Kommentar:Der App-Store als Geldmaschine

Max Muth, quer

Illustration: Bernd Schifferdecker

Überall auf der Welt nehmen Behörden Apple ins Visier, doch mit Scheinzugeständnissen zieht sich der Konzern bisher meist aus der Affäre.

Von Max Muth

Entwickler in aller Welt dürften in diesen Tagen neidisch auf Südkorea schauen. Das asiatische Land ist die erste Nation, die sich traut, Apples sicherste Einnahmequelle zu bedrohen: den App-Store, genauer gesagt die Gebühren, die Apple in diesem App-Kaufhaus kassiert. Das dort vom Parlament beschlossene Gesetz zwingt Apple dazu, Entwicklern zu erlauben, andere Zahlungsmöglichkeiten zu nutzen als das konzerneigene System für Abos und In-App-Käufe.

Bislang erinnert Apples Geschäftsmodell an das von Wegelagerern: "Ihr wollt in die Stadt 'App-Store'? Kein Problem, alles, was wir dafür von euch brauchen, sind lächerliche 30 Prozent eurer Einnahmen." Das ist aber ganz schön kostspielig, denkt der damit konfrontierte fahrende Händler. Nein, erwidert der Wegelagerer, das ist nur okay, denn wir bieten unschlagbaren Service, niemand wird euch in App-Store überfallen, und unsere Kunden, die lieben es dort.

Aber immer mehr Regulierungsbehörden in aller Welt stellen sich die Frage, ob Apple seine Marktmacht ausnutzt, um Entwicklern unfaire Bedingungen aufzudrücken. Aus Sicht der Entwickler ist die Sache klar. Für sie sind Apples Regeln ehernes Gesetz. Es gibt keinen anderen Weg, Apps für das Betriebssystem iOS auf Apple-Geräte zu bringen. Wer sich nicht an Apples Regeln hält, kann sich einen anderen Beruf suchen.

Doch die Entwickler klagen, dass ihnen bei 30 Prozent Provision kaum Geld zum Leben bleibt, geschweige denn zum Investieren. Damit möglichst alle Einnahmen bei Apple bleiben, verbietet der Konzern den App-Machern sogar, Kunden darauf hinzuweisen, dass diese ihre Abos auch über die Webseite der App-Anbieter abschließen könnten. Für Apple mag das gut sein, für Entwickler ist es schlecht. Und für Kunden ist es vor allem teuer.

Apple sagt, der App-Store sei sicher, Kundendaten seien dort gut aufgehoben, die Zahlung über den App Store einfach, also sei der Weg über den App-Store auch für Kunden der beste. Kunden dürften das anders sehen. Es gibt im Jahr 2021 mehr als einen Zahlungsanbieter, der Zahlungen kompetent und sicher abwickelt, Datenschutz wird nicht zuletzt dank der Datenschutz-Grundverordnung zumindest in Europa ernst genommen. Und Sicherheit wird bei Apple zwar groß vermarktet, Recherchen zeigen jedoch, dass auch Apple das Thema durchaus ernster nehmen könnte.

Unter wachsendem Druck von Behörden hat Apple in den vergangenen Monaten immer wieder kleinste Zugeständnisse gemacht. Zuerst senkte Apple seine Provision für kleinere Entwickler auf 15 Prozent. Vor rund einer Woche einigte sich Apple mit sammelklagenden US-Entwicklern außergerichtlich und erlaubt nun, dass diese ihre Kunden per E-Mail auf Zahlungsmöglichkeiten außerhalb des App-Stores hinweisen. Und in Japan erreichte die Fair Trade Commission (JFTC) diese Woche, dass sogenannte Reader-Apps künftig einen einzigen Link in ihren Apps platzieren dürfen, der Kunden aus der App auf eine Webseite weiterleitet, wo sie dann ein Konto anlegen und ein Abo abschließen können. Apples Pressestatement dazu lässt keinen Zweifel: Nicht zwei Links oder drei sind erlaubt, sondern nur ein einziger.

Europas Regulierer sollten sich Südkorea zum Vorbild nehmen

Wo sich die Gelegenheit bietet, nutzt Apple solche Scheinzugeständnisse für PR-Offensiven: Großmütig verkündete Apple in dieser Woche, dass es die Änderung aus Japan auch Entwicklern in anderen Ländern gewähren will - Anfang 2022. Dass Apple sich für eine minimale sprachliche Überarbeitung seiner App-Store-Bedingungen wohl bis zu sechs Monate Zeit lassen will, ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass der Konzern jeden Monat rund eine Milliarde Dollar mit seiner App-Store-Steuer einnimmt. Alles, was diesen Geldsegen bedroht, will natürlich wohlüberlegt und gern auch noch einmal verschoben werden.

Anders liegt der Fall in Südkorea, hier diktierte nicht Apple die Regeln einer Einigung, sondern der Gesetzgeber wurde aktiv. Diese Änderungen werden Entwicklern sofort zugute kommen. Die vergangenen Monate haben gezeigt: Apple bewegt sich nur, wenn es unbedingt muss. Darum sollten sich Europas Regulierungsbehörden ein Beispiel an Südkorea nehmen, im Interesse der Entwickler - und der Kunden.

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