Alternativen Radikal schrumpfen

Der Ökonom Serge Latouche glaubt nicht, dass der Kapitalismus reformiert werden kann und soll. Wachstum könne grundsätzlich nicht nachhaltig sein. Es basiere auf immer mehr Konsum, und das sei im Ansatz falsch.

Die Rettung vor dem Kapitalismus muss radikal sein. Der Franzose Serge Latouche glaubt nicht daran, dass der Kapitalismus reformiert werden kann und soll: "Es geht nicht darum, den Kapitalismus zu retten - es gibt keinen verträglichen Kapitalismus", sagt Latouche. Wachstum könne grundsätzlich nicht nachhaltig sein: Es basiere auf immer mehr Konsum - und der sei schon lange nicht mehr dazu da, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, sondern zu einem Selbstzweck verkommen.

Latouche, emeritierter Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Paris-Süd, gilt als Vordenker der französischen Décroissance-Bewegung. Décroissance lässt sich mit "Wachstumsrücknahme" ins Deutsche übersetzen. Die Verfechter dieses Ansatzes kommen vor allem aus Frankreich, aber auch aus anderen Ländern. Sie wollen das Wirtschaftswachstum nicht nur stoppen, sondern sogar ins Gegenteil verkehren: Die Wirtschaft soll schrumpfen. Dazu sollen die Menschen auf Konsum verzichten und sich freiwillig auf das Notwendige beschränken.

Décroissance sieht sich als radikale Bewegung und setzt auf zivilen Ungehorsam: Sie bauen Müllberge aus Werbung, die in Briefkästen landen, schalten Lichter bei Leuchtreklamen aus oder wandern einen Monat lang durch Frankreich. Doch die Aktivisten machen auch konventionelle politische Arbeit: Mit der Décroissance-Partei treten sie in Frankreich bei landesweiten Wahlen an, die Ergebnisse liegen im Promille-Bereich.

Wie soll ein Wachstumsrückgang konkret aussehen? Das will Latouche nicht sagen: "Décroissance ist lediglich der Leitbegriff einer radikalen Kritik, um eingefahrene ökonomistische Terminologie bloßzulegen", meint der 75-jährige Wirtschaftswissenschaftler. Der erste und unbedingt notwendige Schritt dazu: kapitalistisches Denken aus den Köpfen zu bekommen. Latouche glaubt, dass das keine vergebliche Hoffnung ist: "Ein Kulturwandel ist ein langsamer Prozess, aber manchmal gibt es Brüche. Ich habe 1968 erlebt. Es war beeindruckend, wie schnell da viele Menschen ihr Denken änderten."

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