Senioren-Stift:Augustinum wurde "arglistig getäuscht"

Senioren-Stift: Die Senioren-Residenz in Dortmund gehört zu den 14 Häusern, um die gestritten wird. Das Augustinum will sich den Zugriff auf die Immobilien sichern.

Die Senioren-Residenz in Dortmund gehört zu den 14 Häusern, um die gestritten wird. Das Augustinum will sich den Zugriff auf die Immobilien sichern.

(Foto: Augustinum)
  • Ermittlungen wegen Betrug und Korruption beim gemeinnützigen Augustinum, dem führenden Betreiber von Senioren-Stiften in Deutschland: Das Landgericht München I will die alten Leute schützen.
  • In einem bislang öffentlich nicht bekannten Urteil heißt es, das Vorgehen einer norddeutschen Immobilienfirma sei "insbesondere deshalb verwerflich", weil Bewohner beunruhigt werden sollten.
  • Das Augustinum versichert, der Bestand der Stifte sei nicht gefährdet, die Wohndarlehen der Senioren seien sicher, und die Preise würden nicht steigen.

Von Bernd Kastner und Klaus Ott

Dubiose Geschäftsleute sollen sich bereichert haben

Dass viele der alten Leute jetzt Angst haben, Angst um ihr Geld, sogar um ihre Bleibe, ist nur zu verständlich. Sie haben sich eingekauft in eines der Senioren-Stifte des gemeinnützigen Augustinums, und nun wird um 14 der 23 Häuser heftig gestritten; vor allem bei Gericht, in insgesamt schon 29 Verfahren. Wem gehören die Immobilien? Wer schuldet wem Hunderte Millionen Euro? Für die insgesamt 7400 Bewohner, nicht wenige von ihnen sind Pflegefälle, ist das alles andere als beruhigend. Sie haben dem evangelisch geprägten Augustinum, dem führenden Betreiber solcher Stifte in Deutschland, Wohn-Darlehen in Höhe von insgesamt mehr als 200 Millionen Euro gegeben. Der Konzern ist, vielleicht auch aus eigenem Verschulden, mitten hineingeraten in einen Kriminalfall, der Staatsanwälte, Insolvenzverwalter und Richter beschäftigt.

Senioren-Stift: SZ-Grafik; Quelle: Augustinum

SZ-Grafik; Quelle: Augustinum

Eine Clique dubioser Geschäftsleute soll das Augustinum "arglistig getäuscht" und ausgenommen haben. Einige von ihnen sollen anschließend auch noch versucht haben, sich auf Kosten der alten Leute in der Seniorenresidenz Aumühle bei Hamburg Vorteile in dem Immobilienstreit zu verschaffen. So sieht es das Landgericht München I in einem Ende 2014 ergangenen, bislang öffentlich nicht bekannten Urteil. Der Justizentscheid richtet sich gegen eine norddeutsche Immobilienfirma, die 14 Stifte gekauft und sogleich ans Augustinum vermietet hatte. Und die nun im Clinch liegt mit dem in München ansässigen Sozialkonzern.

Auf dessen Klage hin untersagte das Landgericht der Firma aus dem Norden, gegenüber den Bewohnern von Aumühle zu behaupten, sie müssten das Haus räumen. Eine solche Vorgehensweise wäre "insbesondere deshalb verwerflich", urteilte das Münchner Landgericht, weil die norddeutsche Immobilienfirma die alten Leute offenbar beunruhigen wolle. Die Firma setze sich über die erheblichen Zweifel, die sich aus den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München I ergäben und die zu Haftbefehlen geführt hätten, einfach hinweg, befand das Landgericht.

Ein anonymes Schreiben löste alles aus

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrug und Korruption gegen die beiden Betreiber der Immobilienfirma, einen Schweizer Geschäftsmann, der den Deal vermittelt haben soll, und einen früheren Chef des Augustinum. Sie bestreiten die Vorwürfe. Die Süddeutsche Zeitung nennt ihre Namen und den der Nord-Firma derzeit nicht, da viele Abläufe des Geschäfts noch unbekannt sind und daher nicht ohne weiteres einzuschätzen ist, wie stichhaltig die Anschuldigungen sind. Die Firma aus dem Norden hat beim Oberlandgericht (OLG) München Berufung eingelegt gegen das Urteil in erster Instanz und behauptet, das Augustinum spiele sich als Anwalt der Stifts-Bewohner auf. Hinter der "geheuchelten Fürsorge" stünden wirtschaftliche Interessen. Der Konzern wolle den Senioren den Eigentumsstreit verschweigen und so verhindern, dass der Skandal im eigenen Hause bekannt werde.

Das gemeinnützige Augustinum hat der Nord-Firma mehr als 662 Millionen Euro Kredit für den Kauf der 14 Häuser gegeben und zusätzlich 66 Millionen Euro für Notar, Steuern und andere Nebenkosten gezahlt. Insgesamt 728 Millionen Euro. Das meiste davon, 518 Millionen Euro, war nach Angaben des Sozialkonzerns Buchgeld, weil Anlagegüter in der Bilanz gegen Darlehen getauscht worden seien. Aber immerhin 210 Millionen Euro wendete das Augustinum gewissermaßen in bar auf, echtes Geld, um den merkwürdigen Deal zu ermöglichen. Und warum das alles? Nur um die eigene Bilanz zu verschönern. Doch daraus wurde nichts.

Augustinum stieß auf Ungereimtheiten

Nach dem Deal mit den 14 Häusern erhielt das Augustinum im Februar 2014 ein anonymes Schreiben mit konkreten Hinweisen darauf, dass man von dem Schweizer Vermittler und den beiden Betreibern der Nord-Firma hintergangen worden sei; mit Hilfe eines damaligen Geschäftsführers des Sozialkonzerns und des früheren, mittlerweile verstorbenen Aufsichtsratschefs Artur Maccari. Das Quintett soll gut 35 Millionen Euro aus den vom Augustinum gezahlten Nebenkosten für sich abgezweigt haben. Zudem sollen die Kaufpreise für die Stifte viel zu gering gewesen sein. Das Augustinum forschte nach, stieß auf Ungereimtheiten, schaltete die Staatsanwaltschaft ein, kündigte die Miet- und Darlehensverträge mit der Nord-Firma und begann, sich mit Hilfe der Ermittler und der Justiz wieder den Zugriff auf die Häuser zu sichern, vorläufig zumindest.

Joachim Gengenbach, als Geschäftsführer noch recht neu im Augustinum und mit den Aufräumarbeiten beschäftigt, ist guter Dinge, dass man ohne großen Schaden davonkomme. Statt der Darlehens-Forderungen habe man bald wieder das Immobilien-Vermögen in der Bilanz stehen. Und die Nebenkosten wolle man sich zu einem "nicht unerheblichen" Teil von dem Quintett zurückholen, von dem man betrogen worden sei, im Falle von Ex-Aufsichtsratschef Maccari aus seinem Nachlass. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Gengenbachs Zuversicht resultiert auch aus dem Urteil des Münchner Landgerichts, in dem beschrieben wird, wie sich einzelne Akteure des Quintetts auf Kosten des Augustinums bereichert hätten. Der Sozialkonzern müsse vor einer "sittenwidrigen Schädigung" geschützt werden, befand das Landgericht im Streit um das Stift in Aumühle und dessen Bewohner.

Den Bewohnern der Stifte haben Gengenbach und Markus Rückert, der Chef der Geschäftsführung, versichert, dass der Bestand des Augustinums nicht gefährdet sei. Auch die Wohn-Darlehen und deren Verzinsung seien gesichert. Und die Pensionspreise würden wegen der "betrügerischen Machenschaften" auch nicht steigen. Man werde in den kommenden Monaten darauf achten, "dass anstehende Gerichtsverfahren das Leben in den Wohnstiften so wenig als möglich tangieren."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB