den kommenden zwei Jahrzehnten beinahe jeder fünfte Arbeitsplatz leicht durch Maschinen und Software ersetzt werden. Bei gut 40 Millionen Beschäftigten wären das mehr als acht Millionen bedrohte Existenzen. Die Deutschen sollten sich anschnallen. Selbst wenn diese Zahlen übertrieben wären: Der Ritt auf der Achterbahn des Digitalzeitalters wird unerfreulich.

Dennoch strahlen die Politiker eine wohlige Zufriedenheit aus, als wollten sie den Bürgern vermitteln, sie hätten die bedrohlichen Zeichen der Zeit verstanden. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nimmt sich mit Autogipfeln scheinbar der Belange einer Schlüsselbranche an. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) propagiert die Idee, mit politischen Mitteln große Unternehmen ( "Nationale Champions") schaffen zu können, die Deutschlands Wirtschaft in der globalen Spitzenliga halten werden. Die Bundesregierung will Milliarden ausgeben für den Bau einer Batteriezellenfabrik in Deutschland. Die Botschaft ist: Wir modernisieren die Wirtschaft.

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Aber kaum jemand in Berlin spricht über Ideen, mit denen die Folgen der technologischen Brüche für Millionen Menschen gemildert werden könnten. Was geschieht mit jenen Menschen, deren Arbeitsplätze bedroht sind? "Ich glaube, dass den Politikern die Dimension des Problems noch gar nicht klar ist", ist das frustrierte Urteil von Manfred Schoch, Betriebsratschef von BMW. Und das, obwohl die Republik seit mehr als einem Jahrzehnt über das Elektroauto diskutiert, das die wichtigste deutsche Industriebranche stark verändern und die Zahl ihrer Arbeitsplätze erheblich verringern wird.

Auch Enzo Weber, Professor am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, sieht Defizite der Bundesregierung. Es gebe einige positive Ansätze, sagt der Ökonom. Zum Beispiel das im Wesentlichen von der SPD betriebene neue Gesetz, mit dem die Weiterqualifizierung der Menschen gefördert werden soll: "Aber das reicht nicht", sagt der Ökonom. Das Tückische dabei: Die Zahl der Arbeitsplätze wird mit der Digitalisierung nicht fallen, aber die Arbeitslosigkeit wird steigen, weil Arbeitskräfte in klassischen Berufen in der digitalen Welt nicht mehr gebraucht werden. Das birgt sozialen Sprengstoff.