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E-Autos in der Nische:Woran es bei der Elektromobilität in Deutschland hapert

Neue Parkplätze und Parkmarkierungen u.a. Schrägparkplätze in der Amalienstraße

Noch gibt es genug Platz an vielen Ladesäulen. Die Elektromobilität kommt in Deutschland noch nicht so Recht in Gang.

(Foto: Florian Peljak)

Deutschland fährt bei der E-Mobilität Ländern wie Norwegen weit hinterher. Wer daran schuld ist und was getan werden muss, um in Zukunft besser voranzukommen.

Zahlen lügen nicht, heißt es oft. Was Unsinn ist. Aus dem Zusammenhang gerissen oder ohne den richtigen Vergleichsmaßstab können Zahlen genauso lügen wie Worte. Das hat vor wenigen Tagen die CDU erlebt, als sie den großspurigen Tweet in die Welt setzte: Deutschland überholt Norwegen bei den E-Autos. Was prompt einen Shitstorm im Netz auslöste, und zwar völlig zu Recht. Denn auch dem mathematisch Unbedarften ist klar, dass es Unfug ist, die Zahl der Elektroautos eines Landes mit 82 Millionen Einwohnern mit der Zahl eines Landes zu vergleichen, das nur fünf Millionen Einwohner hat.

Es kommt auf den prozentualen Anteil an. Und da sieht es für Deutschland trübe aus. Denn während in Norwegen, dem führenden Land Europas in Sachen Elektromobilität, mehr als jedes zweite neu zugelassene Fahrzeug ein Batterieauto oder ein Plug-in-Hybrid (die Kombination aus Verbrennungsmotor und Akku, der per Stecker geladen wird) ist, hinkt Deutschland hier weit hinterher. Laut einer Statistik der Deutschen Automobiltreuhand waren Anfang des Jahres 47 Millionen Pkws in Deutschland zugelassen. Lediglich etwas mehr als 900 000 davon haben einen alternativen Antrieb, wozu auch Fahrzeuge mit Gas-Antrieb gerechnet werden. Das sind weniger als zwei Prozent des Gesamtbestandes. Zwar dürfte die Neuregelung der Dienstwagenbesteuerung, die E-Autos und Plug-in-Hybride begünstigt, nun zu einem leichten Anstieg geführt haben, aber von einer Trendwende hin zur Elektromobilität kann keine Rede sein.

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Zwei Drittel der Deutschen haben kaum eine Möglichkeit, ein Elektroauto zu Hause zu laden. In 96 Prozent der Tiefgaragen gibt es laut ADAC nicht einmal eine gewöhnliche Steckdose.

Es zeigt sich zweierlei: Weder können drohende Fahrverbote einen Bewusstseinswandel erzwingen, noch reichen Prämienangebote allein aus, um Autokäufer zum Umstieg zu bewegen. Der Dieselskandal hat das Dieselland Deutschland und damit die deutsche Autoindustrie zwar härter getroffen als andere, aber die Leute sind dann eben auf entsprechende Benziner ausgewichen. Für die Klimabilanz ist das schlecht, denn wegen ihres höheren Kraftstoffverbrauchs stoßen Benziner mehr CO₂ aus als Diesel. Hier liegt auch der Haken bei einer Hardware-Nachrüstung für ältere Dieselmodelle, um damit möglichen Fahrverboten zu entgehen. Sie treibt den Spritverbrauch und damit den CO₂-Ausstoß nach oben. Man entschärft also ein Problem und verschärft gleichzeitig das - größere - andere.

Für die Zurückhaltung der Autokäufer gibt es mehrere Gründe. Zum einen liegt es am Angebot. Zwar kommen nach und nach immer mehr E-Autos auf den Markt, aber die Modellpalette weist eine seltsame Schieflage auf. Am unteren Ende, bei den Kleinwagen, gibt es inzwischen eine durchaus akzeptable Auswahl. Doch als Erstauto für Familien sind diese Autos zu klein und als Zweitwagen für die Stadt, wo sie den meisten Sinn machen, sind sie zu teuer. Wer kann schon so eben mal 30 000 Euro und mehr für einen emissionsfreien Zweitwagen ausgeben?

Am anderen Ende der Skala setzen vor allem die deutschen Premiumhersteller auf große, schwere und sündteure Autos, um dem US-Konkurrenten Tesla Paroli zu bieten. Was fehlt, ist eine breite - und bezahlbare - Elektrifizierung der Mittelklasse, die für die Mehrheit der Autokäufer relevant ist. Zwar haben die Koreaner entsprechende Autos im Angebot, aber deren Lieferzeiten sind so lang, dass sie auf der Straße noch kaum zu sehen sind. Es wird sich zeigen müssen, ob sich die Situation ändert, wenn der neue VW ID, ein E-Auto im Golfformat, endlich da ist und andere Hersteller ihre Mittelklassemodelle auch als Plug-in-Varianten anbieten.

Ein noch größeres Problem ist die nach wie vor lückenhafte und undurchschaubare Ladeinfrastruktur. Sie gleicht einem Flickenteppich aus unterschiedlichen Anbietern und Bezahlmodellen. Wer außerhalb seines gewohnten Heimatbiotops unterwegs ist, sollte möglichst viele Ladekarten dabei haben und darauf hoffen, dass eine davon an der fremden Ladesäule akzeptiert wird. Es ist eines der größten Versäumnisse der Politik, nicht längst ein einheitliches, transparentes und kundenfreundliches Ladesystem durchgesetzt zuhaben. Bei Geldautomaten funktioniert das in ganz Europa schließlich auch.

Das Zaudern der Politik bei der CO₂-Bepreisung trägt weiter zum diffusen Bild bei. Solange unklar ist, ob und wie viel man für was künftig mehr bezahlen muss, machen die Leute das, was sie in ungewisser Lage immer machen: Sie warten ab.

Nötig wäre angesichts der dramatischen Herausforderungen durch den Klimawandel ein Verkehrsminister, der endlich ernst macht mit einem ökologischen Umbau des gesamten Verkehrssystems. Die Bausteine dafür sind alle bekannt, sie müssen zu einem Gesamtkonzept zusammengefügt werden und jedem muss dabei klar sein: Das wird teuer werden. Doch der derzeitige Amtsinhaber Andreas Scheuer (CSU) hat seinen bisher größten Elan bei der Zulassung von E-Scootern gezeigt. Die sind ein Zeitgeist-Phänomen und haben nichts mit der Lösung urbaner Verkehrsprobleme zu tun. Eher im Gegenteil, wie die ersten Wochen zeigen.

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