bedeckt München
vgwortpixel

 Air Berlin:Wie sich der deutsche Flugmarkt verändert

Gläubigerauschuss berät über Kaufangebote für Air Berlin

Ein letzter Blick auf Air Berlin: Von ihrer pinken Optik hat sich die Fluggesellschaft schon lange verabschiedet, bald dürfte die Marke komplett verschwinden.

(Foto: dpa)

Lufthansa und Easyjet sehen aus wie die Gewinner im Poker um die Überreste von Air Berlin. Was passiert nun?

Über die Zukunft von Air Berlin ist entschieden, zumindest stehen die großen Linien fest: Der Gläubigerausschuss hat am Donnerstag beschlossen, mit Lufthansa und Easyjet weiter zu verhandeln. Der Ausschuss hat aus unterschiedlichen Gründen einige zuletzt prominent gespielte Vorschläge ausgeschlossen, darunter offenbar auch das Konsortium von Condor und Niki Lauda. Auch aus dem Rennen sind die British-Airways-Muttergesellschaft International Airlines Group (IAG) sowie die Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl und Utz Claassen. Die Unterlegenen übten teils scharfe Kritik, Wöhrl ist "entsetzt", Claassen erwägt juristische Schritte. Lufthansa will bis zu 78 Flugzeuge, die bei Air Berlin im Einsatz waren, sowie die Tochterfirma Niki übernehmen. Easyjet hat Interesse an der Regionalsparte Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW) sowie weiteren Flugzeugen. Einige wichtige Fragen sind bis zu einer endgültigen Entscheidung noch offen. Ein Überblick.

Wie geht es nun weiter?

Wie geht es nun weiter? Der Verwaltungsrat der Air Berlin trifft sich am kommenden Montag um elf Uhr, um über die Ergebnisse der Gläubigerausschusssitzung zu beraten. Formal muss er, während die vorläufige Insolvenz in Eigenverwaltung läuft, den Entscheidungen der Gläubiger zustimmen. Da noch viele Details zu klären sind, sollen die Gespräche nach derzeitigem Stand erst am 12. Oktober abgeschlossen sein. Die Wettbewerbsbehörden müssen dem Transfer zustimmen. Sachwalter Lucas Flöther rechnet damit, dass dies bis Ende des Jahres dauern dürfte. Damit würden Flugzeuge und Unternehmensteile Anfang 2018 an ihre neuen Eigentümer übertragen.

Luftfahrt Vorentscheidung für die Lufthansa im Streit um Air Berlin
Nach der Insolvenz

Vorentscheidung für die Lufthansa im Streit um Air Berlin

Doch auch Easyjet und Condor könnten dem Gläubigerausschuss zufolge Teile der insolventen Fluglinie erhalten. Noch bis Mitte Oktober soll weiter verhandelt werden.   Von Jens Flottau, Frankfurt, Markus Balser, Brüssel, und Ulrich Schäfer

Wie genau wird der Transfer organisiert und was wird eigentlich verkauft?

Es geht in erster Linie um die beiden Tochter-Flugbetriebe Niki und LGW, dazu kommt die Air Berlin Technik. Eine große Schwierigkeit liegt darin, dass Start- und Landezeiten an den Flughäfen nicht verkauft werden können und dass die Flugzeuge nicht Air Berlin gehören. Daher sollen die Jets der Muttergesellschaft Air Berlin vor dem Verkauf auf Niki und LGW verteilt und dann als Teil der beiden Firmen an die neuen Eigentümer übertragen werden. Die Käufer wollen unter allen Umständen einen Betriebsübergang der alten Air Berlin vermeiden - denn dann müssten sie auch die teuren Tarifverträge sowie Mitarbeiter der Verwaltung übernehmen, für die sie gar keinen Bedarf haben. Sie könnten die Übernommenen nicht zu ihren eigenen Bedingungen einstellen. Bei Gewerkschaften und Mitarbeitern stößt dieses Vorgehen auf Kritik.

Was bedeutet das für das Flugangebot in Deutschland?

Wenn Air Berlin verschwindet, ist das ein gravierender Einschnitt für den Luftverkehr in Deutschland und vor allem für den Flughafen Düsseldorf. Denn da keiner der ausgewählten Käufer die Langstreckenmaschinen weiterbetreiben will, wird das Angebot an Interkontinentalverbindungen dort drastisch zurückgehen. Bereits Anfang kommender Woche werden zehn der 17 Airbus A330 an die Leasingfirma Aer Cap zurückgegeben, angeblich will Air Berlin die restlichen Langstreckenverbindungen Mitte Oktober aufgeben. Condor und Eurowings haben zwar angekündigt, neue Strecken von Düsseldorf in die Karibik zu eröffnen, doch klassische Geschäftsreiseverbindungen wie nach New York, Boston oder Chicago fallen nun erst einmal weg. Auch die 20 Regionalflugzeuge vom Typ Bombardier Q400 dürften in den nächsten Monaten verschwinden. Da Lufthansa schon etwa 20 ältere Jets durch von Air Berlin übernommene Maschinen ersetzt hat, dürften unter dem Strich rund 60 Flugzeuge vom deutschen Markt verschwinden.

Welche Folgen hat das für die Flugpreise?

Mit dem Aus für Air Berlin wird das Angebot an Strecken je nach Region zumindest temporär zurückgehen. Neben Düsseldorf ist Berlin am stärksten betroffen. In der Theorie führt ein knapperes Angebot zu höheren Preisen.

In der Praxis allerdings stellt sich die Lage differenzierter dar: Höhere Preise sind in der Vergangenheit vor allem auf Monopolstrecken zu beobachten gewesen. Historisch gesehen sind die Flugpreise im Durchschnitt in den vergangenen Jahrzehnten gesunken. Wie sich das Preisniveau in Deutschland entwickeln wird, hängt vor allem von Ryanair und Easyjet ab: Sie könnten die Gelegenheit nutzen, mit oder ohne ehemaligen Air-Berlin-Flugzeugen in Deutschland zu wachsen. Easyjet ist nun im engsten Bieterkreis, das Unternehmen hat sich aber noch nicht konkret dazu geäußert, welche Strecken es aufbauen oder übernehmen will. Neben dem innerdeutschen Verkehr könnte Lufthansa nun auch auf Ferienstrecken deutlich dazugewinnen.

Was bedeuten die neuesten Entwicklungen für die Mitarbeiter von Air Berlin?

Vor allem für die Beschäftigten der Verwaltung sind die Aussichten schlecht, bei einem der beiden Käufer unterzukommen. Etwas mehr Grund zur Hoffnung gibt es für die Mitarbeiter der Air Berlin Technik und der Frachtsparte Leisure Cargo: Zwar wollen weder Easyjet noch Lufthansa die Bereiche übernehmen, jedoch haben andere Bieter Interesse an den Töchtern gezeigt. Sollten sie die Unternehmen tatsächlich kaufen, müssten sie auch die Mitarbeiter übernehmen.

Wie sehr verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter, die übernommen werden?

Piloten und Flugbegleiter müssten, wenn sie neue Jobs bei Eurowings bekommen, deutliche Einbußen beim Gehalt in Kauf nehmen. Sie müssen sich dort auch neu bewerben und werden nicht automatisch angestellt. Die Gewerkschaften Verdi und UFO haben für die Flugbegleiter aber mit Eurowings bereits Tarifverträge abgeschlossen, die beim Ausbau helfen sollen.

Ryanair Rebellion im Cockpit

Ryanair

Rebellion im Cockpit

Ryanair muss bis Ende Oktober mehr als 2000 Flüge streichen, weil Piloten fehlen. Die Ryanair-Piloten fordern in einem Brief nun bessere Arbeitsbedingungen - nur dann wollen sie ihrem Arbeitgeber entgegenkommen.   Von Katja Riedel