Industrie-Cloud Warum der Deal von VW mit Amazon besonders ist

Die sogenannte "Industrie-Cloud" von Amazon soll helfen, die Produktivität in der Fertigung von Volkswagen binnen sechs Jahren um 30 Prozent zu steigern. Ein Autoturm auf dem VW-Werksgelände.

(Foto: Peter Steffen/dpa)
  • Volkswagen will mit Amazon in den kommenden fünf Jahren an einer umfangreichen Vernetzung aller Produktionsanlagen arbeiten.
  • Auf diese Weise soll die Produktivität in der Fertigung binnen weniger Jahre um knapp ein Drittel steigen.
Von Max Hägler und Helmut Martin-Jung

Monitore in der Konzernzentrale in Wolfsburg statt Drehschalter in der Autofabrik in Chattanooga. Wenn man es so zusammenfasst, wird deutlich, wie bedeutsam die Partnerschaft ist, die der Volkswagen-Konzern gerade eingeht. Mit dem großen IT-Unternehmen Amazon wird der Fahrzeugbauer in den kommenden fünf Jahren an einer Vernetzung aller Werke, Lager, Roboter und Maschinen arbeiten. Die sogenannte "Industrie-Cloud" soll helfen, die Produktivität in der Fertigung binnen sechs Jahren um 30 Prozent zu steigern. Etwa 220 Software-Spezialisten beider Häuser arbeiten dafür ab sofort an Diensten und Funktionen.

122 Fabriken betreibt der Konzern weltweit. Für zwölf Marken - von Audi über MAN bis Skoda und VW - bauen sie mehr als zehn Millionen Autos und Laster pro Jahr. Es ist ein Konzert, das in einem klaren Takt läuft. Der Vertrieb fordert mehr Wagen eines Modells an, das Werk plant das ein, die Planer schicken veränderte Bestellungen an die Zulieferfirmen hinaus - die dann wieder, just in time, anliefern sollen, damit auf den Bändern alles montiert werden kann. Deutsche Autobauer sind darin verhältnismäßig meisterhaft.

Bayerische Datenwerke

100 000 Rechenkerne und dazu noch mehr als 200 Grafikkarten - es ist ein veritabler Supercomputer, den BMW an diesem Mittwoch vorgestellt hat. Die Anlage komplettiert die IT-Plattform D3. D3, das steht für "data driven development", also datengetriebene Entwicklung. BMW setzt die Plattform bei der Forschung an autonomen Fahrzeugen ein. Ist man doch bei den Münchnern fest davon überzeugt, dass die Zukunft hoch- und irgendwann auch vollautomatisierten Fahrzeugen gehöre. Aber wozu braucht es so viel PS im Rechenzentrum? Autonome Fahrzeuge müssen in der Lage sein, über ihre Sensoren und Kameras viele Daten zu erfassen und dann alle möglichen Situationen zu beurteilen. Doch lassen sich selbstfahrende Autos nicht für alle theoretisch möglichen Situationen programmieren. Sie müssen selbst lernen, in den verschiedenen Situationen Muster zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Dazu schickt BMW mehr als 100 Fahrzeuge auf Straßen in verschiedenen Weltregionen, die insgesamt fünf Millionen Testkilometer fahren werden. Aus diesen werden die zwei Millionen Kilometer mit den interessantesten Fahrszenarien und Umweltfaktoren wie etwa Sonne, Schnee oder Regen ausgesucht und analysiert. Dazu kommen noch Daten aus 240 Millionen Testkilometern, die am Computer simuliert werden, auf Basis der besonders relevanten Daten aus den realen Testfahrten. Täglich werden dabei mehr als 1500 Terabyte an Rohdaten gesammelt. Um diese Masse schnell zu verarbeiten, braucht es den Supercomputer. Der wurde auch bewusst in der Nähe des Testgeländes in Unterschleißheim gebaut und mit 96 schnellen Glasfaserleitungen angebunden. Helmut Martin-Jung

Aber es geht noch besser, glauben sie bei VW. Konzernchef Herbert Diess sagte unlängst auf einer Betriebsversammlung, Volkswagen sei "im Wettbewerbsvergleich in unseren Fabriken und in der Verwaltung langsamer und weniger produktiv". Gefährliche Umstände in Zeiten, in denen ein Autobauer viel Geld in die Entwicklung neuer Antriebe oder Roboterfunktionen stecken muss. Tatsächlich besteht die Produktionsplanung aus einem Gewirr von Listen, Tabellen, Computersystemen, die überall unterschiedlich gehandhabt werden: Die Zentrale in Wolfsburg hat keine Live-Daten darüber, was das Werk in Chattanooga, USA, genau macht zu einem bestimmten Zeitpunkt. Und schon gar nicht dazu, welche Maschine gerade läuft oder wo Material fehlt.

"Wachsendes industrielles Ökosystem"

Das soll sich bald ändern mit Hilfe von Amazon, so hoffen sie in Wolfsburg. Die höhere Transparenz soll Geld sparen und die Qualität der Fertigung erhöhen. "Wir werden die Produktion als Wettbewerbsfaktor für den Volkswagen-Konzern weiter stärken", beschreibt es etwas umständlich Oliver Blume, der Porsche-Chef ist und im Vorstand der Konzernmutter Volkswagen für das Zusammenspiel der Fabriken zuständig. Ihm schwebt vor, dass aus der Zusammenarbeit mit Amazon ein "wachsendes industrielles Ökosystem" wird, das auch die 1500 Zulieferfirmen mit ihren über 30 000 Standorten vernetzt. Ja, langfristig sollen sogar andere Hersteller und deren Fabriken vernetzt werden in dieser "offenen Plattform". Von der Datenbasis würden alle Partner profitieren. Amazon würde dabei "mit seinem Technologie-Know-how" die Grundlagen schaffen für eine solche "Industrie-Cloud".

Der Begriff dabei, diese "Cloud", kennen mittlerweile auch normale Internetnutzer: Sie laden Fotos in die Cloud hoch oder speichern dort in der Arbeit Daten. Tatsächlich ging es anfangs vor allem darum, Speicheraufgaben und Rechenaufgaben in Datenzentren zu verlagern, die per Internet angebunden sind. Damit steigt die Sicherheit vor Verlusten, weil in Datenzentren die Informationen mehrfach vorhanden sind. Und es lassen sich auch Kosten sparen, weil Endkunden oder Firmen nicht vor Ort große Server betreiben müssen.

Bei Unternehmen wie VW, die weltweit arbeiten, kommt ein anderer Aspekt hinzu. Die Daten, die bei der Produktion in immer schneller wachsender Menge anfallen, müssen im gesamten Konzern zur Verfügung stehen. Nur so lässt sich die Produktivität noch weiter steigern, nur so kann Software mithilfe von künstlicher Intelligenz die Abläufe durchleuchten und optimieren und im Zweifel auch Anlagen steuern. Damit wird aus dem bloßen Speichern und Rechnen eine beinahe vollständige Vernetzung und Steuerung, die in der Wirtschaft als "Industrie 4.0", "Internet der Dinge" oder "Digitale Fabrik" bekannt ist.

Bislang hatten deutsche Industriekonzerne Wert darauf gelegt, dass man hierzulande führend sei bei solchen Fabrikvernetzungen. Dass Europas größter Industriekonzern nun in genau diesem Feld mit einem US-Anbieter zusammenarbeiten wird, sorgt für Unruhe, ist aber für Datenexperten nachvollziehbar. "Die Potenziale müssen riesig sein", vermutet Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. "Wenn man sich vor Augen hält, was in viel kleineren Organisationen durch zu lange Informationswege und ungenügende Informationsqualität verloren geht."

Amazon kennen viele als Handelskonzern. Aber die Firma ist auch Cloud-Marktführer.

(Foto: Michaela Rehle/Reuters)

Globaler Marktführer im Cloud-Geschäft

Amazon ist den meisten Menschen vor allem als Einkaufsplattform bekannt, bei der sich so ungefähr alles bestellen lässt. Aber aus dem Betrieb der eigenen Handels-Server hat das Unternehmen von Jeff Bezos mittlerweile derart viel gelernt, dass Amazon zum globalen Marktführer in Sachen Cloud geworden ist, vor Google und Microsoft. Bislang liefen auf Amazon-Servern vor allem Standard-Datenbanken und Dienste. So lädt etwa die Bundespolizei Videoaufnahmen ihrer Einsätze auf Amazon-Servern hoch.

Doch der Konzern pumpt enorme Summen in Forschung und Entwicklung, insgesamt waren es im vergangenen Geschäftsjahr 22,6 Milliarden Dollar. Viel davon fließt in die Weiterentwicklung der Cloud-Dienste. Im vergangenen Jahr wuchsen die Amazon Web Services (AWS) um fast 50 Prozent. Für die Kooperation mit Volkswagen waren übrigens auch die Wurzeln von Amazon hilfreich: VW schätzt Amazons Erfahrung bei Logistik und Lieferketten.

Streaming-Dienste wie Netflix und Spotify nutzen Amazon-Systeme. Mittlerweile hat der Konzern aus Seattle aber auch Kunden aus dem industriellen Umfeld gewonnen, etwa den Sportartikelhersteller Adidas oder den Technologiekonzern Siemens. Volkswagen aber ist ein noch bedeutenderer Schlüsselkunde: Gelingt Amazon dort die angestrebte Digitalisierung, kann Amazon seine Dienste künftig ganz bewusst auch Industriefirmen anbieten. Insofern ergibt es Sinn, dass dieses Geschäft eingeleitet wurde mit einem Selfie von Amazon-Chef Bezos und VW-Chef Diess. Der hatte das auf dem Internetportal Linkedin kommentiert mit: "Freue mich, gemeinsam die Zukunft zu gestalten."

Unter den früheren VW-Chefs sei dergleichen kaum vorstellbar gewesen, sagt Branchenexperte Pieper, VW habe sich lange gegen eine Zusammenarbeit mit den Tech-Giganten aus den USA gewehrt. Doch wenn VW per Vernetzung nur zwei Prozent der Kosten spare, rede man schon von bis zu vier Milliarden Euro.

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