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Unternehmen:Arbeitnehmer können sich gegen Überwachung wehren

Video-Überwachungskamera

Eine Überwachungskamera ist oft gar nicht nötig, um Arbeitnehmer zu überwachen - Software erledigt diese Aufgabe auch.

(Foto: dpa)

Dass Zalando seine Mitarbeiter offenbar per Software kontrolliert, zeigt: Die Digitalisierung droht Arbeitnehmer zu entmachten. Deshalb sollten sie sich zusammenschließen.

Feedback ist eines dieser stets englischen Blasenwörter, mit denen Personalchefs die Berufswelt vernebeln. Mancher mag dem Zalando-Konzern glauben, dass er mit seiner Software Zonar nur hehre Ziele verfolgt: Etwa Mitarbeitern zu ermöglichen, sich weiterzuentwickeln, indem sie Einschätzungen ihrer Arbeit durch Kollegen bekommen - Feedback. In der Realität jedoch fühlen sich zumindest einige Beschäftigte durch das System überwacht, unfair behandelt und unter Leistungsdruck gesetzt. So zeigt sich an Europas größtem Online-Modehändler exemplarisch, was Arbeitnehmern in der digitalen Ära bevorsteht. Aber: Sie können sich wehren - und die Politik auch.

Die Digitalisierung schickt sich an, das Verhältnis von Kapital und Arbeit auf sehr unterschiedliche Art umzudefinieren. Neoliberalismus, Globalisierung und Automatisierung haben die Macht der Beschäftigten ohnehin reduziert. Nun versuchen Firmen wie Uber, die Beschäftigten unter dem Schlachtruf der Disruption ganz loszuwerden. Selbstständig sollen sie nun sein, statt teuer sozialversichert angestellt. Das Pendant dazu sind in anderen Branchen Clickworker, die mal für diesen, mal für jenen Auftraggeber tätig sind. Gesuchten Spezialisten winken dabei gute Honorare, der großen Masse nicht.

Die digitale Ära könnte auch dazu führen, dass Leistungen flächendeckender kontrolliert - und die Anforderungen verschärft werden. Die Fabrikarbeit haben Firmen schon Anfang des 20. Jahrhunderts in kleine Schritte zerlegt und vermessen. Der Akkord wurde zum Maßstab, was einer schaffen soll. Was dagegen Büromenschen den ganzen Tag machen, blieb für Personaler bis heute schwer zu erfassen. Doch das ändert sich gerade.

Die Digitalisierung ermöglicht, auch Bürotätigkeiten in kleinere Schritte zu zerlegen, zu messen - und Leistungsvorgaben zu machen. In der Reisestelle zum Beispiel soll einer plötzlich 150 Abrechnungen täglich bearbeiten. Er bekommt seine Aufträge wie am Fließband und hat weniger Zeit für Nachfragen. Reisen zu buchen und die Kosten zusammenzustellen, wird auf die reisenden Mitarbeiter verlagert, ohne dass deren übrige Aufgaben reduziert werden. Das Büro wird zur Fabrik.

Ein weiterer Vorstoß ist, Informationen über die Leistung und das Verhalten eines Beschäftigten zu erhalten, die dem Chef oft verborgen bleiben - aber manchem Kollegen nicht. Ist die junge Grafikerin weniger engagiert, seit ihr Baby sie nachts wachhält? Hat der altgediente Vertriebler manchmal einen schlechten Tag, seit die Abteilung umstrukturiert wurde und er Zuständigkeiten verlor? So was kann an Vorgesetzte dringen und zum Nachteil werden, wenn Mitarbeiter sich gegenseitig beurteilen wie bei Zalando. Solche Bewertungen sind auch anfällig für Intrigen.

Die Modeplattform argumentiert zu Recht, dass es "darauf ankommt". Natürlich lassen sich Einschätzungen über Kollegen, pardon, das Feedback, auch positiv einsetzen: Wenn Chefs Mitarbeiter stützen und weiterentwickeln wollen. Wenn dagegen es die Absicht ist, Druck aufzubauen und am Gehalt zu sparen, sieht es anders aus. Dann kann solche Software dazu dienen, die althergebrachte Solidarität zwischen Mitarbeitern aufzubrechen.

Die Politik muss auf die digitale Ära reagieren

Arbeitnehmern sollte klar sein, dass die digitale Ära neben Chancen auch Risiken bedeutet. Gegen die wappnen sich Arbeitnehmer am besten, indem sie sich organisieren: Gewerkschaften und Betriebsräte werden mächtiger, wenn sich Beschäftigte engagieren.

Dabei muss niemand verzagen. Der demografische Wandel gibt den Arbeitnehmern einen Teil der Macht zurück, die ihnen Neoliberalismus und Globalisierung abnahmen. Gerade Fachkräfte sind gefragt. In Deutschland sorgt der lange Boom mit über fünf Millionen zusätzlichen Jobs dafür, dass sich Arbeitnehmer weniger bieten lassen müssen als in den Nullerjahren. Das ist nach Branche und Qualifikation sehr unterschiedlich, aber als allgemeiner Trend doch belastbar.

In jedem Fall ist die Politik gefordert, auf die digitale Ära zu reagieren. So wäre es etwa richtig, die Auftraggeber zur sozialen Absicherung von Clickworkern heranzuziehen. Die Bundesregierung sollte auch die Tarifbindung stärken und dagegen vorgehen, dass manche Unternehmen die Bildung und Arbeit von Betriebsräten behindern. Das hilft Arbeitnehmern, im neuen digitalen Berufsalltag nicht den Kürzeren zu ziehen.

© SZ vom 21.11.2019/vd
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